«Beweise und Belege finden und die Aussagen gegenchecken.» Donatella Rovera bei der Arbeit. © AI
«Beweise und Belege finden und die Aussagen gegenchecken.» Donatella Rovera bei der Arbeit. © AI

Amnesty vor Ort Die Augen und Ohren von Amnesty

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2014. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Achtzig sogenannte Researcherinnen und Researcher sammeln in der Zentrale in London, den Amnesty-Aussenstellen oder direkt in Kriegs- und Krisengebieten Informationen über Menschenrechtsverletzungen. Auf der Grundlage ihrer Ermittlungsergebnisse werden Berichte veröffentlicht, Kampagnen gestartet oder Lobby-Gespräche geführt. Hier stellen wir drei ResearcherInnen und ihre Arbeit vor.
Donatella Rovera: «Jedes Detail muss überprüft werden.»

Auf wie vielen Recherche-Missionen Donatella Rovera bisher gewesen ist, weiss die Italienerin schon gar nicht mehr. Die Researcherin arbeitet seit 1990 mit einer Unterbrechung von zweieinhalb Jahren für Amnesty. Sie war für die Organisation unter anderem schon in Syrien, Libyen, Somalia, Sudan, der Zentralafrikanischen Republik und im Gaza- Streifen. In diesem Jahr hielt sich Rovera mehrmals längere Zeit im Irak auf, wo man versuchte, sie bei ihrer Arbeit zu behindern. «Das passiert andauernd, aus unterschiedlichen Gründen. Mal aus purer Absicht von Konfliktparteien, die verhindern wollen, dass Ermittlungen etwas ans Licht bringen, was sie lieber geheim halten möchten. Mal ist es die ausufernde Bürokratie, die sinnlos Barrieren aufbaut. » Anfang November wollte Rovera beispielsweise in der südlich von Bagdad gelegenen Stadt Jufr al-Sakhr Berichten über schwere Kämpfe und Menschenrechtsverletzungen nachgehen, doch Polizisten und Milizionäre liessen sie wiederholt nicht durch, angeblich aus Sicherheitsgründen. «Das war offensichtlich gelogen, denn gleichzeitig liessen sie Busladungen von Männern passieren, die für eine Siegesfeier in die Stadt fuhren und später Videos von der Feier auf YouTube hochluden.»

Bei ihrer Arbeit macht Rovera im Grunde das, was auch Polizisten tun: «Beweise und Belege finden und die Aussagen gegenchecken.» Das könne auch schon mal bedeuten, zwei Stunden zu fahren und ein Loch zu graben, um nach Munitionsresten zu suchen: «Denn Aussagen von Betroffenen oder Augenzeugen allein reichen nicht aus, wenn sie nicht durch andere Beweise bestätigt werden können.» Es gebe immer wieder Versuche von dieser oder jener Konfliktpartei, ihre eigene Agenda durchzusetzen: «Manche Menschen lügen absichtlich, andere liefern dir in gutem Glauben falsche Informationen, weil sie gar nicht wissen, dass sie falsch sind. Deshalb ist es äusserst wichtig, jedes noch so kleine Detail zu überprüfen und sich immer über die Rollen, Ziele und Positionen der verschiedenen Akteure im Klaren zu sein.»

William Nee Versucht chinesische Menschenrechtsverletzungen aufzudecken: Der US-Amerikaner William Nee ermittelt seit Januar 2014 für Amnesty in Hongkong. © AI

William Nee: «Wir werden als unabhängige und faire Beobachter angesehen.»

Als die Menschen in Hongkong im Herbst auf die Strassen gingen, um für mehr Demokratie zu protestieren, war auch William Nee dabei. Allerdings nicht, um zu demonstrieren, sondern um Informationen zu sammeln und das Verhalten der Polizei zu beobachten. Denn der USAmerikaner arbeitet seit Januar 2014 als China-Researcher im Amnesty-Büro in Hongkong. «Generell hat die Polizei unter diesen schwierigen Umständen professionell und zurückhaltend agiert. Doch es gab auch Vorfälle, in denen sie rechtswidrig mit Gewalt vorging und Tränengas, Gummigeschosse und Schlagstöcke einsetzte.» Ausserdem habe sie die Demonstrierenden nicht vor gewalttätigen GegendemonstrantInnen geschützt. «Wir haben dann Presserklärungen veröffentlicht und unsere Botschaft in den sozialen Netzwerken verbreitet. Das hatte spürbar Auswirkungen auf die öffentliche Debatte hier in Hongkong über das Verhalten der Polizei. Denn wir werden hier als unabhängig und faire Beobachter und Beobachterinnen angesehen.» Nee arbeitet von Hongkong aus, da ein Treffen mit AktivistInnen in China für die MenschenrechtsverteidigerInnen zu gefährlich wäre. «Ich bin aber erstaunt über den hartnäckigen Mut vieler AktivistInnen in China, wie zum Beispiel Liu Hua. Sie hatte sich gegen Korruption eingesetzt und wurde deswegen in ein ‹Umerziehung durch Arbeit›-Lager gesteckt, wo sie geschlagen, gefoltert und sexuell missbraucht wurde.» Nach ihrer Freilassung machte sie die schrecklichen Zustände öffentlich, woraufhin sie erneut inhaftiert wurde. Nee war daran beteiligt, dass für Liu Hua eine Urgent Action gestartet wurde – eine grossangelegte Protest- Briefaktion von Amnesty-Mitgliedern. «Die grosse Resonanz der Amnesty-Bewegung trug mit dazu bei, dass sie wieder freigelassen wurde. Solchen inspirierenden Heldinnen und Helden vor Ort helfen zu können, ist eine sehr lohnende und bereichernde Aufgabe.»

Joanne Mariner Das direkte Gespräch ist für sie zentral: Die US-Amerikanerin Joanne Mariner hat 2014 für Amnesty unter anderem in der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet. © AI

Joanne Mariner: «Ich treffe viele tapfere und bewundernswerte Menschen.»

Afghanistan, Sudan, Südsudan, Jemen, Somaliland – dies sind nur einige der Länder, in denen Joanne Mariner in den vergangen Jahren unterwegs war und Menschenrechtsverletzungen dokumentiert hat. Die US-Amerikanerin ist seit Februar 2013 Researcherin bei Amnesty und ist in diesem Jahr unter anderem in die Zentralafrikanische Republik und in die Ukraine gereist.

Die Vorgehensweise von Amnesty International ist dabei immer dieselbe: «Wir sind klar unparteiisch und objektiv, und wir strengen uns stets an, die Vergehen aller Konfliktparteien zu dokumentieren und die Welt über diese Vergehen zu informieren. Unsere Informationen stellen wir sowohl internationalen Akteuren wie der Uno zur Verfügung als auch der breiten Öffentlichkeit. Unsere Glaubwürdigkeit und Reputation sorgen dafür, dass unsere Ermittlungsergebnisse nicht ignoriert werden können.»

So war es auch bei ihrer Reise in die Ukraine, auf welcher Mariner und ihr Team herausfanden, dass beide Seiten für den wahllosen Beschuss von Wohngebieten mit Granaten und Raketen verantwortlich waren. Hunderte ZivilistInnen wurden getötet, noch mehr verwundet. Sie fanden auch Belege dafür, dass sich beide Konfliktparteien aussergerichtlichen Hinrichtungen und Folter schuldig machten. Mariner sprach mit Überlebenden, AugenzeugInnen und Angehörigen von Opfern, liess sich Verletzungen oder zerstörte Häuser zeigen und sammelte forensische Beweise. «Unsere Arbeit ist extrem bedeutsam. Ich finde es auch persönlich sehr bereichernd, auf der Seite von Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit zu stehen. Ausserdem treffe ich bei meiner Arbeit viele tapfere und bewundernswerte Menschen.»

Von Daniel Kreuz