Noch immer leben in Sri Lanka Zehntausende in Flüchtlingslagern. © ZVG
Noch immer leben in Sri Lanka Zehntausende in Flüchtlingslagern. © ZVG

Sri Lanka «Gefängnis unter freiem Himmel»

Drohungen, Einschüchterungen, willkürliche Verhaftungen: Fast vier Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges nimmt die Unterdrückung in Sri Lanka zu. Die Tamilinnen und Tamilen bleiben eine schikanierte Minderheit. Und doch ist der Wille der Bevölkerung spürbar, diesen Konflikt zu überwinden.

Ein Hotel in Giritale im Landesinnern. Im Pool tummeln sich ein paar englische Buben, während ein sri-lankischer Dolmetscher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) seine Bahnen schwimmt. Seit 23 Jahren besucht der Dolmetscher die Militärlager auf der Insel, um über die Menschenrechte zu sprechen. Er glaubt an die Aussöhnung, trotz der hunderttausenden von Toten und Vertriebenen seit Anfang des Konflikts. «Ich bin nicht hier, um ein Urteil zu fällen. Gräueltaten gibt es in jedem Lager überall auf der Welt», relativiert er. «Auch nach Ende des Krieges bleiben viele Soldaten, für die Gewalt gang und gäbe ist. Ich erkläre ihnen, wie man mit Zivilisten redet, wie man den Dialog mit jemandem findet, den man bislang immer als Feind betrachtet hat. Das ist nicht einfach. Aber egal, ob wir in Kriegs- oder Friedenszeiten leben, es gibt regeln, die es zu respektieren gilt.»

Hunderte von Vergewaltigungen

Im Norden scheinen die Gesetze der Menschlichkeit nicht mehr zu existieren. zwischen Januar und April 2013 wurden 300 Vergewaltigungen an jungen Tamilinnen zwischen 12 und 16 Jahren durch Soldaten gezählt, berichtet der Fernsehsender Channel Four. «Wir sind lebende Tote», klagt eine tamilische Mutter, die ihren Namen lieber nicht nennen will. «Das Ende des Krieges hat nichts verändert. Es ist sogar schlimmer. Wir sind frei, aber wir können nichts sagen. Wenn wir irgendetwas möchten, für unsere Kinder oder für unsere Gesundheit, müssen wir uns an die Armee wenden. Finden Sie das normal? Die singhalesischen Soldaten schwängern uns, um das Blut zu mischen. So wird die Unabhängigkeit des Nordens gar keinen Sinn mehr machen.» Andere fügen hinzu, dass einzig und allein die Bombenangriffe aufgehört hätten. Tote gibt es nach wie vor. Aber in aller Stille, die Leute verschwinden einfach.

Wenn man von der Regierung Rechenschaft fordert, lässt diese via Presse verlauten, dass das Antiterrorgesetz sie dazu berechtigt, potenzielle TerroristInnen ohne Anklage und Urteil zu inhaftieren. Ausserdem sei keine einzige der Armeeoperationen je in Touristengebieten durchgeführt worden. Eine Formulierung, die bestätigt, dass die Armee anderswo durchaus zu Einschüchterungszwecken eingesetzt wird.

Die Repressionspolitik zeigt sich auch in der Tatsache, dass die Zahl der Soldaten seit Kriegsende unverändert blieb. Militärlager gibt es im ganzen Land. Die Bevölkerung ist daran gewöhnt. «Wer in der Armee bleibt, verdient 3000 Rupien (25 Franken) im Monat und erhält essen und Unterkunft. Und natürlich hat jeder Soldat ab 50 seine Rente auf sicher», erklärt Imran, ein muslimischer Reiseführer, der sowohl tamilisch als auch Singhalesisch spricht. «Viele Soldaten werden inzwischen zur Sicherung der touristenorte eingesetzt.»

Auch wenn die Regierung mit ihrer Haltung die Feindseligkeiten erneut aufleben lässt: eine Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich, dass der Konflikt beendet und ein neues Kapitel aufgeschlagen wird, wie Fernandez bestätigt, ein 30-jähriger Singhalese, der inzwischen in Colombo lebt. «Viele machen ein Durcheinander und denken, alle Tamilen seien Terroristen. Das stimmt nicht», betont er. «Ich bin Singhalese und im Nordosten auf tamilischem Gebiet aufgewachsen. Ich habe die Schule auf Tamilisch absolviert und habe Freunde auf beiden Seiten. Das Problem ist die Regierung. Die Wahlen sind eine Farce. Theoretisch kann jeder kandidieren und sich wählen lassen. Aber die Korruption ist derart weit verbreitet, dass nur diejenigen eine Chance haben, die Regierung und Wählerschaft bestechen. Da bleibt nicht viel Platz für eine echte Opposition.»

Problematische Rückkehr

Die Verunsicherung der Minderheiten im Hinblick auf die Zukunft zeigt sich auch auf den teeplantagen im Landesinnern, wo in erster Linie Tamilinnen arbeiten. Ihre Situation hat sich seit Kriegsende nicht verbessert. Im Gegenteil. eine Teepflückerin aus der Region Ramboda erzählt: «Wir verdienen zwischen 400 und 500 Rupien pro Tag (3.50 Franken). Sieben Familien wohnen in einer Wohnung. Ich hatte einen Unfall mit einer Maschine, seitdem kann ich das tagessoll von 15 Kilo Teeblätter nicht mehr erfüllen. Ich kriege weder Lohn noch eine Entschädigung. Aber ich darf auf der Plantage bleiben. Für wie lange, weiss ich nicht. Denn seit 2009 gibt es viel mehr Leute, die Arbeit suchen, und die Bedingungen sind schwieriger geworden.»

Inzwischen kehren tamilische Flüchtlinge aus der Schweiz und aus anderen Ländern in ihre Heimat zurück, was zu neuen Spannungen führt. Die staatliche Unterstützung, die einigen Flüchtlingsfamilien zuteil wird, zum Beispiel durch die Schweiz, wird von manchen falsch verstanden, sogar innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Während der Konflikt offiziell andauerte, wurde die Unterstützung teilweise sogar als Mittel zur Waffenfinanzierung angesehen. Ein Lehrer in Jaffna beschreibt den Graben, der sich zwischen den EmigrantInnen und den Zurückgebliebenen, die den Krieg durchgestanden haben, aufgetan hat. «Nach und nach kommen die Flüchtlinge aus der Schweiz oder aus Kanada zurück und merken, dass sich ihr Land in den letzten 15 Jahren verändert hat. Ihr Haus steht nicht mehr oder es wohnt jemand anderes darin. Sie haben keine Arbeit und ihr Herz ist voll mit Gewalt, genährt aus den eigenen Erinnerungen und durch die Medien. Wir dagegen sind hier geblieben. Auch wir haben irgendwann alles verloren. Doch wir haben dieses Stadium überwunden und versuchen nun, eine neue Zukunft aufzubauen. Das ist nicht einfach, aber wir sind nicht hasserfüllt. Wir beginnen, in unserem Land zu reisen. Die Geburtenrate steigt, man kann als Paar auf die Strasse, der Krieg ist nicht mehr omnipräsent.»

Bevölkerung muss Bauprojekten weichen

Um von den Toten und den Spannungen abzulenken, setzt die Regierung auf den Tourismus – mit Bulldozern und der Umsiedlung ganzer Quartiere. Aber die Vergangenheit ist noch frisch: Beim Bau eines neuen Ferienkomplexes in Batticalioa an der Ostküste wurde vor ein paar Wochen erneut ein Massengrab gefunden. Präsident Mahinda Rajapaksa gibt das Geld mit vollen Händen aus und investiert vor allem im Süden des Landes. Er will Hambantota zur neuen Hauptstadt machen. Der Flughafen wurde im April eröffnet und soll denjenigen in Colombo ersetzen. Geplant ist, die Autobahn zwischen Hambantota und Colombo in sechs Monaten fertigzustellen. Imran, der hier geboren wurde, erklärt: «Das ist die Hochburg des Präsidenten. Er möchte ein kleines Singapur aus dem Boden stampfen. Ein gigantischer Hafen ist gerade erst fertiggestellt worden, teilweise finanziert durch Chinesen, für die eine Zwischenstation in Sri Lanka auf dem Weg nach Afrika durchaus interessant ist. Für die Bauprojekte in diesem Gebiet müssen hunderte von Häusern zerstört werden. Fast 700 Menschen wurden umgesiedelt. Anfangs gab es Widerstand, aber die Regierung gibt den Bewohnern eine neue Unterkunft und Geld. Schliesslich hat niemand mehr etwas gesagt.» Überall sieht man Plakate mit dem Konterfei des Präsidenten, über seinem Kopf ein Flugzeug, dazu das Versprechen auf ein schnelles Wirtschaftswachstum. In erster Linie geht es darum, die Wirtschaft im Süden des Landes zu stärken.

Heute sind noch immer 60‘000 Kriegsvertriebene in Lagern untergebracht. Die Ungleichheit zwischen den Gemeinschaften ist noch lange nicht beseitigt, auch wenn sich die Bevölkerung inzwischen wieder getraut, im Land zu reisen. «Das Ende des Krieges hat nur eines bewirkt: Wir haben weniger Angst, unser Haus für ein paar Tage leer stehen zu lassen. Wir wissen, dass es nicht durch eine Bombenexplosion zerstört wird», erklärt eine Frau aus der Region Trincomalee im Nordosten des Landes ungerührt. Ironie des Schicksals: Sie flüchtete mit ihrer katholischen Familie vor drei Jahren aus Pakistan auf die Insel und spricht von Sri Lanka, als wäre es ein freies Land mit unbegrenzten Möglichkeiten.

Von Tiphaine Bühler. Die freie Journalistin war auf Reportage in Sri Lanka.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von August 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion