Yannick Haenel träumt in seinem Roman vomanarchistischen Aufstand der Aussenseiter. © Catherine Hélie/Editions Gallimard
Yannick Haenel träumt in seinem Roman vomanarchistischen Aufstand der Aussenseiter. © Catherine Hélie/Editions Gallimard

Buch Der fesselndste Roman des Herbstes

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Der Lauf der Geschichte verändert, wie wir Bücher lesen. In Yannick Haenels «Die bleichen Füchse» verbrüdern sich die Verlierer der französischen Gesellschaft, um den Kapitalismus hinwegzufegen. Nach den Anschlägen von Paris scheint diese Utopie wie aus der Zeit gefallen.

Wir alle sind Charlie, klar. Aber manche wohl doch etwas mehr als andere. Michel Houellebecq zum Beispiel. «Der Islam ist die dümmste Religion überhaupt», hatte der schrullige Schriftsteller einmal gesagt. Als zwei algerischstämmige Franzosen die Büroräume von Charlie Hebdo stürmten und unter «Allahu akbar»-Rufen die frechste Redaktion des Landes auslöschten, da meinten die Kugeln der Kalaschnikows auch ihn. Der Autor steht mittlerweile unter Polizeischutz.

Es knirscht gewaltig in Frankreichs multikultureller Gesellschaft. Die Frustration der sozial Ausgestossenen und Abgehängten entfesselt wüste Kräfte. Davon weiss auch der neue Roman des französischen Schriftstellers Yannick Haenel zu berichten. Der Endvierzigjährige ist ein linker Autor, der sich an Sartres Konzept der Engagierten Literatur abarbeitet. Texte sollen die Welt nicht beschreiben, sondern verändern.

In «Die bleichen Füchse» schleudert Haenel seinen Protagonisten gleich auf der ersten Seite aus der bürgerlichen Existenz. Der Job ist weg, die Wohnung auch. «Ich war also auf der Strasse. Man braucht nicht mehr als ein paar Tage, um abzustürzen.» Jean Deichsel, ein bewährtes Alter Ego des Autors, lebt fortan im Auto eines Freundes, so unbeschwert wie ein Kind im Baumhaus. Es ist literarisch reizvoll, wie Yannick Haenel das Glück des Einsamen beschreibt.

Ein Gespenst geht um!
Die Poesie weicht dem Pamphlet.

In seinen Streifzügen durch Paris stösst der Held auf die Gefallenen der Fünften Republik: Arbeitslose und Alkoholiker, Künstlerinnen, Einwanderer. Ein Obdachloser übernachtet in einem Abfallcontainer, morgens wird er vom Abfuhrwagen zermalmt. Verlierer landen im Müll. Doch illegale afrikanische Flüchtlinge trommeln zur Revolte. Maskiert strömen sie auf die Strassen, um gegen das Elend aufzubegehren. Der Held solidarisiert sich mit ihnen, viele andere Unzufriedene auch. Gemeinsam fegen sie den Kapitalismus hinweg. «Ein Gespenst geht um in Frankreich, das Gespenst Afrikas!» Die geschichtsphilosophische Pointe sitzt: Allein die Nachfahren der Kolonisierten können im geschichtsmüden Europa das revolutionäre Feuer noch entfachen. Doch hier kippt der Roman. Erzählt der erste Teil des Buches noch aus der durchaus fesselnden Ich-Perspektive des Protagonisten, wechselt der Autor für den Rest des Romans ins revolutionär beseelte WIR. Ein gewagtes literarisches Experiment – das in die Hose geht. Die Poesie weicht dem Pamphlet.

Yannick Haenel entfaltet seine multikulturelle Verbrüderungsutopie mit einer Leichtigkeit, die nach den Massakern von Paris gespenstisch erscheint. Liberté, Égalité, Fraternité – es könnte ja so einfach sein. Doch was, wenn sich die Wut der Zukurzgekommenen anders entlädt? In Frankreich hat sich die Zahl der antisemitischen Anschläge binnen eines Jahres verdoppelt. Schon mehr als tausend französische Muslime sind in den «Islamischen Staat» aufgebrochen, um sich an Ungläubigen abzureagieren. Verlorene Kinder der «Grande Nation», verführt von religiösen Halsabschneidern. Jeder vierte Dschihad-Tourist ist übrigens Konvertit. Der Aufstieg des islamischen Faschismus sei auch ein Versagen der Linken, behauptete jüngst der Philosoph Slavoj ŽZizek. Ihr sei es nicht gelungen, die Unzufriedenheit der Marginalisierten zu mobilisieren. Als «Die bleichen Füchse» im vergangenen August erschien, war ein französischer Kritiker entzückt: «Der fesselndste Roman dieses Herbstes». Dann kam der Winter.

Von Ramin M. Nowzad

Yannick Haenel: Die bleichen Füchse. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014. 192 Seiten, Fr. 28.90.