Wer einmal gefoltert wurde, bleibt gefoltert: Folteropfer sind oft ein Leben lang traumatisiert. © Ambroise Héritier
Wer einmal gefoltert wurde, bleibt gefoltert: Folteropfer sind oft ein Leben lang traumatisiert. © Ambroise Héritier

Folter «Vergessen ist unmöglich»

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2014. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion.
Auch in der Schweiz leben Menschen, die gefoltert wurden. Im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des SRK in Bern lernen sie, einen Umgang zu finden mit den belastenden Erinnerungen, die sie noch Jahrzehnte später überfallen.

Im Berner Vorort Wabern blitzen die Fensterfronten eines Gebäudes des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in der Sonne. Im Erdgeschoss stehen Lieferfahrzeuge und ein Container für die Altkleidersammlung. Zwei Stockwerke weiter oben sind die Öffnungszeiten des Ambulatoriums für Folterund Kriegsopfer in fünf Sprachen angeschlagen, darunter Türkisch und Arabisch. Hinter der Glastür öffnet sich ein weiter Flur, der zu einer ganz normalen Büroetage gehören könnte, wären nicht in einer Ecke Stofftiere und Kinderbücher zu sehen.

Der Schritt durch diese Türe in Bern oder bei einer der drei Schwesterorganisationen in Zürich, Genf und Lausanne fällt vielen PatientInnen nicht leicht. «Oft kommen sie erst viele Jahre nach den traumatisierenden Ereignissen zu uns», sagt Franziska Siegenthaler. Die Psychologin und Psychotherapeutin in violettem T-Shirt und farblich passenden Turnschuhen erklärt, dass das Ambulatorium SRK noch zwei Jahrzehnte nach Kriegsende Flüchtlinge aus dem Balkan behandle, welche mit dem damals Erlebten zurechtzukommen versuchen. «Auch nach Jahren kann es plötzlich geschehen, dass Menschen von ihren Erinnerungen überflutet werden.» Angstzustände, Schlaflosigkeit, körperliche Schmerzen oder Depressionen quälen viele der Patienten und Patientinnen. Einigen ist aufgrund ihrer Erlebnisse das Vertrauen in die Mitmenschen abhanden gekommen, sie isolieren sich sozial. Andere haben Mühe im Umgang mit BehördenvertreterInnen, die sie an den folternden Machtapparat in der Heimat erinnern.

Scham und Schweigen

Voraussetzung für eine Behandlung im Ambulatorium in Bern ist die Überweisung eines Arztes. Ausserdem müssen die Fahrtkosten von der Wohngemeinde übernommen werden – einige PatientInnen reisen aus der Innerschweiz oder Graubünden an. Manchmal kann der finanzielle Aspekt eine Hürde sein, ansonsten aber spürt die Crew in Bern unter der Leitung von Angelika Louis keine Widerstände seitens der Behörden.

Widerstände müssen eher die Folteropfer überwinden. Der Psychiater André Zumwald macht seinen PatientInnen jeweils deutlich, dass sie nicht schuld seien an ihren psychischen oder körperlichen Beschwerden. Diese seien vielmehr die Folge einer Traumatisierung, eine verständliche Reaktion auf das, was sie erlebt hätten. «Den Betroffenen hilft es zu wissen, dass sie mit ihrem Leiden nicht allein sind, dass sie nicht ‹spinnen›», erläutert Zumwald, der keinen weissen Kittel, sondern ein Hemd und Jeans trägt.

Die Erinnerung kann höllisch wehtun, auch Jahre später noch. Und es ist nicht möglich, sie aus dem Gedächtnis zu löschen, wie eine unerwünschte Datei von einem Computer.

Manche Folteropfer können lange nicht über das sprechen, was ihnen angetan wurde. Dann gehen die TherapeutInnen indirekt vor: «Es ist wichtig, auch die aktuelle Situation anzuschauen. Die Leute kommen meistens, weil sie heute Schwierigkeiten haben. Gemeinsam versuchen wir, diese zu lindern», erklärt Siegenthaler. Doch auch diese Nebengeleise können zu einer schmerzhaften Konfrontation mit dem Verdrängten führen. Zumwald erinnert sich an eine Frau, die erklärtermassen nicht über die erlittene Folter sprechen wollte. In einer Konsultation streifte sie diese Geschehnisse dennoch. «Beim nächsten Mal sagte die Patientin, dass sie zunächst gar nicht hatte wiederkommen wollen. Denn nach dem vorangehenden Gespräch habe sie unter Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit gelitten.» Die Erinnerung kann höllisch wehtun, auch Jahre später noch. Und es ist nicht möglich, sie aus dem Gedächtnis zu löschen, wie eine unerwünschte Datei von einem Computer. «Manche kommen hierher und sagen, sie wollten einfach alles vergessen. Doch das ist unmöglich», verdeutlicht Zumwald. Hingegen lasse sich ein ertragbarer Umgang mit dem Erlebten finden, der die aktuelle Lebensqualität nicht allzu sehr beeinträchtigt. Siegenthaler verwendet das Bild eines Schrankes, in den alle Erinnerungen einfach hineingestopft und weggesperrt wurden. Nun gelte es aufzuräumen: «Der Schrank soll nicht mehr so überfüllt sein, dass einem jedes Mal der gesamte Inhalt entgegenfällt, wenn man die Türen öffnet. Stattdessen versuchen wir, diesen Schrank mit den Patientinnen und Patienten so zu ordnen, dass sie gezielt einzelne Erinnerungen herausnehmen können.»

Keine sichtbaren Spuren

Im Behandlungszimmer mit den breiten Fenstern und bodenlangen roten Vorhängen ist aus der Ferne die Glocke eines Kirchturms zu hören. Fünf schwarze Metallstühle stehen auf einem bunten Teppich um einen Glastisch herum. Hier empfangen Siegenthaler und Zumwald PatientInnen, meistens zu Einzelgesprächen, gelegentlich finden Gruppengespräche statt, etwa in einer Frauengruppe. Ein Mitglied dieser Gruppe ist Vera Asme*. «Wie aus dem Nichts überwältigt mich mit voller Wucht die Angst. Alles wird unwirklich, es wird mir schwarz vor den Augen, wie damals, als ich gefoltert wurde.» So fasste die ehemalige Patientin ihre Gefühle am Behandlungsbeginn gegenüber dem Ambulatorium SRK zusammen. Dank der Therapie habe sie Strategien erlernt, um mit der Angst umzugehen.

«Die Folgen sind für die Betroffenen gerade deshalb verheerend, weil sichtbare Beweise fehlen.»

Das Ambulatorium SRK behandelt neben Folter- auch Kriegsopfer. Beide Gruppen hätten mit ähnlich traumatischen Erinnerungen zu kämpfen, erläutert Zumwald. Einen Unterschied mache es aber, ob Menschen völlig unvorbereitet in die Fänge von Folterknechten gerieten, weil sie etwa zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen seien, ergänzt Siegenthaler. «Wer darauf vorbereitet war, weil er sich in einem repressiven Staat politisch engagiert hat, kommt häufig besser mit dem Erlebten zurecht.» Der Psychologin fällt auf, dass die Schilderungen über Foltermethoden, die keine körperlichen Spuren hinterlassen, zunehmen: erzwungenes Verharren in schmerzhaften Positionen oder simuliertes Ertränken zum Beispiel. «Die Folgen sind für die Betroffenen gerade deshalb verheerend, weil sichtbare Beweise fehlen.»

Wie gehen die TherapeutInnen mit all dem Schrecklichen um, das sie zu hören bekommen? Ihnen steht Supervision und der Austausch mit KollegInnen zur Verfügung. Trotzdem kann es geschehen, dass das Erzählte für den Therapeuten unerträglich wird. «In einem solchen Fall sage ich offen, dass es mir zu viel wird und dass es wichtig ist, diese Emotionen zu regulieren», erklärt Zumwald. «Dass mich die Erlebnisse sichtbar berühren, kann bei der Therapie helfen. Denn Einfühlungsvermögen ist die Voraussetzung für unsere Arbeit.»

Beide, der Arzt wie die Psychologin, betonen, dass nicht nur sie das Gehörte verarbeiten müssen. Die allermeisten Konsultationen finden in Beisein eines Übersetzers oder einer Übersetzerin statt, da die PatientInnen nicht ausreichend Deutsch sprechen. Das Ambulatorium SRK arbeitet mit 25 ÜbersetzerInnen zusammen, die aus 20 verschiedenen Sprachen dolmetschen. Sie spielen eine wichtige Rolle im Therapieprozess. «Ein Patient sagte mir einmal, der behandelnde Arzt könne wechseln – Hauptsache, der Übersetzer bleibe», schmunzelt Zumwald. Diesen DolmetscherInnen, die nicht nur die Sprache übersetzen, sondern auch kulturelle Brücken schlagen, wird eine Betreuung angeboten.

Gratwanderung Asylverfahren

Politisch äussert sich das Ambulatorium SRK gemäss den Grundsätzen des Roten Kreuzes nur zurückhaltend. Im letzten Herbst nahm es aber Stellung zum verkürzten Asylverfahren. Denn Asylsuchende sind häufig stark traumatisiert. Rund ein Drittel der PatientInnen befindet sich daher auch im Asylverfahren. André Zumwald ist gespalten, was die Reformvorschläge angeht. «Einerseits ist sehr wichtig, dass die Asylverfahren verkürzt werden. Aktuell dauern sie manchmal ja Jahre. Gerade für Folteropfer ist diese konstante Unsicherheit schwer auszuhalten.» Doch die Verkürzung könne auch ein Risiko bedeuten, so der Psychiater weiter: «Der Bericht über Foltererlebnisse kann relevant sein für die Asylgewährung. Aber die Betroffenen müssen einen geschützten Rahmen und genügend Zeit erhalten, um gegenüber den Behörden ihre oft demütigende Geschichte erzählen zu können.»

Von Carole Scheidegger


Opfer zweiter Generation

Eine Mutter, die ihrem Baby alle zehn Minuten Fieber misst. Ein Vater, der panikartig ins Kinderzimmer rennt, wenn die kleine Tochter weint, in der Angst, es sei etwas Furchtbares passiert und er komme zu spät zur Rettung – danach Wutgefühle gegen das Kind, weil es scheinbar grundlos diesen Stress verursacht hat. Schwangere, die gegenüber dem werdenden Kind völlig emotionslos zu sein scheinen. Solche Beobachtungen macht das Ambulatorium SRK bei Traumatisierten immer wieder. Die Folgestörungen von Folter- und Kriegserfahrungen beeinträchtigen nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern immer auch deren Kinder. Migration, soziale und gesundheitliche Sorgen und die unsichere Zukunft belasten die ganze Familie zusätzlich – wenn dann noch ein Säugling dazukommt, sind viele erst recht überfordert.

Deshalb hat das Ambulatorium SRK in Bern einen Elternkurs aufgebaut, an welchem angehende und frischgebackene Eltern mit Kindern bis zu 15 Monaten teilnehmen können. In Einzelgesprächen und Gruppenarbeiten wird den Eltern Sicherheit in ihrer Eltern- Kind-Beziehung vermittelt und die Bindung gefestigt. Mit den BeraterInnen wird erkundet, welches beim traumatisierten Elternteil – oder bei beiden – die sogenannten «Trigger » sind: Starke Gefühle wie Angst, Ohnmacht oder Hilflosigkeit können durch Babys und Kinder aktiviert werden und Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse auslösen. Das Erlernen von Bewältigungsstrategien soll zu einem aktiven statt passiven Umgang mit diesen Gefühlen führen, damit die Betroffenen in solchen Situationen die Kontrolle nicht verlieren. In den Kursen wird auch theoretisches und praktisches Wissen über die Bedürfnisse des Kindes behandelt; bei den Kursleitenden und im Austausch mit den anderen Eltern der Gruppe können Fragen zu Erziehung, Gesundheit und weiteren Themen gestellt werden. Denn viele dieser Eltern sind infolge von Migration und Sprachhemmnissen isoliert und benutzen Beratungs- und Gesundheitsangebote für Familien kaum.

(mre)