Auf der Flucht: MigrantInnen auf dem Weg nach Europa © Giorgos Moutafis
Auf der Flucht: MigrantInnen auf dem Weg nach Europa © Giorgos Moutafis

Festung Europa «Boza!» – Die letzte Hoffnung

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2014.  Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Zehntausende Migranten und Migrantinnen stecken in Marokko fest. Im Auftrag Europas hält das Königreich seine Grenzen dicht. Mit viel Gewalt. Nun soll Marokko sogar Flüchtlinge wiederaufnehmen, welche unerlaubt nach Spanien gelangt sind.

Die Zeigefinger zum Himmel gestreckt, zu Gott, mit erleichtertem Lachen, endlich angekommen, auf der anderen Seite des Meeres, rufen sie «Boza, Boza!» und klettern auf ein Rettungsboot des spanischen Roten Kreuzes. Am 11. und 12. August 2014 gelangten rund 1200 Menschen in einfachen Schlauchbooten über die Meeresenge von Gibraltar nach Spanien. «Boza» bedeutet Sieg in mehreren westafrikanischen Dialekten. «Boza» ist der Freudenruf der Reisenden, die es geschafft haben, die «Festung Europa» zu stürmen – Ziel von Zehntausenden aus West- und Zentralafrika, welche in Marokko festsitzen.

«Hier komme ich nicht weiter»

Viele von ihnen stranden am Rande der marokkanischen Grossstädte. In einer fensterlosen Kammer mitten in Duardum, einem Slum der Hauptstadt Rabat, lebt Moussa. An den Wänden breitet sich Schimmel aus, die Wolldecken sind feucht. Das schmale Bett teilt er sich mit einem weiteren jungen Mann. Moussa war neun Jahre alt, als er in den Kriegswirren in der Elfenbeinküste seine Mutter aus den Augen verlor. Ein fremder Mann nahm ihn auf der Strasse bei der Hand und brachte ihn nach Mali, wo das Kind seine Reise begann. Von Hoffnung zu Hoffnung, bis nach Marokko. Jetzt ist er 22. Die Reise ist noch nicht zu Ende. «Aber ich habe keine Hoffnung mehr»,sagt Moussa, nachdem er seine Geschichte erzählt hat. «Hier komme ich nicht weiter.»

David, 52 Jahre alt, geboren in der Demokratischen Republik Kongo, ist auf der Suche nach seiner Familie, zu der er während des Bürgerkriegs in Angola den Kontakt verlor. Und Jeanne aus Kamerun entfloh einst verzweifelt der Tyrannei ihres Schwiegervaters und begab sich auf eine siebenjährige Reise durch die Wüste, die sie zur Zwangsprostituierten und Gefangenen einer Schmugglerbande machte, bevor sie von der algerischen Polizei zurück in die Wüste abgeschoben wurde und die Reise von vorn begann.

Den Weg nach Norden versperrt die Grenze. Den Weg zurück die Hoffnungslosigkeit. Oder die Scham.

Es sind Geschichten von Fluchten, Träumen und Hoffnungen. Zeugnisse des Chaos, das die Kolonialisierung in Afrika hinterlassen hat und das von der neokolonialen Ausbeutung aufrechterhalten wird. Sowie der unbändigen Sehnsucht der Menschen nach einem würdigen Leben. Hier in Marokko hat ihre Reise vorerst geendet. Den Weg nach Norden versperrt eines der aufwendigsten Grenzüberwachungssysteme der Welt. Den Weg zurück in die Heimat versperrt die Hoffnungslosigkeit. Oder die Scham. «Aber hier ist kein Ort, an dem man leben kann», sagt Serge. Der junge Ivorer sitzt hinter einem klapprigen Schuhmachergestell und näht die Sohle eines weissen Turnschuhs zusammen. «Fünf Dirham», sagt er dem Marokkaner, als er fertig ist. Fünfzig Cent. «Eine andere Arbeit findest du nicht», meint Serge, «da musst du glücklich sein, wenn du am Tag fünf Euro verdienst.»

Das Lager der Mutigen

Mehr als dreissig Mal hat es Serge schon versucht. Er kletterte über die Grenzzäune, stach mit Schlauchbooten ins Meer, schwamm über die Grenzlinien. Drei Jahre dauert sein Sturm bereits an. «Und ich höre nicht auf.» Wochenlang lebte er im «Forêt», in den Camps von Gourougou, in den Hügeln vor Melilla. Die Grenze zu der spanischen Enklave besteht aus drei hohen Gitterzäunen mit Wachtürmen, Klingendraht und Kletterblockaden, ausgestattet mit Scheinwerfern, Infrarotkameras und hochsensiblen Sensoren. Melilla und die zweite spanische Enklave Ceuta haben die einzigen Landgrenzen Europas zu Afrika. Die einzigen Migrationswege von Afrika nach Europa,die die Migrierenden kein Geld kosten.

Gourougou ist das Basislager der Mutigen. Sie kampieren im Schutz löchriger Plastikplanen und Wolldecken zwischen den niederen Pinien und warten auf den richtigen Moment,um die Zäune zu erstürmen. Davor wachen Hunderte marokkanische Soldaten der Forces Auxiliaires. Wer von ihnen gesehen wird, riskiert einen Stein am Kopf. Wer erwischt wird, dem werden nicht selten die Knochen gebrochen. «Ich wurde oft verprügelt», erzählt Serge, «grausam verprügelt. Einmal konnte ich zwei Wochen lang meine linke Körperhälfte nicht mehr bewegen.» Immer wieder werden Reisende zu Tode geschlagen.

Mit Gummischrot auf Schwimmende

Auf der europäischen Seite wartet die spanische Guardia Civil. Am Zaun festgenommene Flüchtlinge und Migrantinnen werden in der Regel «heiss abgeschoben» – sie werden direkt den marokkanischen Militärs übergeben. Ohne gesetzliche Grundlage. Unter Missachtung des internationalen Rechts. Der Schutz der Grenze wird über den Schutz der Menschen gestellt. So auch am 6. Februar 2014, als mindestens 14 Menschen vor der Küste Ceutas ertranken, weil Beamte der Guardia Civil mit Gummischrot und Tränengaspetarden auf schwimmende Flüchtlinge schossen.

Bei jedem grösseren Ansturm kommt es zu Todesfällen. Aber manche kommen durch.

Doch die Reisenden haben die Masse auf ihrer Seite. «Attaque forcée» nennen sie den Moment des Ansturms. Dann rennen sie zu Hunderten, zu Tausenden auf die Grenze zu, gleichzeitig, an verschiedenen Orten. Die meisten stellen sich den Knüppeln und Steinen, dem Tränengas und Gummischrot. Bei jedem grösseren Ansturm kommt es zu Todesfällen. Aber manche kommen durch. Mal zehn, mal zwanzig, mal hundert.

«Entwicklungshilfe» für Grenzschutz

Am frühen Morgen des 28. Mai 2014 gelangten rund 500 Reisende in das Stadtzentrum von Melilla. Es war einer der erfolgreichsten Grenzstürme in der Geschichte des Hochsicherheitszaunes. Und Europa reagierte mit einer weiteren Verstärkung der Festung: mit neuen Antiklettermaschen sowie einem vierten Zaun auf marokkanischem Boden. Mitte Juli besuchte Spaniens frischgebackener König Felipe VI. sein marokkanisches Pendant Mohammed VI. und versprach 150 Millionen Euro zur «Unterstützung von Marokkos Migrationspolitik» für die nächsten drei Jahre.

Seit Jahren wird der marokkanische Staat für seinen Einsatz an Europas Aussengrenze bezahlt. Wenn auch indirekt. Alleine von 2007 bis 2013 erhielt das Königreich über 1 Milliarde Euro «Entwicklungshilfe» im Namen der EU-Nachbarschaftspolitik – so viel wie sonst kein anderes Land der Welt. Diplomatisch an die Bedingung geknüpft, den Migrationsstrom zu kappen. Und seit Juni 2013 wird über ein Rückübernahmeabkommen verhandelt, welches der EU erlauben sollte,sämtliche Flüchtlinge, welche via Marokko nach Europa gelangen, unverzüglich zurück nach Marokko abzuschieben (siehe unten).

Flüchtlinge als Spielball der Politik

Noch ziehen sich die Verhandlungen in die Länge. Bevor Mitte August binnen 48 Stunden rund 1200 Menschen über die Meeresenge von Tanger aus Tarifa erreichten, hatte die marokkanische Küstenwache ihre Kontrolle kurzzeitig ausgesetzt und die Reisenden über diese einmalige Chance informiert. Eine Machtdemonstration des Königreichs in seiner Rolle als Europas Grenzpolizist. Die illegale Migration dient hier immer wieder als Spielball der Politik. Rund 100 Menschen ertranken allein in diesen zwei Tagen in der Meeresenge.

Schwarze Flüchtlinge und MigrantInnen sehen sich in Marokko immer wieder mit Gewalt konfrontiert. Im August erreichten die Angriffe in Tanger einen traurigen Höhepunkt: Organisierte Banden veranstalteten vor den Augen der Polizei rassistische Hetzjagden, bewaffnet mit Knüppeln und Macheten. Mindestens vier Menschen wurden Ende August zu Tode gelyncht.Und als die Subsahariens daraufhin in den Strassen ihre Wut und Trauer zum Ausdruck brachten, ging die Polizei brutal gegen sie vor.

Aber die letzte Hoffnung der Migrierenden zerschlägt sich nicht. Die erbrachten Opfer werden grösser. «Denn viele sagen sich, ich habe nichts mehr zu verlieren», sagt Azarias, ein Jurastudent aus Mosambik, der an der Grenze zu Algerien freiwillig Nothilfe für verletzte Reisende leistet. «Sie sagen sich, ich bin im Grunde bereits tot. In mein Land zurückkehren bedeutet den Tod, hierbleiben bedeutet den Tod. Siehst du, warum nicht auf diesem Tod beharren, sodass ich zumindest sterbe beim Versuch zu überleben.»

Von Johannes Bühler


Das Outsourcing von Europas Grenzwache

Als erstes Land im Mittelmeerraum ist Marokko 2013 mit der EU eine Mobilitätspartnerschaft eingegangen. Diese soll offiziell dazu dienen, «einen gut organisierten Personenverkehr zu gewährleisten». Im Rahmen dieser «Partnerschaft» verhandelt die EU gegenwärtig über ein Rückübernahmeabkommen, womit jede Person, welche irregulär europäisches Territorium betritt, umgehend zurück nach Marokko abgeschoben werden könnte. Im Gegenzug versprechen die Schengenstaaten Visa-Erleichterungen für marokkanische Studierende, WissenschaftlerInnen und Geschäftsleute.

In den vergangenen Jahren verstärkte die EU in Bezug auf den Grenzschutz die Einbindung ihrer Nachbarstaaten. So unterzeichnete sie ebenfalls eine Mobilitätspartnerschaft mit Tunesien und ein Rückübernahmeabkommen mit der Türkei. Weiter werden Gelder der Entwicklungszusammenarbeit diplomatisch von Massnahmen gegen Auswanderung und Migrationstransit abhängig gemacht. Dabei wird aktiv mit Staaten zusammengearbeitet, welche die Menschenrechte von Flüchtlingen und MigrantInnen systematisch missachten.

Auch die Schweiz beteiligt sich als Schengenstaat und Mitglied der Grenzschutzagentur Frontex an der Überwachung von Europas Aussengrenze. Rund 40 Schweizer GrenzwächterInnen werden jährlich für Frontex-Einsätze zur Verfügung gestellt – auch an den Hochsicherheitszäunen in Ceuta und Melilla.