Das Auge als Messstation: Prototyp einer Kontaktlinse, die den Blutzuckerwert misst. © Google
Das Auge als Messstation: Prototyp einer Kontaktlinse, die den Blutzuckerwert misst. © Google

Überwachung Blick in die Kristallkugel

Weiss Google künftig Bescheid, wenn uns der Toast anbrennt? Entscheiden Maschinen darüber, welcher Terrorist getötet wird? Und was geschieht mit der klassischen Geheimdienstarbeit? Ein Versuch, in die Zukunft der Überwachung zu schauen. Arbeitslose Schlapphüte?

Egal, ob geschüttelt oder gerührt: Diese Agenten trinken keinen Martini. Denn sie sind nicht aus Fleisch und Blut. «Agent» ist die Bezeichnung für künstliche Intelligenzen mit der Fähigkeit zur Lageanalyse und Prognose. «Solche intelligenten Maschinen sind in unserem Leben bereits allgegenwärtig », sagt Yvonne Hofstetter. Die Geschäftsführerin der Firma Teramark Technologies im bayerischen Zolling verdient ihr Geld mit Big-Data-Analysen.

Sie unterscheidet drei Phasen: Zuerst werden Daten gesammelt und in Datenbanken eingespeist. Dann erzeugen Algorithmen aus den gesammelten Rohdaten neue Informationen. Auf der dritten Stufe trifft die intelligente Maschine, basierend auf den Erkenntnissen dieser Lageanalyse, eine autonome Entscheidung. «Solche selbstständigen ‹Algos› kommen bereits seit Jahren in der Finanzbranche zum Einsatz. Künftig werden sie viel breiter verwendet werden», erklärt Hofstetter.

Ende letzten Jahres wurde zum Beispiel bekannt, dass Amazon ein Team im Bereich künstliche Intelligenz zusammenstellen will. Mögliches Szenario: Mit vorausschauenden Algorithmen erahnt der Internetversandhandel, was die Kunden und Kundinnen als Nächstes bestellen. Dieser Artikel wird schon verpackt und in das nächstliegende Logistikcenter gekarrt, bevor der Kunde überhaupt seine Bestellung abgeschickt hat. Die Entscheidung, wer was bekommt und wann ein Auftrag ausgelöst wird, trifft eine Maschine.

Bedeutungsvolle Modewörter

Yvonne Hofstetter ist eine moderne Minenarbeiterin: Sie geht dem «Data Mining» nach. «Das Modewort ‹Big Data› schwirrt seit zwei, drei Jahren umher. Was dahinter steht, durchschauen aber viele Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft nicht», sagt die Datenexpertin.

Ein zweites Modewort: das «Internet der Dinge». Es bedeutet, dass bald Gebrauchsgegenstände wie Kühlschränke, Brillen oder Lichtschalter miteinander kommunizieren. «Ihr Auto wird wissen, dass Sie auf dem Heimweg sind, und eine Nachricht an Ihre Heizung schicken, sie solle sich aufwärmen. Das ist verführerisch, weil es furchtbar bequem ist. Aber es bedeutet auch, dass Ihre Heizung und Ihr Auto Ziel von Hackerangriffen sein können», warnt Hofstetter. Wolle ein Geheimdienst einen (potenziellen) Terroristen ausschalten, dann könne er sich künftig Drohnenangriffe sparen und nur dessen Auto hacken.

Mit dem «Internet der Dinge» werden wir noch durchleuchtbarer. Google kaufte im Januar eine Firma, die Thermostate herstellt. Damit weiss der IT-Gigant künftig, wie warm es in jedem unserer Räume ist. Er erfährt es, wenn uns der Toast anbrennt. «Wollen wir das wirklich? Dazu müssen wir unbedingt eine Haltung finden», betont Hofstetter. Die künstliche Intelligenz stehe derzeit vor einem grossen Sprung. «Technologie setzt sich immer erst dann durch, wenn sie für die Menschen handhabbar ist. Als Mobiltelefone noch einen ganzen Koffer benötigten, sagten die meisten: Das brauche ich doch nicht. Und jetzt, wie viele Leute ohne Handy kennen Sie noch?», fragt die Teramark-Chefin rhetorisch.

Neue Zusammenhänge

Künftig würden neben Unternehmen auch staatliche Behörden noch weit mehr Daten erfassen als heute, befürchtet Viktor Györffy, Präsident des Vereins Grundrechte.ch. Auch die sogenannten Metadaten, also Informationen darüber, wer wann mit wem kommuniziert, sollen in noch grösserem Ausmass angehäuft werden. «Computer werden mit immer perfekteren Methoden Zusammenhänge herstellen zwischen einzelnen Informationen, die für sich allein keinen Nutzen haben», so der Rechtsanwalt. Es braucht keine Menschen, die all die gespeicherten E-Mails lesen.

Die Fantasie für neue Spähmethoden ist praktisch unbegrenzt. Ende Dezember berichtete die deutsche Zeitschrift «Spiegel» über einen NSA-internen Katalog, der den Traum aller SchnüfflerInnen verkörpert. Der Werkzeugkasten reicht von manipulierten Monitorkabeln über Mobilfunk-Horchposten bis zu Software, die anvisierte Computer ausspähen oder schädigen kann. Dank präparierten UBS-Steckern, die AgentInnen den Auszuspionierenden unterjubeln, kann der Geheimdienst auch Geräte überwachen, die nicht mit dem Internet verbunden sind. Gemäss einer Enthüllung der «Washington Post» arbeitet die NSA ausserdem an einem «Supercomputer », der auch hochgradig verschlüsselte Rechner bei Regierungen und Banken knacken soll.

Trotz der Aufmerksamkeit, die der NSA derzeit zuteil werde, tüftelten bei Weitem nicht nur die USA an immer neuen Spähtechnologien, betont Thore D. Hansen, Autor des Spionage- Thrillers «Silent Control». «Durch Edward Snowdens Enthüllungen ist die NSA in den Fokus gerückt. Wir wissen naturgemäss nicht viel über die Geheimdienste. Aber was bekannt ist, lässt darauf schliessen, dass einerseits andere westliche Sicherheitsagenturen mit den USA zusammenarbeiten und dass andererseits Unrechtsstaaten sehr fleissig an Möglichkeiten forschen, ihre Bevölkerung noch besser zu kontrollieren.» Es sei auch denkbar, dass Staaten als Reaktion auf die US-Überwachung eigene Netze entwickeln. Das könnte für die EinwohnerInnen repressiver Länder den Zugang zu unzensierten Informationen noch schwieriger machen.

Seit Snowden den Umfang der NSA-Ermittlungen auffliegen liess, steht vor allem die digitale Überwachung im Fokus. Doch was ist mit der klassischen Geheimdienstarbeit? Werden künftig keine Schlapphüte mehr Zielpersonen beschatten, Briefe abfangen, Informanten aushorchen? «Die klassische Geheimdienstarbeit wird ihre Relevanz behalten. Ihre Erkenntnisse werden mit jenen der digitalen Überwachung kombiniert», sagt Viktor Györffy. Der Jurist betont, dass zwischen Umfang und Wirksamkeit von Spähmethoden unterschieden werden müsse. «Derzeit werden viele Ressourcen in die digitale Überwachung gesteckt. Das bedeutet aber überhaupt nicht, dass die Wirksamkeit diesem Aufwand entspricht.»

Um das unzimperliche Vorgehen der NSA zu rechtfertigen, wurden diverse geplante Attentate ins Feld geführt, die angeblich dank ihr verhindert werden konnten. Doch es habe sich in keinem Fall klar belegen lassen, dass die neuen Überwachungsmethoden und nicht herkömmliche Geheimdienstarbeit für die Verhinderung von Anschlägen ausschlaggebend gewesen seien, führt Györffy aus. James Bond wird nicht so schnell durch einen Computer ersetzt.

Von Carole Scheidegger

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von März 2014.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion