Lassen sich nicht einschüchtern: Nadine Seeli (links) und Roga List sind seit gut vierzig Jahren für Amnesty aktiv. © Jan Amsler
Lassen sich nicht einschüchtern: Nadine Seeli (links) und Roga List sind seit gut vierzig Jahren für Amnesty aktiv. © Jan Amsler

Aktiv für Amnesty «Einmal Amnesty – immer Amnesty»

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Es war eine sehr spezielle Aktion, die in den neunziger Jahren im Liestaler Städtli stattfand: Der ganzen Rathausstrasse entlang standen «Pappkameraden» und weckten das Interesse der Flanierenden. ...

Es war eine sehr spezielle Aktion, die in den neunziger Jahren im Liestaler Städtli stattfand: Der ganzen Rathausstrasse entlang standen «Pappkameraden» und weckten das Interesse der Flanierenden. Die lebensgrossen Figuren aus Karton sollten darauf aufmerksam machen, dass in vielen Ländern Menschen plötzlich spurlos von der Bildfläche verschwinden – weil ihre Meinungen sich nicht mit denjenigen ihrer Regierungen decken. Die Amnesty-Gruppe Liestal war es, die diese Protestaktion gegen das «Verschwindenlassen» organisiert hatte.

Den Gruppenmitgliedern Nadine Seeli und Roga List ist diese Kundgebung besonders gut in Erinnerung geblieben – als wäre sie erst gestern gewesen. «Jeder musste sich auf den Kartonbogen legen, dann wurden die Konturen nachgezeichnet», erklärt die 85-jährige Nadine Seeli das Entstehen der «Pappkameraden».

Roga List feiert im März ihren 76. Geburtstag. Sie weiss auch schon, wer sie an diesem Tag bestimmt wieder anrufen wird: Mimoun, der Marokkaner, der während des Westsaharakonflikts Mitte der Siebziger wie viele andere auch zum politischen Gefangenen wurde. Amnesty International setzte sich für die Inhaftierten ein. Und Roga List kümmerte sich damals im Speziellen um Mimoun: Sie führte Briefverkehr, stattete ihm nach der Freilassung in Marokko einen Besuch ab und lud ihn später nach Ramlinsburg zu sich nach Hause ein.

«Einmal wurden Passanten bei einer Aktion gegen die Todesstrafe sogar handgreiflich.»

Nadine und Roga erinnern sich aber auch an frustrierende Situationen: «Einmal wurden Passanten bei einer Aktion gegen die Todesstrafe sogar handgreiflich», empört sich Roga noch heute. Auch habe sie schon Briefe erhalten mit der Aufforderung, dass sie ihre «linken Aktivitäten » gefälligst einstellen solle. Von solchen Erlebnissen lassen sich die engagierten Frauen aber nicht beeindrucken: «Einmal Amnesty – immer Amnesty», meint Roga schmunzelnd.

Die beiden Aktivistinnen starteten ihr Engagement bei Amnesty vor rund vierzig Jahren bei der Gruppe Sissach, der heutigen Gruppe Liestal. Nadine, die jetzt im grenznahen Hausen im Kiesental wohnt, war zu dieser Zeit in der Nordwestschweiz zu Hause. Dass es sich lohnt, Flugblätter zu verteilen, zeigt folgende Geschichte: «Eines Tages kam mein Mann mit einer Amnesty-Broschüre nach Hause, die er im Zug gefunden hatte. ‹Lass uns dort mitmachen›, sagte er zu mir, was wir dann auch taten.» Sie erinnert sich gut an ihre erste Aktion: «Wir haben Lebkuchen verkauft. 900 Franken kamen rein, das war viel!» Vor allem die Einzelschicksale motivieren die gelernte Kleinkinderzieherin, sich für die Menschenrechte einzusetzen: «Wenn man von diesen Schicksalen erst einmal weiss, ist es unmöglich, untätig zu bleiben.»

«Man muss Verantwortung übernehmen für das, was man tut, aber auch für das, was man nicht tut.»

Etwa einen Monat nach Nadines Einstand in der Gruppe Sissach stiess auch Roga dazu, und die beiden freundeten sich an. «Roga ist temperamentvoller als ich», sagt die gebürtige Italienerin. Aber Roga relativiert: «Das würde ich so nicht sagen. Unsere Temperamente sind halt unterschiedlich.» Auf jeden Fall vertragen sich ihre Charaktere bestens, und auch nebst der gemeinsamen Freiwilligenarbeit verbringen sie gerne Zeit miteinander.

Rogas Antrieb für das ehrenamtliche Engagement liegt in ihrer Biografie. Ihre Familie flüchtete während des Nazi-Regimes aus Deutschland nach Italien. Ihre Geschichte spornt die ausgebildete Hotelfachfrau und Erwachsenenbildnerin an, aktiv zu sein: «Man muss Verantwortung übernehmen für das, was man tut, aber auch für das, was man nicht tut», zitiert sie Molière.

Von Jan Amsler