Christliche Anti-Balaka-Kämpfer in Bossembele. © AI
Christliche Anti-Balaka-Kämpfer in Bossembele. © AI

Brennpunkt Tod und Vertreibung im Herzen Afrikas

In der Zentralafrikanischen Republik wütet seit einem Jahr weitgehend ungehindert ein brutaler Bürgerkrieg – obwohl 5000 afrikanische und noch einmal 1600 französische Soldaten vor Ort sind.

Die Zentralafrikanischen Republik ist 15 Mal so gross wie die Schweiz. Weiträumig verteilt leben dort aber kaum mehr als halb so viele Menschen, 4,5 Millionen. Jeder Vierte von ihnen ist auf der Flucht vor einem der grausamsten Bürgerkriege seit Jahrzehnten. Doch die EU will dennoch nur 500 zusätzliche Soldaten schicken. «Der Lage nicht angemessen» nennt das Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon – und das ist noch diplomatisch ausgedrückt.

Ein Amnesty-Team, das die Zentralafrikanische Republik im Februar bereist hat, wirft den internationalen Truppen ein zu zögerliches Vorgehen gegen die Anti-Balaka vor. Als Bürgerwehr gegründet, verstehen sich die Milizen der Anti-Balaka («Gegen Macheten») inzwischen als christliche Front, die wahllos gegen Muslime und Musliminnen vorgeht.

Bei einem Massaker in Bossemptele im Nordwesten des Landes soll die Anti-Balaka mindestens 100 Menschen muslimischen Glaubens getötet haben, unter ihnen Frauen und einen über 70 Jahre alten Imam. Selbst Kinder auf der Flucht werden regelrecht hingerichtet.Vom Ziel einer ethnischen Säuberung spricht Amnesty-Rechercheurin Donatella Rovera: «Das Ergebnis ist ein muslimischer Exodus von historischen Ausmassen.»

Die Gegner der Anti-Balaka sind nicht weniger grausam. Die Rebellen der Seleka, die vor einem Jahr Michel Djotodia an die Macht putschten, lösten mit ihren Massakern gegen Christen die Massenflucht aus. Nach Djotodias Rückzug Anfang des Jahres haben sie sich zwar aus der Hauptstadt Bangui zurückgezogen. Im Nordosten gruppieren sie sich aber neu – und verbreiten dort Angst und Schrecken.

Viele Seleka-Kämpfer sind Söldner, ehemalige Rebellen aus Darfur oder dem Osten Tschads. Sie haben wenig zu verlieren. Gerüchte, dass tschadische Truppen an Gräueltaten beteiligt waren, verstärken die Angst in der Bevölkerung.

Der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe, John Ging, berichtete nach einer Reise durchs Land, er habe BewohnerInnen eines Dorfes getroffen, die sich seit Wochen im unwegsamen Busch versteckt hielten. «Die haben gesagt: Entweder wir sterben dort, weil wir weder Nahrung noch Medikamente haben – oder wir kommen zurück ins Dorf und werden dort ermordet.» John Ging sagt, die Lage erinnere ihn an Bosnien oder Ruanda vor dem Genozid.

Hinter dem Bürgerkrieg steht ein Kampf um Macht und Geld. Ihn ficht die kleine Elite aus, die das Land beherrscht. Nur ihr nutzt der angebliche Religionskrieg. Dass viele Muslime als Händler und Viehzüchter überdurchschnittlich wohlhabend sind, macht es leichter, Ressentiments zu schüren. Zwar ist die Zentralafrikanische Republik arm, aber reich an Bodenschätzen. Nebst Diamanten, Gold und Tropenholz gibt es Uran, das die französische Firma Areva im Osten des Landes erschlossen hat. Wer in Bangui regiert, hat Zugriff auf die Staatskasse. Auch deshalb hat es hier seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 noch keinen demokratischen Machtwechsel gegeben.

Von Marc Engelhardt. Er ist langjähriger Afrikakorrespondent. Zum Terror in Afrika ist von ihm soeben erschienen: «Heiliger Krieg, Heiliger Profit», Ch. Links Verlag.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von März 2014.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion