Musik «Mein Spitzname war Anwältin»

Die Mezzosopranistin Christina Daletska findet zwischen ihren Auftritten in London, Salzburg oder Zürich die Zeit, um sich für die Menschenrechte zu engagieren. Die Amnesty-Botschafterin berichtet über ihre Kindheit in der Ukraine und ihren ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Christina Daletska Christina Daletska. © ZVG

AMNESTY: Sie sagen, wenn Beethoven heute leben würde, wäre er ein Verfechter der Menschenrechtserklärung und womöglich Amnesty-Mitglied. Wie kommen Sie darauf?
Christina Daletska: Dafür muss man nur sein Werk und seinen Charakter unter die Lupe nehmen. Als junger Mann äusserte sich Beethoven mehrmals positiv zu den Idealen der französischen Revolution und war zu Beginn ein glühender Anhänger von Napoleon. Doch als Napoleon sich zum Kaiser ernannte, zog Beethoven wütend die Widmung seiner Eroica-Sinfonie zurück und sagte: «Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füssen treten, nur seinem Ehrgeiz frönen, ein Tyrann werden!» Beethovens Oper «Fidelio» ist das bekannteste Werk zum Thema Gerechtigkeit und Freiheit im gesamten Opernrepertoire. Sie erzählt die Befreiungsgeschichte von Florestan, einem Gefangenen, der nur wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte verhaftet worden ist. Auch die Ausrufe «Seid umschlungen, Millionen!» und «Alle Menschen werden Brüder» in Beethovens Neunter Sinfonie zu Schillers «Ode an die Freude» waren damals einmalig in der Musik.

Sie sind in der Ukraine aufgewachsen und haben als Kind das Ende des Kommunismus miterlebt. Erinnern Sie sich noch an diese Zeit?
Ich kann mich bestens an die «Menschenkette» erinnern, die am 22. Januar 1990 von Kiew nach Lemberg geführt und an die Vereinigung der Westukrainischen mit der Ukrainischen Republik von 1919 erinnert hat. Ich war bei dieser Menschenkette fünf Jahre alt und habe mit meiner Familie mitgemacht. Im ganzen Land war eine grosse Erhebung zu spüren. Die meisten Bürger hatten damals kein Auto, trotzdem waren etwa drei Millionen Menschen auf den Strassen, und die Kette hielt fast ununterbrochen! Ich erinnere mich auch an banale Erlebnisse im Kommunismus. Zum Beispiel, dass ich mit meiner Grossmutter zwei Stunden in der Schlange stehen musste, um 200 Gramm Butter zu kaufen. Heute kommt mir das wie eine komische Filmparodie vor!

Was denken Sie über die aktuelle politische Lage in der Ukraine?
Im Osten und Westen des Landes gibt es grundsätzlich andere Auffassungen. Im Osten ist die Nähe zu Russland, zu dessem politischen System und auch zur russischen Sprache sehr spürbar, im Westen sind uns der Schutz der Landessprache, also des Ukrainischen, der Kampf gegen Korruption und die Annäherung an die EU-Länder wichtig. Ich wünsche mir sehr, dass die Politiker endlich lernen, «erwachsen» zu sein. Sie müssen verstehen, dass Ereignisse wie die Inhaftierung von Julia Timoschenko oder auch die Kampfszenen aus dem Parlament den EU-Beitritt mit Sicherheit nicht beschleunigen!

Sie reisen für Ihre Auftritte rund um die Welt. Wie stark ist heute Ihr Bezug zum Land Ihrer Jugend noch?
Ich sehe mich eher als «Weltbürgerin». Mein Engagement für die Menschenrechte bezieht sich keineswegs nur auf Osteuropa. Die Ereignisse in der Ukraine, egal ob negative oder positive, rühren mich aber manchmal fast zu Tränen. Es freut mich, dass viele Menschen, die noch vor zehn Jahren auf der Suche nach Arbeit ausgewandert sind, nun ins Land zurückkehren. Ich selber bin auch viele Jahre nach dem Wegzug meinen Freunden in der Ukraine treu geblieben.

Wieso engagieren Sie sich für die Menschenrechte und für Amnesty International? Woher kommt Ihr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden?
Schon als ich ein Teenager war, gab man mir den Spitznamen Anwältin. Der Gerechtigkeitssinn war schon immer ein grosser Teil meines Charakters. Zudem bin ich in einem Land aufgewachsen, wo die Menschenrechte eben noch nicht auf einem angemessenen Niveau sind und die Korruption selbst für ein Kind überall zu spüren war. Als ich vor Jahren zum ersten Mal die Website mit den Amnesty-Briefaktionen besuchte, war ich schockiert über all das Unrecht. Gleichzeitig war ich glücklich, da ich realisierte, wie einfach und wirksam die Aktionen sein können. Viel zu viele Menschen akzeptieren Ungerechtigkeiten und sagen resignierend: «Wir können nichts dagegen machen.» Amnesty beweist, dass man sehr wohl etwas machen kann! Und es braucht gar nicht immer viel Zeit: Man kann eine Online-Aktion unterschreiben oder einen Inhalt im Web teilen.

Welche Rechte liegen Ihnen besonders am Herzen?
Leider gibt es so viele Ungerechtigkeiten in dieser Welt, dass man fast nicht entscheiden kann, welche die schlimmsten sind. Frauenrechte, Todesstrafe und Rassismus sind für mich die «Top 3». Im Grunde genommen sind sie ja oft eng miteinander verzahnt, wie etwa die Geschichte des pakistanischen Mädchens Malala Yousafzai zeigt. Ich habe auch eine sehr konsequente Haltung zur Todesstrafe: Ich besuche keine Länder, die sie beibehalten haben. Keine Auftritte für mich in den USA und China, um zwei Beispiele zu nennen. Ich bin natürlich nicht die erste Musikerin, die eine ähnliche Haltung vertritt. Pablo Casals und Manuel de Falla weigerten sich jahrzehntelang, Spanien zu betreten, solange Franco an der Macht war. Und der polnische Pianist Krystian Zimmermann reist nicht mehr in die USA.


Nächste Auftritte:

9. März: Theater Bern – Rossini, «La Cenerentola»
15. und 17. März: St. Peter, Zürich – Bach & Homilius
7., 13. und 14. April: Zürich und Winterthur - Honegger, «Le Roi David»
26. Mai: Theater Bern – Händel, «Il Trionfo del Tempo e del Disinganno»
Detaillierte Informationen und weitere Veranstaltungen unter www.daletska.com.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Februar 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion