EinSyrer steht in der nordwestlichen Stadt Maraatal-Numan vor den Trümmern seines Hauses. © AP Photo/Mustafa Karali
EinSyrer steht in der nordwestlichen Stadt Maraatal-Numan vor den Trümmern seines Hauses. © AP Photo/Mustafa Karali

Arabischer Frühling Ein zutiefst gespaltenes Land

Die gnadenlose Niederschlagung der Proteste in Syrien führte zu einem Blutbad, das schon unzähligen Zivilpersonen das Leben gekostet hat. Seit einiger Zeit häufen sich die Nachrichten über religiös motivierte Kämpfe. Droht ein Religionskrieg?

Vordergründig scheint diese Entwicklung hin zu einem Religionskrieg einfach erklärbar: Die Bevölkerungsmehrheit der SunnitInnen hat sich endlich gegen die herrschende Minderheit der Alawiten erhoben, und diese hat den Aufstand mit äusserster Brutalität niedergeschlagen. Es handelte sich also scheinbar von Beginn weg um den Kampf einer Religionsgemeinschaft gegen die andere. Doch die Lage ist komplizierter. So leben in Syrien nicht nur AlawitInnen und SunnitInnen, sondern auch noch schiitische Muslime und Musliminnen, ChristInnen verschiedener Konfessionen, DrusInnen, Jüdinnen und Juden, ArmenierInnen (christlichen Glaubens) und KurdInnen (zumeist sunnitischen Glaubens).

Die Herrschaft des Assad-Clans lässt sich auch nicht einfach als «Unterdrückung aller anderen durch die Alawiten» beschreiben. Mark Farha, Professor für die Geschichte des Mittleren Ostens an der Georgetown University in Doha, erklärt: «Der alawitische Assad-Clan regiert das Land tatsächlich seit über 40 Jahren und hat wichtige Schlüsselstellen in Regierung, Armee und Sicherheitsdiensten mit Mitgliedern der eigenen Religionsgemeinschaft oder besser noch der eigenen Familie besetzt. Doch um seine Herrschaft nach allen Seiten abzusichern, band er durch die Vergabe wirtschaftlicher Privilegien oder politischer Posten auch ganz gezielt Angehörige der anderen Gruppen an sich. So entstand eine Elite, die quer über die Religionsgrenzen dem Regime die Treue hält.»

Der Protest der Armen…

Umgekehrt gab und gibt es in allen Religionsgemeinschaften Menschen, denen der politische und wirtschaftliche Aufstieg verwehrt blieb. Sie waren es, die 2011 anfingen, gegen das Regime zu demonstrieren. Der Konflikt begann somit als Aufstand der Armen und Benachteiligten aller Religionen gegen die herrschende Klasse.

Trotzdem war der religiöse Aspekt von Anfang an präsent: Erstens stellten die SunnitInnen als grösste Bevölkerungsgruppe auch die Mehrheit unter den Protestierenden, wogegen unter den Regimekräften, die von Anfang an brutal gegen die Demonstrierenden vorgingen, die Alawiten übervertreten waren. So ergab sich bald der Eindruck, es ginge um einen Kampf der Alawiten gegen die Sunniten. Zweitens standen die Angehörigen anderer Minderheiten – der christlichen, schiitischen und drusischen Gemeinschaften – tendenziell auf der Seite des Regimes, auch wenn sie nicht zur Elite gehörten. Denn die säkulare Ausrichtung der Assad- Herrschaft stärkte ihre Stellung im Lande.

Trotz dieser Tendenz bemühten sich allerdings viele Angehörige dieser kleineren Minderheiten um ein neutrales Verhalten.

…wird zum Kampf der Religionen

Bashar al-Assad begann kurz nach den ersten Protesten, nicht nur die Rebellen selbst zu bekämpfen, sondern auch die Zivilbevölkerung in den Rebellengebieten zu bombardieren. Die Be- wohnerInnen der vorwiegend sunnitischen Wohngebiete wurden zur Flucht gezwungen, gleichzeitig verstärkte sich der Hass auf die AlawitInnen. Das erleichterte das Aufkom- men islamistischen Gedankenguts; für einheimische wie auch aus dem Ausland eingereiste salafistische Kämpfer war es ein Leichtes, die Assads oder gleich alle AlawitInnen als von Iran gesteuerte Schiiten oder gar «Ungläubige» darzustellen. Damit schürten sie noch mehr religiösen Hass. Diese internationale Dimension, betont Mark Farha, dürfe keineswegs ausser Acht gelassen werden: In der Tat unterstütze Iran das Assad-Regime als Teil einer «schiitischen Achse», und in der Tat würden gewisse Rebellenverbände von den sunnitischen Golfstaaten mit Waffen und Geld unterstützt, damit sie gegen die Schiiten kämpfen.

Düstere Aussichten

Zwar gibt es immer noch in allen Gruppen AnhängerInnen des Regimes – nämlich die Elite – und Menschen, die sich aus dem Konflikt heraushalten wollen. Doch es ist klar, dass diese Menschen je länger der Krieg dauert, desto stärker auf ihre religiöse Identität reduziert werden. Für die Alawiten und Alawitinnen ist der Krieg gemäss Mark Farha zum Überlebenskampf geworden: «Sie können inzwischen nicht mehr kapitulieren oder verhandeln, da die Angst vor sunnitischer Rache zu gross geworden ist.» Auch für die christlichen Gemeinschaften wird die Situation zunehmend ausweglos: Ob sie wollen oder nicht, werden sie als Anhänger des Regimes betrachtet. Sie fürch- ten sich sowohl vor gezielten Angriffen als auch vor Rache und einer allgemeinen Verschlechterung ihrer Situation in einer möglicherweise sunnitisch dominierten Nachkriegsordnung.

Amnesty International konnte keine systematische Ver- folgung einer bestimmten Minderheitengruppe feststellen. Doch die Krisenbeauftragte der Organisation, Donatella Rovera, die Syrien vergangenes Jahr oft bereist hat, beobachtet die Lage mit Sorge: «Bis jetzt sind auf Seiten aller Konfliktparteien schwere Menschenrechtsvergehen begangen worden, darunter Kriegsverbrechen wie Folter und Massaker an Zivilpersonen. Nun, da die konfessionelle Dimension immer bestimmender wird, ist zu befürchten, dass solche Angriffe gezielt gegen Angehörige der verschiedenen Religi- onsgruppen gerichtet werden.» Amnesty fordert, dass alle Minderheiten Schutz erhalten müssen. Die syrischen Kinder, Frauen und Männer sollen endlich wieder in Frieden leben dürfen – egal, welcher ethnischen oder religiösen Gruppe sie angehören.

 


Flüchlingsdrama

Syriens rund 20,4 Millionen EinwohnerInnen sind aufgeteilt in etwa 71 Prozent sunnitische Muslime; 12 Prozent alawitische Muslime; 10 Prozent Christen; 4 Prozent Drusen; 2 Prozent schiitische Muslime; 1 Prozent Ismaeliten und einige Juden. Die meisten Kurden, die 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind Sunniten (Zahlen gemäss dem Auswärtigen Amt Deutschlands). Der Krieg zwingt Millionen Menschen zur Flucht. Mitte April waren laut dem UNHCR über 1,3 Millionen SyrerInnen als Flüchtlinge registriert, die meisten davon in den umliegenden Ländern wie Jordanien, Libanon, Türkei oder Irak. Innerhalb Syriens gibt es zusätzlich mindestens 3,6 Millionen Binnenvertriebene. In der Schweiz haben 2012 gemäss dem Bundesamt für Migration 1229 SyrerInnen ein Asylgesuch gestellt, 2011 waren es 826 Gesuche. Im vergangenen Jahr nahm die Schweiz ein Kontingent von 36 Syrien-Flüchtlingen auf. Im März wurden 37 weitere Personen irakischer und palästinensischer Herkunft aufgenommen, die zu einem früheren Zeitpunkt nach Syrien geflüchtet waren und aufgrund der Krise erneut fliehen mussten.

 

Von Antonia Bertschinger. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Nahen und Mittleren Osten und hat im Iran gelebt.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Mai 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion