Die inhaftierte Nadeschda «Nadja» Tolokonnikowa galt fast einen Monat lang als verschwunden. © Denis Bochkarev
Die inhaftierte Nadeschda «Nadja» Tolokonnikowa galt fast einen Monat lang als verschwunden. © Denis Bochkarev

Russland «Die Medien hetzen gegen uns»

Zwei Mitglieder von Pussy Riot reisten inkognito durch Europa und die USA, um an das Schicksal ihrer inhaftierten Mitstreiterinnen zu erinnern. Im Interview sprechen die Frauen über ihr Selbstverständnis als Künstlerinnen, die Risiken ihrer Arbeit und die Berichterstattung der Medien.

Amnesty: Pussy Riot – was ist das noch mal genau?
Viele denken, wir seien eine Punk-Band, doch das ist ein grandioses Missverständnis. Wir sind Medienkünstlerinnen! Natürlich ist uns die Musik wichtig, aber sie ist eben nur ein Baustein unserer Kunst. Wir geben ja auch keine Konzerte im herkömmlichen Sinne, sondern machen Performances, die gefilmt und dann im Internet verbreitet werden. Unsere Auftritte sind immer überraschend, immer illegal – und immer politisch. Wir wollen tatsächlich etwas bewegen.

Wie viele Frauen zählen zur Gruppe?
Das ändert sich ständig, weil wir keine geschlossene Clique sein wollen. Derzeit sind wir zu acht.

Was sollen eigentlich diese komischen Mützen?
Zunächst geht es natürlich darum, unsere Identität zu verbergen. Als wir Pussy Riot gründeten, war uns bereits klar: Wer in Russland politische Kunst macht, lässt sich auf ein sehr gefährliches Spiel ein. Aber unsere Sturmhauben haben auch eine zutiefst politische Botschaft.

Und zwar?
In Russland sind die Masken das Symbol der OMON, einer Spezialeinheit der russischen Polizei. Die Einheit ist berüchtigt, weil sie besonders brutal gegen Demonstrierende vorgeht. Die Polizisten tragen die Sturmhauben in Schwarz. Wir tragen sie in grellen, fröhlichen Farben. So eignen wir uns ein Herrschaftssymbol an – und zerstören es damit zugleich.

Gibt es eine Anführerin der Gruppe? Seit dem Prozess gegen Pussy Riot gelten die drei Verurteilten als eure Wortführerinnen.
Ja, aber das ist Blödsinn. Nadja, Katja und Mascha sind nicht unsere Wortführerinnen, auch wenn es in den Medien immer wieder so dargestellt wird. In der Gruppe existieren schlichtweg keine Hierarchien.

Ihr versteht euch als subversive Künstlerinnen. Aber seid ihr inzwischen nicht selbst Ikonen der Massenkultur?
Es stimmt schon, Menschen auf der ganzen Welt imitieren und zitieren unsere Ikonografie: die neonfarbenen Strumpfhosen, die gehäkelten Sturmhauben. Den Sinn dahinter begreifen nur wenige. Aber mit diesem Problem hat die moderne Kunst generell zu kämpfen. Nehmen wir als Beispiel den Dichter Nikolaj Gogol. Er feierte in Russland riesige Erfolge, trotzdem fühlte er sich zeitlebens von seinen Lesern missverstanden.

Eure Mitstreiterinnen wurden je zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Wie ist die Situation in den Lagern?
Schlecht, wie in allen russischen Haftanstalten. Nadja und Mascha sind getrennt voneinander in verschiedenen Straflagern untergebracht. Alles ist darauf ausgelegt, den Häftlingen keinerlei persönlichen Freiraum zu lassen. Wenn eine Frau gegen eine Regel des Lagers verstösst, wird die gesamte Baracke bestraft. Nachts schlafen die Frauen auf engstem Raum in Etagenbetten. Und auch tagsüber müssen sie alles gemeinsam machen: Essen, Waschen, Marschieren. Und natürlich: Arbeiten.

Die Frauen müssen Zwangsarbeit verrichten?
Ja, man will sie in der Haft durch Arbeit umerziehen. Sie müssen Uniformen nähen. Das ist natürlich eine ganz perfide Demütigung: Die Gefangenen produzieren die Mäntel derjenigen, die sie festgenommen haben.

Mascha und Nadja sind junge Mütter. Dürfen die beiden ihre Kinder sehen?
Als Nadja noch in Untersuchungshaft war, bekam sie ihre Tochter einmal kurz zu Gesicht. Allerdings getrennt durch eine Glasscheibe. Seither waren die Kinder jeweils einmal zu einem Kurzbesuch im Lager. Für die Kinder ist es natürlich extrem hart, ihre Mütter nicht sehen zu können. Eigentlich sieht das russische Strafrecht vor, dass Mütter ihre Haftstrafe erst antreten müssen, wenn die Kinder das 14. Lebensjahr erreicht haben.

Eine Mehrheit der Russen befürwortet die harten Strafen gegen Pussy Riot. Wie erklärt ihr euch das?
Die Menschen werden durch die Medien regelrecht aufgehetzt. Das russische Fernsehen berichtet vollkommen einseitig über uns. Und es wurden sehr schnell Legenden in die Welt gesetzt: Manche Russen glauben, dass wir in der Kathedrale unsere Röcke gelüftet hätten. Andere sind der Meinung, wir hätten im Altarbereich nackt getanzt. Die Stimmung gegen uns wurde durch diese Gerüchte künstlich geschaffen.

Aber könnt ihr nachvollziehen, dass Menschen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sahen?
Natürlich war uns vorher klar, dass wir auf Ablehnung stossen würden. Auch viele Oppositionelle, die zuvor mit uns sympathisierten, haben sich nach der Aktion von uns distanziert. Aber wir wollten niemanden beleidigen. Wir haben die Kathedrale bewusst gestürmt, als kein Gottesdienst stattfand und nur wenige Gläubige anwesend waren. Besonders heilig ist der Ort aber ohnehin nicht!

Was meint ihr damit?
Die Kathedrale ist ein Ort der Heuchelei. In dem Gebäude gibt es nicht nur den Sakralraum, sondern auch Bankettsäle, die man mieten kann. Oben wird gebetet, unten gefeiert – mit Musik, Tanz und halbnackten Frauen. Es ist eigentlich keine Kirche, sondern ein Supermarkt.

Trotzdem: Die Kathedrale ist in Russland das Zentrum des religiösen Lebens. Hätte euer Protest nicht woanders stattfinden können?
Nein, definitiv nicht! Kein anderer Ort hätte dieselbe Symbolik gehabt. Unsere Performance war schockierend, aber sie hat die Menschen zum Nachdenken gezwungen und sie aus ihrer Apathie gerissen. Aber wir wollen noch einmal klarstellen: Unser Protest richtete sich nicht gegen die Religion oder die Gläubigen. Wir wollten ein Zeichen setzten gegen die gefährliche Nähe zwischen Staat und Kirche, die sich in unserem Land etabliert hat. Die orthodoxe Kirche ist nicht mehr autonom, sondern ein Instrument in den Händen der Mächtigen. Sie ist ein Werkzeug, mit dem die Machthaber das Bewusstsein der Bevölkerung manipulieren.

Hat das Urteil eure künstlerische Arbeit verändert?
Wir wussten ja schon immer, dass politischer Aktionismus in Russland gefährlich ist, deswegen hat das Urteil unsere Vorgehensweise nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Aber eine Sache hat sich natürlich ganz radikal verändert: Wir tragen nun auch Verantwortung für unsere Freundinnen im Arbeitslager. Bei jedem Schritt, denn wir machen, müssen wir mitberücksichtigen, welche Konsequenzen das für die beiden Inhaftierten haben könnte.

Interview: Ramin M. Nowzad. Er ist Mitarbeiter von Amnesty International Deutschland.



Pussy Riot

Das feministische Künstlerinnenkollektiv formierte sich 2011 als Protest gegen die erneute Präsidentschaftskandidatur Putins. Nach einem «Punk-Gebet» in einer Moskauer Kathedrale wurden im Februar 2012 drei Mitglieder festgenommen und später wegen «Vandalismus» und «Rowdytum» zu je zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. Jekaterina «Katja» Samuzewitsch kam im Herbst 2012 frei (siehe Interview von Mai 2013). Nadeschda «Nadja» Tolokonnikowa und Maria «Mascha» Aljochina sind noch immer in Haft. Beide haben Hungerstreiks hinter sich, um gegen die dramatischen Haftbedingungen zu protestieren. Nadja galt ab Mitte Oktober während fast vier Wochen als verschwunden. Letzte Meldungen berichten, dass sie wegen ihres schlechten Gesundheitszustands in ein Spital nach Krasnojarsk in Sibirien gebracht worden sei, wo sie in ein anderes Straflager verlegt werden sollte. Ihr Ehemann und die kleine Tochter leben mehr als 3000 Kilometer von Krasnojarsk entfernt in der Hauptstadt Moskau. Die Namen der beiden Frauen, die in obenstehendem Interview Auskunft geben, können aus Sicherheitsgründen nicht offengelegt werden.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion