Musik «Pussy Riot ist politische Kunst»

Jekaterina Samuzewitsch wurde letztes Jahr verhaftet, weil sie mit ihrer Band Pussy Riot ein «Punkgebet » in einer Moskauer Kirche aufgeführt hatte. Sie kam im Oktober nach 178 Tagen Haft auf Bewährung frei. Mit Amnesty International sprach sie über ihre Aktion, das Leben nach dem Gefängnis und ihre noch immer inhaftierten Bandkolleginnen.

Jekaterina Samuzewitsch Jekaterina Samuzewitsch. © AI

Amnesty: Wieso haben Sie mit einem «Punkgebet» gegen Putin protestiert?
Jekaterina Samuzewitsch: Pussy Riot ist politische Kunst. Als Künstlerinnen müssen wir auf die politischen Tendenzen reagieren. Besonders auf die Haltung des Staates gegenüber der Zivilgesellschaft und auf die Entfremdung zwischen der Gesellschaft und der staatlichen Elite.

Was bedeuten Ihnen die vielen Aktionen rund um Ihren Prozess?
Wir wollten gegen die orthodoxe Kirche und ihren Patriarch Kyrill wie auch gegen Putin und sexistisches Gebaren protestieren. Wir hatten weder erwartet, dass die ganze Geschichte weltweit ein solches Ausmass annehmen würde, noch hatten wir die Intensität der Debatte in Russland vorausgesehen. Die staatlichen Behörden begnügen sich übrigens nicht mit Handschellen und Verhaftungen, sondern fahren auch mediale Attacken. Sie überfluten uns mit ständigen Falschinformationen und Diffamierung. Es ist schwierig, die Leute davon zu überzeugen, dass nicht alles stimmt. Die Aktionen zu unserer Unterstützung setzten der Flut an Desinformation gewisse Grenzen. Wichtig war zudem, dass uns internationale Organisationen wie Amnesty International als Gewissensgefangene bezeichnet haben und dass uns Stars wie Madonna oder Sting unterstützt haben.

Sind die Bedingungen Ihrer Bewährungsstrafe sehr restriktiv?
Grundsätzlich nicht. Aber ich werde manchmal überwacht, und zwar auf eine sehr auffällige Weise. In der Metro hat mich mehrmals jemand gefilmt. Auch andere Mitglieder von Pussy Riot werden verfolgt. Anscheinend fürchten die Behörden, dass wir eine neue Aktion vorbereiten. Aber es handelt sich nicht um eine professionelle Überwachung. Entweder fehlt ihnen die Übung. Oder sie wollen uns eine Botschaft vermitteln: «Wir behalten euch im Auge.» Ich bin überzeugt, dass mein Telefon abgehört wird. Also passe ich auf, was ich sage.

Ist es beängstigend, derzeit Aktivistin in Russland zu sein?
Es kommt drauf an, welche Art von Aktivismus man betreibt. Wir sind ja nicht so «hardcore». In Gefahr ist, wer vertrauliche Informationen hat. Dann wird dein Leben kurz sein. Politische Kunst ist normalerweise nicht dermassen gefährlich. Aber dass meine Bandkolleginnen Nadya und Mascha noch immer im Gefängnis sind und nicht freigelassen wurden, obwohl sie Kinder haben, ist ein neues Einschüchterungsmittel. Welche Mutter möchte angesichts dessen noch an solchen Aktionen teilnehmen? Es ist eine einzigartige Form der Grausamkeit – eine Grausamkeit, die der Propaganda dient. Dagegen müssen wir angehen.

Was kann die russische Gesellschaft von Ihrem Fall lernen?
Schön wäre, er würde kritisches Denken fördern. Die Leute sind nicht an politische Kunst gewöhnt. Wegen der Propaganda halten sie diese Kunst für antirussisch und vom Westen gesteuert. Aber viele Leute haben nun realisiert, dass etwas falsch läuft. Beim nächsten Mal werden sie erkennen, dass es um Kunst und nicht um «Hooliganismus» geht.

Interview: Sofia Krapotkina

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Mai 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion