An eine baldige Rückkehr ist nicht zu denken: Syrische Flüchtlingsfamilien in Istanbul. © Raphaël Fournier
An eine baldige Rückkehr ist nicht zu denken: Syrische Flüchtlingsfamilien in Istanbul. © Raphaël Fournier

Festung Europa Flucht aus Syrien

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2014.  Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Tausende syrische Flüchtlinge versuchen, über die Türkei in die EU zu gelangen. Die meisten scheitern, denn Europa mauert. Und nur wer Geld hat, kann überhaupt an die Reise denken.

Die Flucht nach Europa lässt sich wählen wie eine Reise aus dem Urlaubskatalog. «Ein Flug nach Deutschland mit gefälschtem Pass kostet 8000 bis 9500 Euro, nur nach Bulgarien über die Grenze 450 Euro, bis zum Flüchtlingscamp dort 1200 Euro, bis Sofia 2500, nach Griechenland 3000 Euro.» Der 22-jährige Haidar* kennt die Preise der Schleuser in der Türkei auswendig. Mit seinem besten Freund Hamid* dreht er in Istanbul nach Feierabend eine Runde um den Block. Die beiden Syrer sind wie so viele ihrer Landsleute vor dem Krieg geflohen. Haidar spart für den falschen Pass, das ist die teuerste, aber auch die sicherste Option, meint er. «Die Bulgaren haben zu viele Syrer, die sind selbst arm. Sie schicken die Flüchtlinge wieder zurück in die Türkei, genau wie die Griechen.» Haidar will nach Deutschland oder Frankreich. Er lächelt, als würde er von einer längst geplanten Traumreise erzählen.

Neun Quadratmeter für vier Personen

Ihr nächtlicher Spaziergang führt Haidar und Hamid an einem vierspurigen Boulevard mit Reiseagenturen, Büros für Geldtransfer, Handyshops und Kiosken entlang. Viele der Passanten und Passantinnen stammen aus Afrika, Pakistan, dem Kaukasus oder aus arabischen Ländern. Unter einer Brücke verkaufen fliegende Händler gefälschte Uhren und Markenkleidung. In den Seitenstrassen leuchten die Namensschilder schummriger Hotels. «Um diese Uhrzeit sieht man hier nur Bettler, Kriminelle und Prostituierte», sagt Haidar. «Ich muss hier weg, bevor ich genauso werde.»

«Um diese Uhrzeit sieht man hier nur Bettler, Kriminelle und Prostituierte», sagt Haidar. «Ich muss hier weg, bevor ich genauso werde.»

Die beiden Freunde teilen sich ein Zimmer mit zwei anderen Syrern, neun Quadratmeter für vier Personen, mit Überwachungskameras an der Decke. «Wenn wir nicht da sind, ruft der Chef an und fragt, was wir machen», erzählt Haidar. Sie arbeiten schwarz. Vor dem Eingang eines sechsstöckigen, heruntergekommenen Hauses sprechen sie arabisch aussehende Touristen und Geschäftsleute an, um ihnen Ausflüge zu verkaufen, jeden Tag von morgens um neun bis nachts um zehn oder elf. «Das kann er nur mit uns machen, weil wir Syrer sind und keine andere Wahl haben», sagt Haidar über seinen Chef. SyrerInnen erhalten in der Türkei wegen des Krieges zwar temporären Schutz, aber keine Arbeitserlaubnis.

«Möge Gott ihnen helfen»

Nur wer Geld für die Reise hat, kann an Europa überhaupt denken. In der Türkei sind offiziell knapp 800000 syrische Flüchtlinge registriert – etwa zehn Mal so viele, wie die gesamte EU bisher aufgenommen hat. Die Dunkelziffer dürfte doppelt so hoch liegen, denn aus Unwissen oder Angst vor Abschiebung lassen sich viele nicht registrieren. Und seit die Terrorgruppe IS in Syrien und im Irak weiter vorrückt, kommen täglich Tausende dazu.

Nur etwa 200000 SyrerInnen sind in Uno-Camps entlang der türkisch-syrischen Grenze untergekommen. Die meisten anderen versuchen, sich in den grossen Städten durchzuschlagen. In Istanbul trifft man sie überall: Sie betteln auf Plätzen, Fussgängerbrücken und vor U-Bahneingängen. Im Ausgehviertel Beyoglu streunen Kinder an den Bars vorbei und verkaufen Wasser an Nachtschwärmer. Jugendliche, die ihre Habseligkeiten in Plastiktüten mit sich tragen, verbringen die Nächte auf Pappkartons vor den Eingängen der Modeläden auf der Einkaufsmeile Istiklal. Die Neuankömmlinge stranden in öffentlichen Parks.

Langes Warten

An eine baldige Rückkehr ist nicht zu denken. In Syrien kämpfen so viele verschiedene Gruppen gegeneinander, dass der Konflikt unlösbar scheint. Selbst die Kurdengebiete im Norden des Landes sind wegen des IS und
anderer radikaler Gruppen nicht mehr sicher.

Der 27-jährige Muhammed* musste erleben, was das bedeutet. Islamisten der al-Nusra-Front entführten seinen Bruder, er hat seit drei Monaten nichts von ihm gehört. Seine Familie drängte ihn und den Jüngsten zur Flucht, bevor ihnen Ähnliches widerfahren würde. Die Sorge um seine in Syrien gebliebene Mutter steht Muhammed ins Gesicht geschrieben. Seine Hände verraten, dass er kräftig gewesen sein muss, doch nun schlackert sein schwarzes Hemd um seinen hageren Körper. Mit seinem jüngsten Bruder, seiner Frau und zwei kleinen Töchtern ist er in Cizre gestrandet, im Kurdengebiet der Türkei. Die Grenze zu Syrien und dem Irak liegt nur ein paar Kilometer entfernt.

Die Familie hat das Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses gemietet, zwei dunkle, fast leere Zimmer. Auf einem dünnen Teppich über dem Betonboden breitet sie nachts Decken als Schlaflager aus. Muhammeds Frau, eine schüchterne 18-Jährige, wiegt in einer Ecke der kahlen Veranda unablässig ihr Baby im Arm. Wenn ihr Mann und ihr Schwager bei der Arbeit sind, lädt eine Nachbarin sie manchmal zum Tee ein.

Die Männer bringen nur etwa jeden zweiten Tag Geld nach Hause. Sie arbeiten auf dem Bau für 14 Euro am Tag. «In Syrien war ich Baggerführer. Ich konnte mir die besten Arbeitsstellen aussuchen», sagt Muhammed. Sein Bruder studierte Architektur. Muhammeds rechtes Auge ist blau und rot unterlaufen, sein Gesicht geschwollen. Am Tag zuvor ist er bei der Arbeit gestürzt. Bis sein Auge verheilt ist, muss er zu Hause bleiben.

Am Grenzfluss

Die EU hat Ende 2013 die türkische Regierung dazu gebracht, ein Rücknahmeabkommen zu unterzeichnen, damit sie Flüchtlinge dorthin abschieben kann. Sie machte dies zur Vorbedingung für eine visafreie Einreise in die EU, die sich die Türken und Türkinnen seit Jahren erhoffen. Die Türkei hat sich in dem Abkommen auch verpflichtet, ihre Nordwestgrenze zu Bulgarien und Griechenland besser zu sichern.

Nur wenige Kilometer von den beiden EU-Staaten entfernt liegt Edirne, eine gemütliche Stadt mit griechisch anmutender Architektur. Ohne die prächtigen, alten Moscheen im Stadtzentrum könnte man sich bereits im Nachbarland wähnen. In der Lobby eines kleinen Hotels sitzen zwei Dutzend Männer und eine sechzehnköpfige Grossfamilie auf ausladenden Ledersofas. Ihre Kinder rennen vor der Rezeption auf und ab. Bis auf einen Iraker und zwei Algerier kommen alle hier aus Syrien.

Auf einem grossen Flachbildschirm läuft Al Jazeera auf Arabisch. Wenn Kämpfe und Tote in Syrien gezeigt werden, geht ein Raunen durch den Raum. Fast alle haben Bilder wie die, die über den Fernsehschirm flimmern, mit eigenen Augen gesehen. Sie sehen Europa als ihren einzigen Ausweg an. Die meisten haben bereits einen gescheiterten Versuch hinter sich, nach Griechenland oder Bulgarien zu gelangen, wie der 27-jährige Informatiker Ammar aus Damaskus. Er trägt hellgraue Jeans, ist glatt rasiert, die Haare modisch kurz. Er würde auch in Zürich oder Paris nicht weiter auffallen. Er ist geflohen, als er zum Militärdienst in der syrischen Armee eingezogen werden sollte. Zur Strafe wurde sein Bruder von Regierungssoldaten mitgenommen und gefoltert. Inzwischen ist auch er geflohen.

«Ich kann nirgendwo hin», sagt er. Im Libanon würde ihn die Hisbollah umbringen, die auf der Seite al-Assads steht. In Syrien würde ihn die Kriegspartei töten, die ihn als Erstes zu fassen bekommt.

Ammar möchte zu seinem ältesten Bruder, der seit mehr als zehn Jahren in Barcelona lebt. Vor ein paar Tagen hat er versucht, den Grenzfluss Evros zwischen der Türkei und Griechenland zu überqueren, gemeinsam mit sechs weiteren Syrern, eine bunt gemischte Gruppe: vier Sunniten, zwei Christen, einer davon Araber, die anderen Kurden. «Das ist egal, hier sind wir alle einfach Syrer», sagt Hosin. Der grosse durchtrainierte 37-Jährige mit kurzem Haarschnitt und Lederstiefeln ist ihr Anführer und Stratege. Er lässt sich nie aus der Ruhe bringen. Hosin hat 15 Jahre als Leutnant in der syrischen Armee gedient, zuletzt für den syrischen Botschafter im Libanon. «Rebellen der al-Nusra-Front haben meine gesamte Familie ermordet – wegen mir», sagt er. Als er kurz darauf nach Syrien zurückbeordert wurde, um gegen die Rebellen zu kämpfen, ist er desertiert und geflohen. Der Krieg schien ihm sinnlos. «Ich kann nirgendwo hin», sagt er. Im Libanon würde ihn die Hisbollah umbringen, die auf der Seite al-Assads steht. In Syrien würde ihn die Kriegspartei töten, die ihn als Erstes zu fassen bekommt.

Ins Wasser geschickt

Für ihren ersten Fluchtversuch wählten die Männer die Route nach Griechenland. Doch nachdem sie den Grenzfluss überquert hatten, verliefen sie sich im Wald. Im Glauben, sie würden temporären Aufenthalt bekommen, meldeten sie sich auf einer Polizeistation. Nach geltendem Recht müssen die Behörden bei jedem Flüchtling den Anspruch auf Asyl prüfen – und zwar einzeln. Solange dürfen sie nicht abgeschoben werden. «Aber in der Nacht kamen plötzlich andere Polizisten», sagt Ammar. «Sie haben uns in einen Bus gesetzt und uns zurück zum Fluss gefahren.» Er erzählt von maskierten Männern, die ihn angeschrien und geschlagen hätten. Sie mussten in ein Boot steigen und kurz vor einer Insel auf türkischer Seite ins Wasser springen. Ob sie schwimmen konnten, war den «Maskenmännern» egal. Hosin zeigt seinen verwaschenen Reisepass und sein altes Nokia-Handy. Unter Unter dem Display haben sich Wassertröpfchen gesammelt.

Immer wieder sterben Menschen bei dem Versuch, die EU zu erreichen. Auch aus dem Grenzfluss Evros wurden bereits ertrunkene Flüchtlinge gefischt. Nachdem Griechenland seine Landgrenze mit einem meterhohen Zaun gesichert hat, wählen immer mehr Flüchtlinge den Weg über den Fluss. Auch Bulgarien hat die Kontrollen verschärft und einen Zaun errichtet.

Über der Heizung in Ammars Zimmer hängen Socken und T-Shirts zum Trocknen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wollen die Männer einen erneuten Versuch wagen: per Taxi bis zum letzten Dorf vor der Grenze und dann zu Fuss durch die Felder bis zum Fluss. Sie haben Kinderschwimmringe gekauft, an denen sie sich in der starken Strömung festhalten und ihre Sachen in Plastiktüten trocken ans andere Ufer bringen wollen. Mithilfe eines Smartphones und Google Earth haben sie sich eine Route überlegt, die sie von der Grenze ins Landesinnere führen soll. Hosin zeigt auf eine Stadt rund 40 Kilometer vom Fluss entfernt. «Wenn wir es bis dorthin schaffen, können sie uns nicht so leicht wieder zurückschicken», sagt er.