Bildungsveranstaltung: SchülerInnen des Collège-St-Michel in Fribourg. © AI
Bildungsveranstaltung: SchülerInnen des Collège-St-Michel in Fribourg. © AI

Lehrplan 21 Menschenrechtsbildung im Lehrplan

Die Ausarbeitung eines Lehrplans für die gesamte deutsche Schweiz bietet die Chance, die Menschenrechtsbildung im Bildungsauftrag der Schule zu verankern. Erfüllt der Ende Juni vorgestellte Entwurf des Lehrplans 21 diese Hoffnungen?

Diskussionsforen zum Burka-Verbot im Tessin, Debatten in der Westschweiz über eine Wiedereinführung der Todesstrafe, die Androhung einer SVPInitiative zur Aufkündigung der EMRK… Bei diesen Debatten zeigt sich immer wieder, wie wenig bekannt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte oder auch die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) sind und dass über die Menschenrechte wenig Wissen verbreitet ist.

Menschenrechtsbildung tut also not. Es ist die Rolle des Staates, sie zu fördern, die Schweiz hat gar einen offiziellen Auftrag dazu: So verpflichtet die Uno-Deklaration über Menschenrechtsbildung die Mitgliedstaaten – darunter die Schweiz – zu einem verstärkten Engagement für Menschenrechtsbildung. Auch die Uno-Kinderrechtskonvention enthält den Auftrag, nicht nur das Recht auf Bildung zu schützen, sondern auch das Recht auf Menschenrechtsbildung. Dennoch fristete diese in der Schweiz lange ein Mauerblümchendasein. Erst in den letzten Jahren gab es erfreuliche Entwicklungen, so beispielsweise in der LehrerInnen- Bildung mit der Einrichtung von Menschenrechtszentren an pädagogischen Hochschulen.

Kein neues Schulfach

Amnesty International Schweiz ist seit Jahren in der Menschenrechtsbildung aktiv (siehe Kästchen) und beteiligt sich auch in der NGO-Bildungskoalition. Dieser Zusammenschluss von über 30 Nonprofit-Organisationen engagiert sich für die Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und deren Integration in den neuen Deutschschweizer Lehrplan 21. «Menschenrechtsbildung ist Teil der Bildung für Nachhaltige Entwicklung», erklärt Gaëlle Lapique, Koordinatorin für Menschenrechtsbildung bei Amnesty International Schweiz. «BNE ist aber nicht ein neues Schulfach. Vielmehr handelt es sich um einen fächerübergreifenden Ansatz, der Themen wie Menschenrechts- und Demokratiebildung, Gleichstellung, Gesundheit, Wirtschaft und Ökologie umfasst», so Lapique.

«Es geht darum, die ökologische Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit zu sehen», ergänzt Ueli Bernhard, Geschäftsleiter der Bildungskoalition. «Wenn sich die Jugendlichen zum Beispiel damit befassen, woher ihre Kleider kommen, lernen sie mit dem BNE-Ansatz nicht nur etwas über die soziale Situation in den Produktionsländern. BNE heisst, sich gleichzeitig auch mit den wirtschaftlichen Dimensionen des globalen Textilhandels auseinanderzusetzen, aber auch die ökologischen Fragen hierzu nicht ausser Acht zu lassen. BNE ist also ein Instrument, um die Hintergründe der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit besser zu verstehen und die unterschiedlichen Interessenlagen zu erkennen. Dies hilft Jugendlichen nicht zuletzt dabei, eine eigene Meinung zu vertreten und an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen zu partizipieren.»

In diesem Sinne setzt sich die Bildungskoalition dafür ein, dass den Interessen der Jugendlichen in der Bildungspolitik mehr Gehör verschafft wird. Die Partizipation der SchülerInnen wird ja nicht nur von Schüler- und Jugendorganisationen sowie Jugendparlamenten gefordert, sondern es gibt auch einen verfassungsmässigen Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf Mitwirkung und Mitsprache im Rahmen ihrer Urteilsfähigkeit, der auch die Schule betrifft.

Dass die Jugendlichen ihren Schulalltag mitgestalten wollen, belegt eine aktuelle Untersuchung des Marktforschungsinstitutes GfK im Auftrag der Bildungskoalition: Zwei von drei der befragten 15- bis 18-Jährigen gaben an, bei der Auswahl von Schulprojekten mehr mitreden zu wollen. Und: Sie wollen mehr Wissen über Menschenrechts-, Konsum-, Gesundheits-, Energie- und Umweltthemen erhalten. Rund 70 Prozent der befragten Jugendlichen möchten mehr darüber erfahren, wie man Menschenrechte besser schützen kann.

Die Umsetzung ermöglichen

Die Bildungskoalition der NGO begrüsst grundsätzlich den Entwurf des neuen Lehrplans 21, da die Bildung für Nach- Bildungsveranstaltung von Amnesty International Schweiz. haltige Entwicklung als fächerübergreifendes Thema aufgenommen wurde. «Der Lehrplan 21 fördert die überfachlichen Kompetenzen und schafft Grundlagen für BNE», so Ueli Bernhard. «Er gibt dem ‹Überfachlichen› aber nur eine zweitrangige Gewichtung.» Es fehle insbesondere an einer systematischen Vernetzung der fächerübergreifenden Kompetenzen, Inhalte und Methoden mit den einzelnen Fachbereichen. «Es reicht nicht zu sagen, dass BNE in Geografie, Geschichte etc. eingebunden werden muss, der Lehrplan muss auch sagen, wie das jeweilige Thema mit den anderen Disziplinen verbunden werden kann, damit Lehrpersonen eine Handhabe für die Umsetzung im Unterricht erhalten. Konkret brauche es in den Stundentafeln ein Gefäss für fächerübergreifende Projektarbeit.»

Auch Gaëlle Lapique ist nur zum Teil zufrieden: «Die Menschenrechte, die Rechte der Frauen und die politische Bil- dung sind durchaus präsent in diesem neuen Lehrplan, was uns sehr freut. Das Risiko ist aber gross, dass für die überfachliche Arbeit schlicht keine Zeit übrig ist und BNE-Themen als optional angesehen werden. Menschenrechtsbildung darf nicht davon abhängen, ob eine Lehrperson Interesse und Zeit dafür aufbringt, Menschenrechtsbildung ist eine  Aufgabe der gesamten Schule.»

Es braucht also mehr Verbindlichkeit und mehr Systematik bei der Einbindung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung im Lehrplan 21. Nur so kann diese umgesetzt werden und nur so kann die Schweiz ihren Verpflichtungen zur Menschenrechtsbildung nachkommen.  

Von Manuela Reimann Graf

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion