Richten und Hinrichten: Der Hirte Kidane (Ibrahim Ahmed) muss das Tribunal der Gotteskrieger fürchten. © trigon-film
Richten und Hinrichten: Der Hirte Kidane (Ibrahim Ahmed) muss das Tribunal der Gotteskrieger fürchten. © trigon-film

Film Meisterhafte Miniaturen

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2014. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
In seinem Film «Timbuktu» erzählt der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako in poetischen Bildern vom Leben und Leiden unter der Knute der Islamisten.

Kunst muss schockieren, so lautet das Credo vieler zeitgenössischer Künstler. Auch der Spielfilm «Timbuktu» mutet seinem Publikum Beklemmendes zu: Ein junges Liebespaar wird bis zum Hals in den Wüstensand eingebuddelt. Anschliessend prasseln Steine auf die Köpfe der Elenden nieder. Die beiden Liebenden werden hingerichtet, weil sie nicht verheiratet sind. Ein Justizmord im Namen der Religion.

Doch der mauretanische Filmemacher Abderrahmane Sissako will mit dieser Szene nicht schockieren, sondern vielmehr einen sehr persönlichen Schock verarbeiten: Sissako, einer der bedeutendsten Regisseure Afrikas, wurde in Mali selbst Zeuge einer solchen Hinrichtung. Sein Spielfilm «Timbuktu» ist eine künstlerische Antwort auf den Schrecken der Realität.

Die Fanatiker verwüsteten nicht nur Bauwerke, sondern auch das Leben der Menschen.

Timbuktu, jene sagenumwobene Stadt aus Lehm am Rande der Sahara, beflügelte von jeher die Fantasie der EuropäerInnen. Kein Wunder also, dass die westliche Welt den Atem anhielt, als im Sommer 2012 islamistische Rebellen die Wüstenstadt eroberten und dort jahrhundertealte Friedhöfe und Mausoleen zerstörten. Zehn Monate hielten sich die religiösen Kämpfer an der Macht, dann wurden sie von französischen und malischen Soldaten vertrieben. Doch die Fanatiker verwüsteten in dieser Zeit nicht nur Bauwerke, sondern auch das Leben der BewohnerInnen – wie «Timbuktu» in eindrücklichen, poetisch aufgeladenen Bildern zeigt.

Der Film setzt ein, kurz nachdem die Islamisten die Stadt eingenommen haben. Auf Motorrädern rattern sie durch die staubigen Strassen, die Maschinengewehre baumeln von ihren Schultern. Durchs Megafon quäken die Eiferer immer neue Verbote: Kein Fussball. Keine Zigaretten. Keine Musik. Selbst das Lachen ist untersagt.

Für die Gotteskrieger ist die Einnahme Timbuktus ein Triumph, schliesslich zählte die Stadt im Mittelalter zu den wichtigsten geistigen Zentren des Islams. Doch Sissakos Film macht unmissverständlich klar, dass die fanatisierten Kämpfer nicht zu der Tradition zurückkehren, sondern sie vielmehr zerstören. Die Eiferer geben vor, Gott zu dienen. Und spielen sich dabei doch nur selbst als Götter auf. Wie fremd sie den frommen BewohnerInnen Timbuktus bleiben, zeigt sich schon daran, dass die ausländischen Kämpfer die Sprache der Einheimischen nicht sprechen.

Sissako schildert meisterhaft den Alltag unter der Knute der Islamisten – und durchkreuzt dabei immer wieder die Konventionen des klassischen Erzählkinos. Zwar kennt «Timbuktu» eine Haupthandlung – die Geschichte des Hirten Kidane, den das Schicksal zufällig ins Visier der religiösen Fanatiker treibt. Doch besticht der Film vor allem durch episodenhafte Miniaturen, die zeigen, wie die Bevölkerung Timbuktus den neuen Herren der Stadt mutig die Stirn bietet.

«Timbuktu» entzückte bereits die KritikerInnen in Cannes, nun wurde der Streifen ins Rennen um den «Oscar» für den besten fremdsprachigen Film geschickt – als erster Film aus Mauretanien überhaupt.

Von Ramin M. Nowzad