Auf der Flucht vor dem «Islamischen Staat»: Syrische Flüchtlinge im türkischen Suruç. © AI
Auf der Flucht vor dem «Islamischen Staat»: Syrische Flüchtlinge im türkischen Suruç. © AI

«Islamischer Staat» Entsetzen und Verdrängung

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2014. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Der sogenannte «Islamische Staat» (IS) schockiert die Welt. Hierzulande werden, wie auch schon schon nach den Anschlägen vom 11. September 2001, wieder Stimmen laut, die die Taten des IS mit einer prinzipiellen Gewaltausrichtung des Islam erklären und den Islam für grundsätzlich «menschenrechtsinkompatibel» halten. Wir fragen den Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, wie man denn in der muslimischen Welt mit dem Phänomen IS umgeht.

Gräueltaten wie Massenhinrichtungen, Entführungen von Frauen und Enthauptungen von Westlern… Wie reagiert man in der muslimischen Welt auf die Gewalt des IS, wie reagieren die Menschen auf der Strasse?

Grösstenteils reagieren sie mit Entsetzen. Ein Entsetzen, das sich nicht von dem unterscheidet, welches wir im Westen erleben. Es bedingt natürlich, dass eine adäquate Informationspolitik der Öffentlichkeit da ist. Die Menschen auf der Strasse werden nicht überall über die Gräueltaten des IS adäquat informiert, sodass ihre Einschätzung bisweilen abweicht von dem, was man im Westen hört.

Im Westen werden die Sympathien insbesondere in der sunnitischen Bevölkerung und der fehlende Widerstand oder zumindest die fehlende Kritik am IS beklagt. Gleichzeitig distanzieren sich die Regierungen der islamischen Staaten vom IS, bezeichnen ihn gar als unislamisch.

Man muss genau anschauen, mit was sich die Menschen identifizieren. Wenn gemäss Umfragen saudisch-arabischer Medien angeblich 95 Prozent der saudischen Bevölkerung dem Treiben des IS irgendwelche Sympathien entgegenbringen, so beziehen sich diese Sympathien kaum auf dessen mörderische Taten, sondern eher auf das, was der IS symbolisch zu vertreten scheint: Das sind dann moralische Aspekte wie «jetzt zeigen wir es den Herrschenden» oder «die stellen unsere Ehre wieder her».

Woher kommt diese unglaubliche Gewaltbereitschaft der IS-Kämpfer? Was sind Ihre Erklärungen dafür, dass sich so viele junge Männer – auch aus dem Westen – zu diesen Gräueltaten hinreissen lassen?

Der Hass und die Rachegefühle gegenüber dem Westen stehen sicher stark im Vordergrund für die moralische Rechtfertigung, legitimiert zu sein, eine Waffe in die Hand zu nehmen und gegen die «Feinde des Islam» kämpfen zu dürfen. Das sind sicherlich sehr starke Motive, die dann je nach Biografie und je nach persönlicher Situation irgendwann von einer Fantasie in eine Wirklichkeit übertreten. Es kommen Männlichkeitsfantasien hinzu; Hollywood-Bilder vom Helden, der sich selber ermächtigt und bis auf die Zähne bewaffnet allein gegen die ganze Welt kämpft… Wie diese Vorstellungswelten in den Islam passen, ist eine andere Frage.

Man liest von Dschihadisten, Salafisten, Muslimbrüdern, Hamas, al-Kaida: Es scheint, dass in allen muslimischen Ländern die radikalen Ausprägungen eines politischen Islam auf dem Vormarsch sind.

Zunächst: Was der IS repräsentiert, hat mit dem klassischen politischen Islam nichts zu tun. Im politischen Spektrum gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie der Islam als Religion in der Gesellschaft zu verankern sei. Entsprechend reichen die Ideologien von linken, emanzipatorischen Forderungen bis hin zu sehr wertkonservatorischen, teilweise sogar quasi-faschistischen Vorstellungswelten. Der IS steht jedoch jenseits dieser politischen Ordnung und bindet sich auch ideologisch nicht mehr an das, was im alten politischen Islam noch vertreten worden ist.

Das macht es für die Öffentlichkeit so schwer, den IS zu verstehen, und genau das ist seine Machtbasis: Solange wir nicht begreifen, was da geschieht, hat er einen Freiraum. In diesem kann der IS seinen Geltungsanspruch entfalten und durchsetzen und damit neue Leute rekrutieren. Die politische Öffentlichkeit steht dem völlig hilflos gegenüber, was für die muslimische Öffentlichkeit genauso zutrifft wie für die westliche.

Wie sieht es mit der Wahrnehmung des IS bei der Elite der islamischen Länder aus? Gibt es da Diskussionen, wie mit dem IS umzugehen ist?

«Über Verschwörungstheorien wird das Problem verdrängt und aus der eigenen Gesellschaft herausverlagert.»

Es findet kaum eine Auseinandersetzung in dem Sinne statt, als dass muslimische Meinungsführer den IS als Problem der eigenen Gesellschaft thematisieren. Stattdessen überwiegen verschiedenste Verschwörungstheorien. Man fragt, sich, wem der IS denn nütze. So gibt es zum Beispiel Vorstellungen, dass sich mithilfe des IS die Türkei Macht aneignen wolle, oder gar – wie schon bei 9/11 –, dass eigentlich der amerikanische Geheimdienst hinter allem stehe. Über solche Verschwörungstheorien wird das Problem verdrängt und aus der eigenen Gesellschaft herausverlagert. Es wird als ein von aussen importiertes Phänomen interpretiert und nicht als ein auch in der Gesellschaft selbst entstandenes Problem verstanden. Solange diese Meinungsführer sich nicht der Tatsache stellen, dass der IS auch ihr Problem ist, solange wird es auch keine kritische Auseinandersetzung geben mit den Bedingungen, die zu seinem Entstehen geführt haben.

Wie sieht es mit den Bewegungen des sogenannten Arabischen Frühlings aus, den Demokratie- und Menschenrechtsbewegungen, den Frauenorganisationen? Gibt es zumindest hier eine Debatte über die Gewalt des IS und Menschenrechtsfragen?

Die gibt es, doch sind sie zum Teil auch in diese Schuldzuweisungsstrategie eingebettet. So heisst es in Ägypten beispielsweise, der IS sei ein Ergebnis des gescheiterten Arabischen Frühlings, weil sich die alten Eliten zurück an die Macht geputscht hätten. Oder: Wäre Baschar al- Assad schon 2011 auf die Forderungen der Oppositionellen eingegangen, dann gäbe es das Problem des IS gar nicht. Das sind natürlich Spekulationen, aber im Kern stimmen sie: Denn wenn die arabischen Eliten den Arabischen Frühling systematisch unterstützt hätten, dann hätte es für ultrareligiöse Gemeinschaften viel weniger Raum.

So blieben aber die Akteure des Arabischen Frühlings eine marginale politische Kraft, ohne Entfaltungsmöglichkeit. Die Eliten müssen sich also die Frage stellen lassen, ob sie mit der Rückkehr zu den konservativen Parteien letztendlich dazu beigetragen haben, dass der IS überhaupt entstehen konnte.

Ist es in diesem Klima überhaupt noch möglich, die Menschenrechte zu thematisieren?

Das ist eine heikle Diskussion. Man sieht es zum Beispiel momentan in Saudi- Arabien anhand der drohenden Hinrichtung des schiitischen geistlichen Führers Nimr al-Nimr. Die politisch Verantwortlichen meinen, dass al-Nimr eigentlich gar keine Gefahr darstelle und sagen könne, was er wolle. Sie behaupten, dass sie selber ihn natürlich nicht hinrichten würden. Aber die Gesellschaft sei halt konservativ und fordere dies. Die Führung behauptet, sie müsste diesen Vorstellungen entsprechen, denn sonst bestünde die Gefahr, dass die Gesellschaft auseinanderfalle und die Leute wie der IS zu denken begännen. Sie schiebt die Verantwortung also auf das Volk ab. Dabei geht es eigentlich um ihren Machterhalt.

Wie beeinflusst die militärische Reaktion des Westens auf den IS die Thematisierung der Menschenrechte?

«Wenn der Westen meint, er könne das soziale Problem, das sich hinter dem IS verbirgt, einfach wegbomben, dann wird er das Problem wie ein Krebsgeschwür weiterverbreiten.»

Der Westen täte gut daran, nicht nur die militärische Option in den Vordergrund zu rücken und rein realpolitischen Allianzen einzugehen, somit die Menschenrechtsfrage auszuschliessen. Denn eines sollte dem Westen klar sein: Wenn er meint, er könne das soziale Problem, das sich hinter dem IS verbirgt, einfach wegbomben, dann wird er das Problem wie ein Krebsgeschwür weiterverbreiten. Die sozialen Aspekte müssen mitgedacht werden. Es sollten sozialpolitische Ideen mitkreiert werden, die helfen, das Problem IS einzugrenzen und wenn möglich auch auszutrocknen.

Die Regierungen sind momentan aber realpolitisch fixiert und kooperieren lieber mit dem mörderischen Regime von Baschar al-Assad, als dass sie sich vom IS vorführen lassen. Das ist letztendlich der Tod der Menschenrechtsdiskussion.

Bewirken die extremen Interpretationen des IS, wie die Scharia angewandt werden soll und was der rechte islamische Weg sei, zumindest bei den religiösen Führern eine ideologisch-theologische Debatte über Islam und Menschenrechte?

Eine Debatte im engeren Sinne gibt es nicht, schon gar nicht mit dem IS selbst. Das würde auch eine Aufwertung des IS und seiner Vorstellungswelten bedeuten. Deren Ideen sind selbst für konservative Gelehrte der al-Azhar-Universität zu fremd, als dass man darüber diskutieren würde.

Wichtiger sind aber folgende Fragen, wie sie beispielsweise in Ägypten und in Saudi-Arabien gestellt werden: «Haben wir in der Vergangenheit die Diskussionen falsch geführt? Haben wir zu sehr darauf beharrt, den Islam als eine mit den Menschenrechten zwar kompatible, aber doch eigenständige Religion darzustellen? Haben wir zu wenig gesagt, dass wir die Menschenrechte in ihrer Gesamtheit mitbegründen, mitunterstützen und mitumsetzen?» Das wird zunehmend diskutiert, und ich kann mir vorstellen, dass dieser Aspekt in den kommenden Monaten noch stärker in den Vordergrund gerückt wird. Auch von verantwortlichen muslimischen Theologen, die gar nicht mehr nach der Kompatibilität des Islam mit den Menschenrechten fragen, sondern fragen: «Wie können wir dazu beitragen den Menschenrechtsdiskurs positiv in der Gesellschaft zu verankern?» Sie rücken damit die Menschenrechte als Rechtfertigungsrahmen für politisches Handeln in den Vordergrund. Das sieht man in Ägypten selbst bei den Muslimbrüdern, die sich im Rahmen der Verhaftungen auf die Menschenrechte beziehen und mit ihnen begründen, warum diese Verhaftungen gesetzeswidrig sind.

Insofern sehe ich dahingehend eine positive Entwicklung und ich hoffe natürlich, dass die positive Referenz auf die Menschenrechte in der Öffentlichkeit etabliert bleibt.

Interview: Manuela Reimann Graf