Am 7. Februar 2014 beginnen die Winterspiele in Sotschi. Im Bild: Das Eiskunstlaufstadion. © MIKHAIL MORDASOV/AFP/Getty Images
Am 7. Februar 2014 beginnen die Winterspiele in Sotschi. Im Bild: Das Eiskunstlaufstadion. © MIKHAIL MORDASOV/AFP/Getty Images

Russland Keine Gnade!

Die Sportlerinnen und Sportler sind noch im Trainingslager, doch schon ist der erste Rekord gebrochen: Die Olympischen Winterspiele in Sotschi werden das kostspieligste Sportereignis aller Zeiten. Die Spiele kommen aber nicht nur die russische Staatskasse teuer zu stehen.

Wladimir Putin ist ein Meister der Inszenierung. Und am liebsten inszeniert er sich selbst. Kein Wunder also, dass der russische Staatspräsident die Olympischen winterspiele 2014 zur Chefsache erklärt hat. Die Spiele in Sotschi sollen im Februar alles Dagewesene übertrumpfen.

Ausbeutung für Luxusspiele

Das lässt sich der Kreml einiges kosten: Wohl rund 50 Milliarden Franken werden die Spiele verschlingen, mehr als alle bisherigen winterspiele zusammen. Doch für das Grossereignis zahlen nicht nur die russischen SteuerzahlerInnen.

Viele Arbeiter, die seit Monaten auf den Olympia-Baustellen schuften, fühlen sich ausgebeutet. Vor sechs Jahren konnte der Kurort noch nicht einmal einen vernünftigen Skilift vorweisen – ganz zu schweigen von Sportstadien, Rodelbahnen oder den 42'000 Hotelbetten, die das Internationale Olympische Komitee verlangt. Rund 100'000 Arbeiter rackern seither rund um die Uhr, um einen Neubau nach dem anderen aus dem Boden zu stampfen.

Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bereits im Februar dokumentierte. Jüngst nähte sich ein Tagelöhner aus Protest den Mund zu, im Internet kursiert ein Video der grausigen Aktion. Der Mann ist Russe – und damit noch in einer besseren Lage als das Heer der Migranten, das in Sotschi arbeitet. Es wird geschätzt, dass mehr als 40'000 Ausländer, vor allem aus Zentralasien, auf den Baustellen schuften.

Manche Baufirmen beantragen für die Migranten keine Arbeitsgenehmigungen und nehmen den Männern die Pässe ab. So sind die Arbeiter illegal im Land und den Firmen ausgeliefert: Sie können weder die Baustelle verlassen, noch sich bei der Polizei beschweren. Viele malochen sieben Tage die Woche, zehn Stunden am Tag. Wenn es gut läuft, verdienen sie pro Stunde zwei Franken. Doch manche warten monatelang auf ihr Geld, andere werden gänzlich um ihren Lohn betrogen.

Erst werden sie ausgebeutet, dann abgeschoben: Wenn die Olympischen Spiele mit grossem Pomp eröffnet werden, soll kein Arbeitsmigrant das Stadtbild verschandeln. Der Gouverneur der Region liess daran jüngst keinen Zweifel: «Alle müssen nach Hause geschickt werden», sagte Alexander Tkatschow. «Unsere Brigaden werden die Strassen säubern. Ich fordere: Keine Gnade!»

Totale Offenheit

Auch die Natur hat unter der olympischen Bauwut zu leiden: Nördlich von Sotschi wurden jüngst im Wasserschutzgebiet mehrere Tonnen Olympia-Müll entdeckt. Umweltschützer befürchten, dass Giftstoffe bereits ins Grundwasser gesickert sein könnten. Bei den Einheimischen ist das Olympiaprojekt ohnehin umstritten. Bulldozer haben Hunderte Häuser zerstört – für Schienen, Strassen und Sportarenen. Der nächste Skandal steht schon ins haus: Wie ein russisches Journalistenduo enthüllte, hat der Geheimdienst FSB das ausgefeilte Überwachungssystem SORM in Sotschi installiert. Die Agenten wollen in der Lage sein, am Austragungsort alle BesucherInnen, Athletinnen und Journalisten lückenlos auszuspähen. Jedes Telefon soll angezapft, jeder Chat gespeichert, jede SMS gelesen werden können. Als die Olympische Flamme im Oktober Moskau erreichte, versprach Putin, dass die Spiele von grosser «Offenheit» geprägt sein werden. Es steht zu befürchten, dass er sein Versprechen einlösen wird.

Von Ramin M. Nowzad. Er ist Mitarbeiter von Amnesty International Deutschland.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion