Sampat Pal und ihre Mitstreiterinnen. © Amana Fontanella-Khan
Sampat Pal und ihre Mitstreiterinnen. © Amana Fontanella-Khan

Buch Widerstand in Pink

Die Frauen der Gulabi Gang, die in Indien in pinkfarbenen Saris gegen die Unterdrückung der Frauen ankämpfen, sind bereits berühmt. Allen voran ihre Anführerin: Sampat Pal, die unerschrockene Gründerin der Frauenorganisation.

Über Sampat Pal, die bereits Ende vierzig war, als sie die Pink-Sari-Organisation ins Leben rief, wurden schon viele Artikel geschrieben und Dokumentarfilme gedreht. Die Gulabi Gang (gulabi = pink) mit bereits 20000 Mitgliedern hat heute sogar eine eigene englischsprachige Webseite: www.gulabigang.in. Das Buch «Pink Sari Revolution» von Amana Fontanella-Khan ist trotz aller bisherigen Publicity lesenswert: Die Unterdrückung der Frauen Indiens wurde hier im Westen zwar seit den brutalen Vergewaltigungen zum Thema, doch erfuhr man wenig Konkretes über die Lebensumstände der Inderinnen, über die tiefverwurzelten patriarchalen Strukturen und politischen Verfilzungen.

Es ist äusserst beeindruckend, welchen Mut die Frauen der Gang aufbringen und mit wie viel Fantasie sie vorgehen. In einem Land, in welchem Behördenvorstehern durchaus ehrerbietig die Füsse geküsst werden, erfrechen sich die Frauen gegen korrupte Polizisten und prügelnde Ehemänner vorzugehen (kaum je in Anwendung ihres Knüppels, die Androhung reicht meist angesichts der grossen Zahl an wütenden, protestierenden Frauen und der gut organisierten Medienpräsenz).

Das Buch ist fesselnd, weil der Autorin ein besonderer Zugang zu Sampat Pal gelingt: Es ist ein Porträt, das die herausragenden Leistungen dieser Frau, ihre Intelligenz und ihre Widerstandskraft beschreibt, ohne zu verherrlichen. Der Zugang der Autorin zu ihrer Protagonistin ist so nah, fast schon familiär, dass auch Sampat Pals Schwächen deutlich werden. Das einstige Bauernmädchen, das mit zwölf Jahren verheiratet wurde und mit 20 bereits fünf Kinder hatte, zeichnet sich durch Engstirnigkeit und unendliches Selbstbewusstsein, ja Selbstherrlichkeit aus – Eigenschaften, die ihr auf ihrem Weg geholfen haben, aber die für ihre nächste Umgebung nicht gerade einfach sind.

Das Buch ist gleichzeitig ein Sachbuch wie auch fast ein Krimi über einen realen Fall: Zwischen die Textpassagen, die die eigentliche Geschichte in der Geschichte beschreiben – nämlich die Verhaftung der jungen Sheelu, die von ihrem «Herrn» offenbar vergewaltigt und des Diebstahls bezichtigt wurde – flechtet die Autorin immer wieder Erläuteruneigen über die indische Politik und die sozialen Strukturen des Landes ein, die fast noch feudal anmuten. Wer das Buch liest, erfährt aber auch etwas über den Alltag der unteren Kasten, insbesondere in Uttar Pradesh, diesem verarmten indischen Bundesstaat, in welchem die Gulabi Gang gegründet wurde.

Von Manuela Reimann Graf

Amana Fontanella-Khan: Pink Sari Revolution. Die Geschichte von Sampat Pal, der Gulabi Gang und ihrem Kampf für die Frauen Indiens. Hanser, Berlin 2014, 272 S., Fr. 31.90.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2014.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion