Véra Tchérémissinoff sucht den Dialog mit Roma-Familien. © AI
Véra Tchérémissinoff sucht den Dialog mit Roma-Familien. © AI

Schweiz Leben auf dem Parkplatz

In ihrem Fiat Panda fährt sie quer durch Lausanne und trifft sich mit den Roma, die gerade in der Stadt sind: Véra Tchérémissinoff tut alles, um den Angehörigen dieser Minderheit ein wenig Würde zurückzugeben.

«Man weigert sich, ihnen Arbeit zu geben, und vertreibt sie überall in Europa. Ich halte das kaum aus», empört sich Véra Tchérémissinoff. Sie wirkt gleichzeitig fragil und sehr entschlossen. Früher unterstützte sie Evo Morales, damals, als er noch ein gewöhnlicher Gewerkschafter war.

Heute wirft sie sich für die Anliegen der Roma in Lausanne in die Bresche. Seit 2008 treffen ganze Familien aus Osteuropa hier ein und enden bettelnd auf der Strasse. Die Psychopädagogin konnte angesichts der feindlichen Stimmung in der hiesigen Bevölkerung nicht untätig bleiben. Sie hat 2010 Opre Rrom (Erheb dich, Rom) gegründet. Diese Organisation versucht, eine Brücke zu bauen zwischen der Lausanner Bevölkerung und den Roma, die sich in der Stadt aufhalten. In ihrem Fiat Panda durchquert Véra Tchérémissinoff die Stadt und spricht mit den Roma.

Tag 1

Die Autoscheiben sind vereist. Der Verkehr ist dicht an diesem späten Nachmittag. Véra Tchérémissinoff, ganz in Schwarz gekleidet und mit russischen Puppen als Ohrringen, fährt auf einen Parkplatz im Norden der Stadt. Mit einem breiten Lächeln nähert sich ein Mann dem kleinen Fiat und führt ihn bis zum Ende des Parkplatzes. Dort begrüssen zwei Männer und drei Frauen die Besucherin mit offenen Armen. «Rutschen Sie nicht auf dem Eis aus, Mama Véra», sagt Doïna*. Die Familie R. stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Rumäniens Hauptstadt Bukarest. Die Familienmitglieder legen regelmässig die 2000 Kilometer bis Lausanne zurück, wo sie einige Monate lang betteln gehen, bevor sie wieder in den Osten zurückkehren. Jede Person bekommt pro Tag etwa zehn Franken zusammen. Das liegt kaum unter dem Durchschnittslohn in Rumänien.

Die Vordersitze des Autos der Familie sind mit Decken und Kissen belegt. «Mein Onkel und ich schlafen auf den Vordersitzen, die drei Frauen hinten», erklärt Nicolae. «Manchmal weckt uns die Polizei nachts um zwei, wenn sie ans Fenster klopft und sagt, wir sollen verschwinden», erzählt der 23-Jährige. Es ist bald 19 Uhr, die Familie schickt sich an, zum Nachtessen in einer Suppenküche aufzubrechen.

Véra Tchérémissinoff setzt sich wieder ans Steuer, nachdem sie Nicolae versprochen hat, sich um eine Busse zu kümmern, die er bekommen hat. «Sie erhalten alle eine ganze Schwemme an Bussen, sei es für verlängerten Aufenthalt oder für Campieren auf öffentlichem Grund», erklärt sie. Die Bussen betragen 500 Franken oder mehr – astronomische Summen für diese Familie. Die Organisation Opre Rrom hat darum gebeten, dass die Roma einen Rastplatz erhalten, wo sie legal die Nacht verbringen können. Bis anhin ohne Erfolg.

Tag 2

Der kleine Fiat wendet auf einem Parkplatz im Süden Lausannes. Véra Tchérémissinoff sieht eine Gruppe Menschen rund um ein dunkles Auto stehen. Die Frauen umarmen sie, die Männer geben ihr die Hand. Tina ist im siebten Monat schwanger und würde gerne in der Schweiz gebären, wo die medizinische Versorgung besser ist als in Rumänien und zudem manchmal vom Sozialamt bezahlt wird. Véra Tchérémissinoff will die junge Frau auf die Entbindungsstation begleiten.

Ihr Auto quillt über mit grossen Papiersäcken voller Kleider und Schuhe. «Du brauchst Paputch, Schuhe. Deine sind kaputt», ruft sie einem Mädchen zu. Sie spricht ein paar Wörter Rumänisch und Romanes, die Sprache der Roma. Das erleichtert ihr die Kommunikation mit jenen, die kaum ein Wort Französisch sprechen.

Auf der anderen Seite des Parkplatzes stehen drei Wagen nebeneinander. Die Motoren laufen, um die Kinder im Innern der Autos zu wärmen. Ein etwa achtjähriger Junge sitzt auf dem Vordersitz, in der Hand einen Zeichenstift und einen Papierblock. Der Kofferraum ist vollgestopft mit Taschen und Koffern, irgendwo lugt ein Plüschbär hervor. «Wenn sie ihre Kinder in die Schweiz mitnehmen, haben sie keine andere Wahl», sagt Véra Tchérémissinoff entschuldigend. Gehen die Eltern betteln, bleiben die Kinder auf dem Parkplatz.

Petru, der Vater der Kinder, hält seine Tochter lachend davon ab, von der Lausannerin Schuhe anzunehmen: «Deine Stiefel sind noch in gutem Zustand.» Véra Tchérémissinoff mache sehr viel für die Roma, sagt er. «Madame Véra hier, Madame Véra da. Der eine bittet sie, zum Zahnarzt mitzukommen. Der andere will, dass sie ihn zur Polizei begleitet.»

Tag 3

Nebel hängt über der Stadt, die Feuchtigkeit kriecht durch die Kleider. Auf dem Parkplatz taucht Marina auf. Sie putzt sich zitternd die Nase. «Ich halte dieses Leben nicht mehr aus. Ich habe kalt, ich bin krank. Ich will arbeiten», seufzt die 24-Jährige, deren 2 Jahre alte Tochter in Paris geblieben ist. Marina ist hübsch, ihre Brauen sind gezupft, sie ist zurückhaltend geschminkt. In ihrem Blick sind all die zerstörten Hoffnungen sichtbar.

Am Vortag war die Stimmung entspannt, doch heute scheinen sich alle Sorgen zu machen und hoffen, dass sie einen trockenen Platz für die Nacht finden. Zoltan, Tinas Mann, bittet Véra Tchérémissinoff, ihm bei der Arbeitssuche zu helfen. Doch bis anhin wurden ihr von potenziellen Arbeitgebern Absagen erteilt. Sie steigt wieder ins Auto. «Manche sagen, betteln sei eine Wahl. Aber das ist nicht wahr. Die Roma haben die gleichen Träume wie alle anderen: Dass ihre Kinder eine bessere Zukunft haben.»

 


Kontroverse ums Betteln

Die bettelnden Roma lösen in den Medien und der Öffentlichkeit Empörung aus. «Die Migration der Roma ist sehr sichtbar und schockierend für die Schweizer, welche selten mit Armut konfrontiert sind», sagt Véra Tchérémissinoff. In mehreren Schweizern Städten wie Freiburg oder Genf wurde Betteln verboten. In Lausanne ist ein Bettelverbot in der Diskussion. Seit der Schengen-Raum 2008 auf osteuropäische Länder erweitert wurde, betteln in Lausanne zwischen 60 bis 80 Roma während ein paar Monaten pro Jahr. «Wie kann eine solch kleine Zahl einen solchen Wirbel verursachen?», wundert sich die Präsidentin der Organisation Opre Rrom. In Rumänien sind die Roma, welche eine Lebenserwartung von etwa 50 Jahren haben, von der Gesellschaft ausgeschlossen und haben wenig Chancen, Arbeit zu finden.

Von Sophie Dupont

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Februar 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion