Estela de Carlotto mit ihrem wiedergefundenen Enkel. © Micaela Ayala V./Andes/CC BY-SA 2.0
Estela de Carlotto mit ihrem wiedergefundenen Enkel. © Micaela Ayala V./Andes/CC BY-SA 2.0

Argentinien Die Enkelkinder der Hoffnung

Von Theodora Peter. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2015.
Fast vier Jahrzehnte nach dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien suchen die «Abuelas de la Plaza de Mayo» noch immer nach Hunderten Kindern, die während des Staatsterrors geraubt wurden. 116 «nietos» (Enkelkinder) konnten bislang identifiziert werden – dank einer Gendatenbank.

Die 84-jährige Estela de Carlotto, Präsidentin der «Abuelas de la Plaza de Mayo» («Grossmütter des Mai-Platzes»), hat bewegte Monate hinter sich. 36 Jahre hatte sie nach ihrem Enkel Guido gesucht, 2014 fand sie ihn endlich – oder besser gesagt: Er fand sie. Der unter dem Namen Ignacio Hurban bekannte Musiker hatte Zweifel an seiner Identität und nahm Kontakt auf mit den «Abuelas», die in Argentinien längst zu einer gesellschaftlichen Institution geworden sind. Der 36-jährige Mann unterzog sich Gentests, die belegten, dass er der leibliche Sohn von Carlottos Tochter Laura ist. Die 23-jährige Widerstandskämpferin war schwanger, als sie im November 1977 in das geheime Gefangenenlager «La Cacha» nach La Plata verschleppt worden war. Zwei Monate nach der Entbindung wurde sie ermordet, wie viele Regimegegnerinnen während der Diktatur, denen man die in Gefangenschaft geborenen Babys wegnahm und zur Adoption freigab. Guido alias Ignacio wuchs bei einem kinderlosen Paar auf, das ihn als leiblichen Sohn ausgab.

Guidos Entdeckung sorgte in Argentinien für eine riesige Anteilnahme und machte auch ausserhalb des Landes Schlagzeilen. In der Folge vervielfachten sich die Anfragen bei den «Abuelas». Hunderte meldeten sich, die ebenfalls Zweifel an ihrer Identität hatten. Innerhalb weniger Monate wurden daraufhin gleich zwei weitere Enkelkinder identifiziert. Beim bisher letzten Fall handelt es sich um einen 38-jährigen Soziologen, der bis vergangenen Herbst nicht einmal ahnte, dass er adoptiert worden war. Bis er aufgrund eines Fingerzeigs einer Tante selbst auf Spurensuche ging. Die Gentests zeigten, dass er ein Kind von «Subversiven » war, die in den Kerkern der «Escuela Mecánica de la Armada» verschwunden waren. Das Ausbildungszentrum der Marine in Buenos Aires war nach dem Militärputsch vom 24. März 1976 eines der wichtigsten Gefangenenlager und Folterzentren des Landes.

Gerechtigkeit statt Rache

Die Arbeit der «Abuelas» ist noch längst nicht beendet, obwohl einige der Gründerinnen bereits verstorben sind. Noch immer sind fast 400 Fälle mutmasslich geraubter Kinder ungelöst. Wie viele von ihnen tatsächlich mit falschen Identitäten bei Adoptiveltern aufgewachsen sind, ist unklar. 2014 klärte sich in drei Fällen, dass die Enkelkinder gar nicht zur Welt gekommen waren, weil ihre Mütter noch während der Schwangerschaft ermordet worden waren. Für deren Familien ist zumindest die quälende Ungewissheit vorbei.

Es war Estela de Carlottos sehnlichster Wunsch, ihren vermissten Enkel noch zu Lebzeiten in die Arme zu schliessen. Nun hofft die 84-Jährige, ihn noch ein paar Jahre begleiten zu dürfen. Estela de Carlotto weiss, dass den noch lebenden Grossmüttern nicht mehr viel Zeit bleibt, ihre vermissten Enkelkinder ausfindig zu machen. Nicht zuletzt deshalb integriert sie zunehmend die «nietos» in die Leitung der Organisation. Sie sollen die Arbeit auch nach dem Tod der Gründerinnen weiterführen.

Nicht immer ist die Wahrheit für die betroffenen Enkelkinder einfach zu akzeptieren.

Die «Abuelas de la Plaza de Mayo» seien eine der glaubwürdigsten Menschenrechtsorganisationen, sagt die Journalistin Gisela Busaniche, die mehrere Filme über die Opfer des Staatsterrors gedreht hat. Auch in Busaniches Familie sind zwei Tanten während der Militärdiktatur verschwunden, eine davon mutmasslich schwanger – sie gehören zu den geschätzten 30000 «Desaparecidos», von denen bis heute jede Spur fehlt. Die Glaubwürdigkeit der «Abuelas» sei deshalb so gross, weil die Frauen stets auf Wahrheitsfindung gesetzt hätten. «Es ging ihnen nie um Rache, sondern um Gerechtigkeit», betont die Journalistin. «Deshalb sind die ‹Abuelas› unantastbar. » Die Organisation setze auf die Instrumente des Rechtsstaats und achte auch sorgfältig darauf, die wiedergefundenen Enkelkinder nicht unter Druck zu setzen, was die Wiedervereinigung mit der biologischen Familie betrifft. Denn nicht immer ist die Wahrheit für die betroffenen Enkelkinder einfach zu akzeptieren.

Der «Grosseltern-Index»

Gisela Busaniche weist auch darauf hin, dass das Engagement der «Abuelas» enorm viel zur Entwicklung des genetischen Fingerabdrucks beigetragen hat. In der nationalen Gendatenbank sind mittlerweile Tausende Blut- und DNA-Proben von Familien abgespeichert, die Angehörige vermissen. Erfinder des sogenannten Grosseltern-Index ist der Genetiker Victor Penchaszadeh. 1982 traf sich der damals im US-Exil lebende Mediziner erstmals mit den «Abuelas», als diese vor den Vereinten Nationen in New York über ihre Suche nach den geraubten Babys berichteten. Die Genforschung hatte damals noch einen zweifelhaften Ruf, weil ihr der Makel der Nazi-Rassenhygiene anhaftete. Penchaszadeh entwickelte gemeinsam mit einer Gruppe von Wissenschaftlern einen DNA-Test – zunächst für Grosseltern geraubter Kinder und später auch für weitere Verwandte. 1987 wurde eine nationale DNA-Datenbank geschaffen.

Mindestens so wichtig für die Suche nach der Wahrheit ist die Arbeit forensischer Anthropologen – etwa bei der Exhumierung von Leichen aus Massengräbern. Pionierarbeit leistete dabei der inzwischen verstorbene US-Forensiker Clyde Snow, der die Arbeit der «Abuelas» ebenfalls unterstützte und wichtige Beweise für die Verurteilung von Offizieren der Militärjunta lieferte. Und es war Snow, der Estela de Carlotto anlässlich der Exhumierung der Leiche ihrer Tochter Laura 1985 einen forensischen Beleg liefern konnte, dass die junge Frau tatsächlich ein Kind geboren hatte. Mittlerweile verfügt Argentinien über ein hoch spezialisiertes Team forensischer Anthropologen. Sie konnten bei Ausgrabungen Hunderte wertvoller DNA-Spuren für die Identifizierung sicherstellen.


Justiz rollt Verbrechen neu auf

Seit 2003 werden in Argentinien die Verbrechen der Militärdiktatur (1976–1983) neu aufgerollt. Möglich machte dies der damalige Präsident Nestor Kirchner, indem er die Amnestie- Gesetze ausser Kraft setzte. In einem symbolischen Akt befahl Kirchner der Armeeführung am 24. März 2004 – dem 28. Jahrestag des Militärputsches – die Porträts der Junta-Generäle von den Wänden der Militärakadamie zu entfernen. Seither wurden neue Prozesse gegen Verantwortliche des Staatsterrors eingeleitet. Laut Angaben von Menschenrechtsorganisationen kam es zu insgesamt 577 Verurteilungen. Allein im Jahr 2014 wurden 19 Prozesse wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgeschlossen. Im Dezember verurteilte ein Gericht in Buenos Aires erstmals einen Arzt und eine Hebamme, die am Raub von Babys beteiligt gewesen waren: Der 69-jährige ehemalige Militärarzt wurde zu 13 Jahren, die 85-jährige Hebamme zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt. Beide hatten auf der geheimen Geburtsstation der Militärbasis «Campo de Mayo» in Buenos Aires gearbeitet und dabei mitgeholfen, die wahre Identität der Neugeborenen zu verschleiern und die Kinder an regimetreue Familien weiterzugeben.