Syrien Die verratene Revolution

Im verheerenden Krieg in Syrien gehen auch die Ideen der gewaltfreien, säkularen Protestbe-wegung unter. Ihre Mitglieder füttern im Exil die sozialen Medien, komponieren Protestlieder und zeichnen Karikaturen.

Es ist tiefe Nacht. Von der Terrasse eines alten Kairoer Hotels steigt der Apfelduft aus den Wasserpfeifen auf. Die Biergläser sind voll. An den Tischchen versuchen etwa zehn syrische Oppositionelle, die Leiden des Exils zu vergessen. Von Beruf sind sie Dichter, Webdesigner, Regisseur, Kaufmann, Arzt, Musiker und Ausbildnerin. Vor über anderthalb Jahren gehörten sie in Homs, Aleppo und Damaskus zur Spitze einer kreativen, gewaltlosen, säkularen Protestbewegung des Arabischen Frühlings. Ja, säkular, denn Khater und Khalaf sind Sunniten, Rita ist Alawitin, Maan Druse, Fadi Christ, Farzand ist Kurde und Wassim Atheist. Die wahnwitzige Repression durch das Regime hat ihr Schicksal verändert. Viele Gefährten der ersten Demonstrationen wurden im Gefängnis oder durch Bomben getötet. Die übrigen sind geflohen. Aus dem Exil versuchen sie nun, die Revolution wenigstens im Internet zu unterstützen, um Nachrichten und Ideen in Umlauf zu bringen. Dieselben Ideen, die ein Jahr lang die syrische Revolution nährten und heute zu sterben drohen, zusammen mit den Tausenden von Opfern eines grausamen Krieges.

Vor über achtzehn Monaten hätte keiner von ihnen geglaubt, dass die Revolution mit Waffen ausgetragen würde. Wassim war zu Beginn überzeugt, der Sturz des Regimes sei eine Frage von Wochen, wie zuvor in Tunesien und Ägypten. Und als er im April 2011 verhaftet wurde, war seine einzige Sorge, dass er jenen historischen Augenblick nicht zusammen mit seinen Gefährten erleben würde. Sträflicher Optimismus, räumt er rückblickend ein.

Vor der Revolution besass Wassim eine florierende Informatikfirma. Seit der Flucht hat er zwischen Beirut und Istanbul seine ganzen Ersparnisse zur Unterstützung der gewaltlosen Bewegung eingesetzt. Heute ist er mittellos, in Kairo gestrandet. Zusammen mit einem ebenfalls geflohenen Mitglied der Studentenbewegung von Aleppo lebt er in einer kleinen Wohnung in Saad Zaghloul. Er schenkt ein Glas Raki ein. Mit Wasser und ein paar Eiswürfeln verdünnt. Wassim will nichts davon hören,  mit der Freien Syrischen Armee zu kämpfen. Er ist überzeugt, dass der Krieg ein Fehler war: «Der Kriegt wird diktiert von den Golfstaaten und den Amerikanern, um Assad durch eine befreundete islamistische Regierung zu ersetzen und dadurch die Hisbollah und den Iran zu schwächen.»

Freiwillige Reporter

Dank Leuten wie den Oppositionellen auf der Terrasse des Kairoer Hotels erfährt die Aussenwelt überhaupt etwas über die Geschehnisse in Syrien. Die ausländischen Medienschaffenden berichten nur über Aleppo. Es ist zu gefährlich, sich weiter ins Land hinein zu wagen. Dennoch gelangen täglich Tausende von Videos aus allen syrischen Kleinstädten und aus den Quartieren von Damaskus und Aleppo ins Netz. Aufgenommen und auf Facebook geteilt von freiwilligen syrischen Reportern.

Auch Wassim war ein paar Monate an der Informationsfront tätig. Doch das scheint ewig her. «Heute kann die Bürgerbewegung nicht mehr arbeiten. Wenn die Armee in einer Stadt ist, übertönen die Explosionen unsere Stimme. Es bleibt nur Facebook. Wir wollen dem Ausland zeigen, dass die syrische Revolution nicht nur Krieg ist. Dass da ein Gedanke und Träume dahinterstecken.»

Angst vor Islamisten

Manche Ägypter fragen Wassim, wie sie nach Syrien kommen, um im Jihad zu kämpfen und die Sunniten zu verteidigen. «Sie meinen, dies sei ein Krieg zwischen Sunniten und Schiiten, sie verstehen nicht, dass dies eine Revolution ist. Weil die Betreiber von Al Jazeera und Al Arabiya, Saudi-Arabien und Katar, einer klaren politischen Agenda folgen und die Nachrichten verzerrt wiedergeben», beklagt er. Diese Agenda erschreckt ihn und die übrigen Aktivisten: «Die Freie Armee wird nur von islamistischen Regierungen finanziert: Saudi-Arabien, Katar, Türkei. Und die USA unterstützen, wie schon in Ägypten, die Muslimbrüder.» Die Freie Syrische Armee hat keine islamistische Ideologie, doch sie braucht dringend Geld und Waffen. «Sie haben libysche und tschetschenische Kämpfer nach Syrien geholt. Ihre radikalen Ideen machen uns Angst. Wir wollen keinen islamischen Staat. Noch sind sie eine Minderheit, doch sie sind eine Gefahr. Auch weil die internationale Presse nur von ihnen spricht und so die Revolution diskreditiert.»

Dasselbe tut das Regime mit seiner Propaganda. Geschickt schürt es die Angst. «Als das Video erschien, in dem Kämpfer der Freien Armee von Feriana einigen Alawiten die Kehle durchschnitten, weil sie sie verdächtigten, den Shabbiha-Milizen anzugehören, zeigte das Regime die Bilder am Fernsehen und sagte dazu: So werden die Terroristen die Alawiten und Christen abschlachten, wenn sie den Krieg gewinnen», sagt Wassim. Aus Angst würden noch immer 25 Prozent der SyrerInnen das Regime unterstützen. Weitere 50 Prozent stellen sich weder auf die eine noch auf die andere Seite. Sie hassen das Regime, doch haben sie Angst, es laut zu sagen. Oder sie sind entsetzt darüber, welchen Verlauf die Revolution genommen hat.

Zu ihnen gehört Dr. Farzand. Er ist Arzt aus Aleppo, Kurde, um die 40, Vater von zwei Kindern. Vor einem Jahr demonstrierte er gegen das Regime. Nun hat er Syrien verlassen, um die Familie in Sicherheit zu bringen. Er spricht mit Tränen in den Augen, wägt jedes Wort ab: «Vor einem Jahr hatten wir einen Traum: den Aufbau des Syriens der Zukunft. Wir sahen das Ende des Regimes nicht als Ziel, sondern als nötigen Schritt auf dem Weg zu Freiheit, Recht und Gerechtigkeit. Der Krieg hat all das zerstört. Ich will nicht, dass das Regime stürzt und dann ein anderes kommt. Ich will nicht, dass für den Sturz des Regimes das Blut Zehntausender Unschuldiger vergossen werden muss.»

Die Absage der syrischen Pazifisten und Pazifistinnen an den Krieg ist keine Anklage gegen die Freie Armee, sondern entspringt der bitteren Erkenntnis, dass die beispiellose Brutalität des Regimes das Land in eine Gewaltspirale getrieben hat, von der niemand weiss, wo sie enden wird. Dem syrischen Volk ist nichts geblieben, als sich an die Waffen und an die Religion zu klammern. Nicht mehr für die Revolution. Nur noch, um das eigene Leben zu retten.

Von Gabriele Del Grande

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2012
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion