Mit dem «Panic Button» sollen gefährdete Personen einen Hilferuf abschicken können. © AI
Mit dem «Panic Button» sollen gefährdete Personen einen Hilferuf abschicken können. © AI

App Bei Panik Knopfdruck

Gewerkschafter in Kolumbien, kritische Journalistinnen in Russland oder Frauenrechtlerinnen in Mexiko - sie alle arbeiten unter grossem Risiko und geraten dabei selbst in den Fokus repressiver Sicherheitskräfte oder gewalttätiger Gruppen. Für sie entwickelt Amnesty International ein Notrufsystem, den «Panic Button».

Die Applikation soll es ihnen ermöglichen, in gefährlichen Situationen per Smartphone einen Hilferuf an ausgewählte Personen zu senden. Zeitgleich mit dem Notruf sollen Informationen über den eigenen Standort übermittelt werden. Als Übertragungsweg dienen SMS-Netze, eine Internetverbindung ist nicht notwendig. Der derzeitige Prototyp lässt sich ausschliesslich bei Smartphones mit dem Betriebssystem Android nutzen. Zukünftige Versionen sollen jedoch auch für andere Systeme verfügbar sein.

Bei der Entwicklung des «Panic Button» wird Amnesty von der Open-Source-Community und Partnerorganisationen wie der NGO «Front Line Defenders» unterstützt. «Wir setzen auf einen offenen Entwicklungsansatz und versuchen kontinuierlich auf die Ideen der Aktivisten einzugehen», sagt Tanya O’Carroll, verantwortlich für den Bereich Technologie und Menschenrechte bei Amnesty. Der «Panic Button» ist das Ergebnis zahlreicher Workshops, an denen Delegierte von Amnesty International, Software-EntwicklerInnen und Menschenrechtsaktivisten in den vergangenen Monaten teilgenommen haben.

Die Sicherheit der App spielte in den Diskussionen eine Schlüsselrolle. Ein absolut sicheres Produkt könne es jedoch nicht geben, sagt O’Carroll. Auch mit der sichersten App blieben Mobiltelefone grundsätzlich ein Sicherheitsrisiko, da sie mit entsprechenden Technologien abgehört oder bei einer Festnahme einfach beschlagnahmt werden könnten. Deshalb hänge der Einsatz des «Panic Button» auch von der allgemeinen Gefahrenlage in den betreffenden Konfliktgebieten ab.

Bei einem Workshop, der Ende 2012 in Nairobi stattfand, diskutierten rund 20 MenschenrechtsaktivistInnen nicht nur technische Details rund um den «Panic Button», sondern auch allgemeine Aspekte zur Sicherheit und Anonymisierung von Nachrichten und Netzwerken. Unter den Teilnehmenden war auch Nighat Dad. Die 32-Jährige ist Anwältin, Internetaktivistin und Frauenrechtlerin. In ihrem Heimatland Pakistan kämpft sie für ein freies Internet und gegen Zensur. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie die Organisation «Digital Rights Foundation» gegründet. Den «Panic Button» bewertet sie positiv: «Die App unterstützt Aktivisten dabei, ein sicheres Netzwerk von Unterstützern aufzubauen», sagt sie. Eine Einschränkung sieht sie darin, dass die App derzeit nur bei Smartphones funktioniert. «Aktivisten in Konfliktgebieten verfügen meist über einfachere Mobiltelefone, das könnte anfangs eine Hürde sein.»

Finanzielle Unterstützung erhielt Amnesty International vor Kurzem durch einen von Google ausgerichteten Wettbewerb, den «Google Global Impact Challenge». Wie weitere Organisationen erhielt Amnesty 100'000 Britische Pfund, um den «Panic Button» weiterzuentwickeln. Bis die Notfall- App einer grösseren Anzahl von Aktivisten und Aktivistinnen zur Verfügung steht, wird es allerdings noch eine Weile dauern. Die offizielle Veröffentlichung ist für das Frühjahr 2014 geplant.

Von Ralf Rebmann

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von August 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion