Eriberto Gualinga und Yolanda Oquelí zu Besuch bei Amnesty Schweiz. © Philippe Lionnet
Eriberto Gualinga und Yolanda Oquelí zu Besuch bei Amnesty Schweiz. © Philippe Lionnet

Landrechte «Land ist wichtiger als Geld»

Menschen, die sich in Lateinamerika für Landrechte und natürliche Ressourcen einsetzen, gehören zu den häufigsten Opfern von Menschenrechtsverletzungen. Das Beispiel zweier AktivistInnen aus Ecuador und Guatemala zeigt, was der Widerstand gegen Megaprojekte für sie und ihre Gemeinschaften bedeutet.

Eriberto Gualinga ist ein preisgekrönter Filmemacher der indigenen Gemeinschaft der Sarayaku im Amazonasgebiet im Osten Ecuadors. Die Sarayaku wehren sich seit Jahren gegen den Abbau von Erdöl und Bodenschätzen auf ihrem angestammten Gebiet.

Yolanda Oquelí engagiert sich mit den EinwohnerInnen der Gemeinden San José del Golfo und San Pedro Ayampuc in Guatemala gegen die Ausbeutung des spärlichen Grundwassers. Die Goldmine El Tambor bedroht die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung, weshalb die AktivistInnen den Baumaschinen durch physische Präsenz den Zugang zur Mine verwehren. Oquelí wurde im Juni 2012 von Unbekannten angeschossen und lebensgefährlich verletzt.

Amnesty: Sie beide zahlen einen hohen Preis für den Einsatz gegen die Megaprojekte in Ihren Ländern, Sie werden bedroht und angegriffen. Woher nehmen Sie die Motivation weiterzumachen?
Yolanda Oquelí: Dass ich noch am Leben bin, ist für mich ein Wunder und ein Zeichen, dass ich mein Engagement fortführen muss. Auf mich wurde geschossen, noch immer trage ich das Projektil in mir. Am meisten Kraft schöpfe ich, nach Gott, aus meinen kleinen Kindern. Für sie mache ich weiter und auch dank der Leute meiner Gemeinde. Das sind Menschen mit einer unglaublichen Überzeugungskraft, die für das Recht auf ein würdiges Leben kämpfen.
Eriberto Gualinga: Wir kämpfen nicht nur um das Recht auf Leben für uns selbst, sondern eigentlich für die ganze Welt. Wir verteidigen unser Territorium, den Regenwald, den wir als Teil des Lebens ansehen. Der Regenwald hält noch viele unbekannte, nützliche Informationen bereit, zum Beispiel über Heilpflanzen.

Mit welchen Mitteln kämpfen Sie?
Y.O.: Unsere Arbeit in Ecuador und Guatemala hat gemein, dass wir unsere Rechte friedlich einfordern. Wir glauben nicht an die Gewalt. So können wir uns einen Raum schaffen, den wir sonst nicht erhalten würden. Die Regierung wie auch die Firmen versuchen, eine gewalttätige Reaktion zu provozieren, um uns danach kriminalisieren zu können. Dass sich bei uns die Frauen am Widerstand beteiligen, ist unser Markenzeichen.
E.G.: Bei den Sarayaku ist es ähnlich. Wir Männer dachten einmal daran, doch mit der Erdölfirma zu verhandeln. Aber die Frauen haben immer darauf beharrt, nicht zu verhandeln, sondern Widerstand zu leisten. «Wenn wir sterben, dann alle zusammen», war das Motto. Es einte uns, machte uns stärker.

Die Firmen und Regierungen versuchen offenbar, die Gemeinden auseinanderzubringen.
Y.O.:
Die Taktik «teile und herrsche» geht leider oft auf, die Gemeinschaften fangen an, sich gegenseitig zu bekämpfen. Auch hier ist die Rolle der Frau fundamental. In unserem Fall waren es wir Frauen, die mit den verschiedenen Akteuren gesprochen haben und es schafften, dass die Gemeinschaft geeint blieb. Trotz Armut haben nur wenige einen Job bei der Minengesellschaft angenommen. Und sogar die sind zu uns zurückgekehrt, denn sie haben gesehen, dass ihre Mütter Widerstand leisten.
E.G.: Bei uns gab es auch Spaltungen, bis in die Familien hinein. Diese Taktik der Erdöl- und Minengesellschaften ist leider oft erfolgreich. Die Frage für uns ist: Welche Alternative können wir bieten, wenn wir Widerstand leisten? Unsere Ältesten sagen: Egal wie viel Geld man verdient, eines Tages wird dieses Geld verbraucht sei. Aber wenn wir das Land und das Wasser beschützen, dann werden wir noch viele Jahre davon leben können, ohne Geld zu benötigen.

Mit welcher Strategie verteidigen Sie Ihr Land gegen die internationalen Firmen?
Y.O.:
Die Strategie ist von Fall zu Fall, von Familie zu Familie unterschiedlich. Meine Strategie ist es, den Menschen zu sagen: Die Erde ist wichtiger als Geld. Wir kämpfen nicht gegen euch, wir haben ein Problem mit der Regierung und den transnationalen Firmen. Ausserdem ist es eine Lüge, dass man bei diesen Firmen viel verdient. Sie haben den Leuten sehr viel versprochen und nicht eingehalten. Für mich ist dieser viel zitierte Fortschritt, den die transnationalen Firmen bringen sollen, nicht mehr als ein Mythos.
E.G.: Bei uns wird eine Person, die sich gegen die Gemeinschaft stellt, ausgeschlossen und muss unser Territorium verlassen. Wir sagen: Du willst bei der Erdölfirma arbeiten? Dann geh und lebe mit ihr! Wir hatten Fälle, da wurden gemäss unseren Regeln ganze Familien ausgewiesen. Aber es gab auch andere, denen bewusst wurde, dass sie dann ohne Land, ohne den Urwald dastehen. Ohne Land ist man arm.

Die Sarayaku sind ein Volk mit eigenem Territorium, weit weg von den Städten. Aber bei Yolanda in Guatemala besteht keine solche Einheit; hier kann man wohl niemanden zwingen wegzuziehen, weil er bei den Minengesellschaften arbeitet.
Y.O.:
In Guatemala gibt es auch indigene Gemeinschaften, die dieselbe Strategie anwenden und Leute ausweisen. Ich denke aber nicht, dass es sinnvoll ist, jemanden wegen der  transnationalen Firmen aus unserem Gebiet auszuweisen. Ich denke vielmehr, dass die Firmen dies sogar noch ausnutzen. Wenn diese Firmen nicht in unsere Gemeinden gekommen wären, hätte es diesen sozialen Konflikt gar nicht erst geben. Sie sind verantwortlich für diese Spaltung der Gemeinschaften, die nie wieder so vereint und stark sein werden, wie vor der Ankunft dieser Firmen.

Können Sie sich ein Projekt zur Rohstoffförderung vorstellen, das sich positiv auswirkt?
Y.O.:
Nein. Alle diese Projekte bringen Umweltverschmutzung mit sich. Für uns ist Wasser das grösste Problem, bereits jetzt haben wir zu wenig. Für den Goldabbau wird unglaublich viel Wasser benötigt. Hinzu kommen giftige chemische Stoffe wie Blausäure, die für die Förderung nötig sind. Ich habe noch von keiner Firma gehört, die von sich sagen kann, dass sie kein Wasser braucht und die Umwelt nicht verschmutzt.
E.G.: Die ecuadorianische Regierung zerstört im Namen der Entwicklung das Leben so vieler indigener Völker und des Regenwaldes selbst. Wir haben sehr negative Erfahrungen mit der Erdölförderung im Amazonas gemacht, mit Chevron/Texaco. Die Bevölkerung vor Ort muss nun dafür kämpfen, dass die Schäden wieder beseitigt werden und sie entschädigt wird, denn auf diesem Land kann sie nichts mehr anbauen. Sogar der Regen ist verschmutzt, man kann nicht mehr in den Flüssen schwimmen. Wir wollen nicht, dass es auch bei uns so weit kommt. Doch man kann den Urwald auch positiv nutzen, ohne ihn zu zerstören. Er ist noch nicht wissenschaftlich erforscht; er könnte der Menschheit sehr viel bringen.

Was bedeutet für Sie die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft wie von Amnesty oder anderen NGOs?
E.G.:
Wenn du nicht von dir reden machst, wenn dich niemand kennt, hilft dir auch niemand. Jetzt da wir angefangen haben, die modernen Kommunikationskanäle zu nutzen, ist es sehr viel einfacher geworden und bringt uns mehr Glaubwürdigkeit. Die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft ist enorm wichtig, denn als indigene Gemeinschaft haben wir die Kapazitäten nicht, um mit gleichen Mitteln gegen multinationale Firmen anzutreten. Dieser ungleiche Kampf gegen eine riesige internationale Firma und den Staat ist im Grunde genommen unmöglich. Aber wenn internationale Organisationen helfen, den Fall international bekannt und sichtbar zu machen, dann ist es nicht mehr nur der Kampf eines kleinen, unbedeutenden indigenen Dorfes irgendwo im Urwald, sondern es beginnt, ein Kampf von allen zu werden. Der Widerstand wird so sehr viel stärker und nachhaltiger. Zudem gibt dies uns auch die Möglichkeit, Hilfe in rechtlichen Fragen zu erhalten, und die Erfahrungen von anderen Gemeinschaften kennenzulernen.
Y.O.: Die Unterstützung durch Amnesty war für mich persönlich sehr wichtig. Bereits vor dem Attentat stand Amnesty mit mir in Verbindung und zeigte sich besorgt über die Drohungen, die wir erhalten haben. Amnesty hatte schon damals die Regierung kontaktiert und Erklärungen verlangt. Nach dem Attentat war die Unterstützung für mich unglaublich! Sie ist es immer noch. Denn manchmal fühlt man sich sehr alleine. Man fühlt sich als Einzelperson ohnmächtig, angesichts der wirtschaftlichen Macht der Gegenseite. Dazu kommt die grassierende Korruption, die dazu führt, dass die Gesetze, obwohl es sie gibt, nicht eingehalten werden. Aber wenn – wie in meinem Fall – internationale Organisationen so viel Druck auf die Regierung ausüben, dann hält dies diese davon ab, mir etwas anzutun. Denn sie wissen, dass die internationale Gemeinschaft sehr genau hinschauen wird.

Interview: Christine Heller
Bearbeitung: Tanja Vultier, Manuela Reimann Graf

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2014.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion