Die Polizei löste 2012 eine Gay-Parade in Moskau auf. © AI
Die Polizei löste 2012 eine Gay-Parade in Moskau auf. © AI

Russland Am Ende des Regenbogens

Homosexuelle gelten vielen in Russland als krank, pervers und gefährlich. Jetzt drängt die Regierung sie mit diskriminierenden Gesetzen in die Illegalität. Pöbeleien und Drohungen gegen sexuelle Minderheiten sind an der Tagesordnung.

In Marinas* Wohnung sieht es gar nicht nach der Perversion aus, die viele hier vermuten würden: Legosteine sind über den Boden verstreut, ein Regenbogen schmückt die Wand, und der siebenjährige Wadim* malt eine Wiese mit Bienen und Spinnen. Das kleine Kinderparadies befindet sich in einer typischen Hinterhofwohnung in Sankt Petersburg. Doch an manchen Tagen kommt Unruhe auf. Dann schaut wieder eine Mitarbeiterin des Sozialamts vorbei. Denn Marina hat ihren Sohn vor drei Jahren aus einem Kinderheim geholt. Offiziell ist sie alleinerziehende Mutter. In Wirklichkeit hat Wadim zwei Mamas.

Die 30-jährige Marina ist lesbisch und lebt seit langem mit ihrer Partnerin Tanja* zusammen. Als sie in einem Heim für HIV-infizierte Kinder arbeitete, lernte sie Wadim kennen. Der Wunsch reifte heran, ihn grosszuziehen. Für gleichgeschlechtliche Paare ist das undenkbar in Russland, für einen einzelnen Elternteil aber möglich. Marina gab sich als alleinstehende Frau aus und bekam Wadim zugesprochen. Als sie ihren Eltern mitteilte, dass sie nun einen Sohn habe, kam als Antwort: «Der arme Junge! wäre er doch besser im Kinderheim geblieben.»

Marina verliebte sich mit 17 Jahren in ihrem Dorf in eine junge Frau. «Ich wusste gar nicht, was mit mir geschah», erzählt sie. «Ich hatte kein Vokabular dafür. Für Lesben kannte ich nur Schimpfwörter.» Als die Eltern Verdacht schöpften, sperrten sie Marina ein, schlugen sie, suchten nach einer psychiatrischen Heilanstalt und brachten sie für einige Zeit bei Freunden in der Ferne unter. Sie sei drogensüchtig, lautete die offizielle Begründung. Das klang besser als lesbisch. Marina lief davon. Sie lebte in einer Stadt mit knapp 400'000 Einwohnern, traute sich jedoch nicht, mit Tanja auf der Strasse Hand in Hand zu gehen. Auf dem Dach einer Bauruine trafen sich die Frauen heimlich in schwindelnder Höhe. Dann zogen Marina und Tanja weiter in die Freiheit der anonymen Metropole, nach Sankt Petersburg, weit weg vom Dorf der Eltern, in dem die Öffentlichkeit so bedrohlich war. «Gebe Gott, dass die Nachbarn nichts erfahren», sagten die Eltern immer.

Orthodoxe Rollkommandos

Sexuelle Minderheiten gelten vielen in Russland als krank, pervers und gefährlich. Ein Gesetz, das laut offizieller Darstellung «Propaganda» für Homosexualität gegenüber Minderjährigen verbieten soll, sie aber in Wirklichkeit als unnormal und gefährlich verleumdet, stiess kaum auf Kritik. Präsident Wladimir Putin hat es im Juni unterzeichnet. Seither sehen sich Nationalistentrupps und ikonenbewehrte Rollkommandos der Orthodoxie als legitime Vertreter des Volkswillens. Die Zahl der Pöbeleien auf der Strasse nehme zu, erzählt Marina. Sie engagiert sich in der Petersburger Organisation «Coming Out» für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT). Das Büro der Nichtregierungsorganisation im Zentrum von Sankt Petersburg steht voller Computer, Broschüren und Keksteller. Hinter einem Vorhang stapeln sich selbst gemalte Plakate: «Ich liebe meinen Gay-Sohn. Jetzt soll er ein Paria werden?»

Der Blick über den Hinterhof fällt auf eine Jalousie in regenbogenfarben am Fenster gegenüber. Dort hat eine befreundete Organisation, die LGBT-Filmfestivals veranstaltet, ihre Räume. Sie ist, wie «Coming Out», von der Schliessung bedroht. Denn auch das Gesetz zu den «ausländischen Agenten» nimmt die Organisationen in die Zange. «Coming Out» findet kaum einen Sponsor in Russland. Wenn die Organisation Geld sammelt, kommt sie gerade mal auf 120 Franken, um die Luftballons für eine Demonstration zu bezahlen. Projektgelder fliessen aus dem Ausland.

Das Gesetz zur «homosexuellen Propaganda» wiederum hat seinen politischen Zweck schon erfüllt, obwohl es in Sankt Petersburg bisher nur ein einziges Mal zu einer Strafe führte: «Die Gesellschaft ist gespalten», erklärt die geschäftsführende Direktorin von «Coming Out», Anna Anissimowa. «Die Mehrheit wurde gegen die Minderheit mobilisiert. Das Gesetz rückt Homosexualität in die Nähe der Pädophilie.» Die Folgen sind eine allgemeine Homophobie und Einschüchterungen.

«Verbrennt ihre Herzen»

Stadtverwaltungen lehnen fast jede LGBT-Demonstration ab, Polizisten beschimpfen homosexuelle als «Päderasten» und bringen sie auf die Wache. Im staatlich kontrollierten Fernsehkanal verkündete der Journalist Dmitrij Kisseljow, er sei gegen Homosexuelle als Organspender. «Man muss ihnen verbieten, Blut und Sperma zu spenden», rief er aus, «und ihre Herzen nach einem Autounfall in der Erde vergraben oder verbrennen.» PsychologInnen der staatlichen Kinderzentren klagen hinter vorgehaltener Hand, dass sie nicht wissen, was sie einem Sechzehnjährigen, der mit der Zuneigung zum eigenen Geschlecht nicht klarkommt, sagen sollen: «Können wir ihn jetzt noch beruhigen, das sei alles in Ordnung so? Oder ist das schon Propaganda?» Hhomosexuelle trauen sich kaum noch, sich in der Öffentlichkeit an der Hand zu fassen. Was, wenn das zufällig Kinder sehen?

Die Diskriminierung in Russland geht heute vor allem vom Staat aus. Die Botschaft wirkt sogar bei den Betroffenen selbst. «Viele LGBT halten es für ganz normal, dass sie nicht mit ihrem Lebenspartner auf Firmenfeiern gehen können, ohne in Verruf zu geraten», sagt «Coming Out»-Chefin Anissimowa. Tägliche Diskriminierung nehmen sie hin: Homosexuelle Mitarbeiter werden ohne Grund entlassen, Gynäkologen behandeln Patientinnen nicht, weil sie lesbisch sind, und WohnungsvermieterInnen lehnen gleichgeschlechtliche Paare ab.

Ein Kreis von Homophoben begleitet alle Auftritte der LGBT-AktivistInnen. Zumeist sind es kurzgeschorene Männer in Sporthosen mit faschistisch wirkenden Symbolen. «Orthodoxie oder Tod!», skandieren sie. «Bisher schubsen sie uns nur, schlagen aber nicht», sagt Anissimowa. «Noch machen sie vor allem eine Show für die Medien und drohen uns nur: ‹Wir bringen euch um und vergraben euch unter Büschen!› Das übliche halt», erzählt sie.

Erbe der Sowjetunion

Dabei ist die Homophobie nach Meinung vieler LGBT-Aktivisten und -Aktivistinnen in Russland kaum grösser als in anderen Ländern. Aber einige Besonderheiten gibt es doch: Die sowjetische Vergangenheit steckt noch immer in vielen Köpfen fest. Der Paragraph, der Homosexualität unter Strafe gestellt hatte, ist erst 1993 abgeschafft worden. Die zuvor Verurteilten wurden nie rehabilitiert. Die ungeschriebenen Gesetze der sowjetischen Haftlager, durch die Millionen gegangen sind, drangen tief in das Bewusstsein ein. Homosexuelle gehörten zur untersten Kaste in der sozialen Lagerpyramide. Damals, so glauben viele bis heute, habe es kaum sexuelle Minderheiten gegeben. In Wirklichkeit haben sie sich nur nicht offenbart.

Revanchegelüste für die erniedrigenden 90er-Jahre, der jahrhundertealte Versuch, Russlands Identität in der Bedrohung seiner Feinde zu suchen, und der neue Schulterschluss des russischen Staates mit der orthodoxen Kirche vermischen sich zu einem Weltbild, in dem LGBT-Aktivisten als westlich gesteuerte Dekadenz-Soldaten in einem Feldzug gegen Moskau erscheinen.

Konfliktscheuer Aktivist

Grigorij ist einer dieser Soldaten, aber er wirkt gar nicht so. «Ich finde, alle sollten lieb sein und sich versöhnen», sagt der Schwule und ruft, weil es so kitschig klang, ein ironisches «Friede der Welt!» hinterher. Grigorij scheut Konflikte. Dass ihn einst ein Mann in einem Dorfladen geohrfeigt und beschimpft hat, erzählt er leichten Herzens wie eine wunderliche Anekdote.

Auch der Verlust seiner Arbeit beschwert ihn kaum mehr. Früher war Grigorij Theaterpädagoge in einem Kulturhaus für Kinder. Aber als sein Foto von einer Demonstration für die Rechte sexueller Minderheiten ins Internet kam, bat ihn der Direktor zu kündigen. Zu gross war die Angst vor den Protesten der Eltern. Seither tritt Grigorij auf der Bühne des LGBT-Klubs «Malewitsch» in Sankt Petersburg auf.

Das Lokal ist nicht leicht zu finden. Der Weg führt von der Metrostation Moskauer Tor über einen öden Parkplatz zur grellen Reklame einer Discount-Bar mit Billig-Gin. Durch eine Metallpforte darunter geht es in einen dunklen Durchgang, in dem es streng riecht. Im Hinterhof links um die Ecke liegt der Eingang, eine schwarze Metalltür. Das «Malewitsch» hatte bisher kaum Probleme: Mal flog eine Rauchbombe in den Eingang, mal fand sich ein Hakenkreuz auf einem Fass vor der Tür. Der Sankt Petersburger Stadtabgeordnete Witalij Milonow, der Homosexuelle mit religiösem Eifer verfolgt, bezeichnete das Lokal per Twitter als Bordell. Ernsthafte Drohungen gab es jedoch keine. Nach Mitternacht sitzt Grigorij im Schminkraum des «Malewitsch» und zieht den Lidschatten nach. Seine Paraderolle ist die Scherzfigur Milona, eine Mischung aus Milonow und Madonna. Der Abgeordnete wollte die Sängerin wegen ihrer Sympathiegeste für Schwule während eines Konzerts in Sankt Petersburg einst sogar vor Gericht zerren. Grigorij betritt die Bühne, stottert und klimpert wild mit den Augen, wie es Milonow manchmal tut. Dann verwandelt er sich in Madonna und singt «Boy Gone wild». Der Saal tobt.

Mit seinem Partner Dmitrij könnte Grigorij eigentlich, wie er selbst sagt, unerkannt und unbehelligt leben. Wäre da nicht das Gefühl der tiefen Ungerechtigkeit, das ihn schon vor Jahren als Freiwilligen zu «Coming Out» getrieben hat. «Ich finde gut, dass diese Organisation den Dialog und das gemeinsame Verständnis sucht», erklärt er sein Engagement.

Im September kommt ein neues Stück auf die «Malewitsch»-Bühne. Den Konflikt im Lehrerkollegium einer Schule zwischen einem Homosexuellen und einem Homophoben schlichtet letztlich die Putzfrau, eine kirgisische Migrantin. Als Geste der Solidarität mit allen anderen Minderheiten, die es genauso schwer haben im heutigen Russland.

Von Johannes Voswinkel. Er ist Russlandkorrespondent und lebt in Moskau.

*Name geändert

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion