Der Zuckerrohrarbeiter Juan Rivas an einem Protestmarsch. © Tanja Lander
Der Zuckerrohrarbeiter Juan Rivas an einem Protestmarsch. © Tanja Lander

Nicaragua Das Gift holt sich die Jungen

In Nicaragua leiden Zuckerrohrarbeiterinnen und -arbeiter für den Rum «Flor de Caña» seit Jahren an chronischem Nierenversagen. Die Betroffenen machen ein Pestizid für die Epidemie verantwortlich. Doch die Politik schaut weg.

Als Juan Rivas endlich auf dem Podest in Managua steht, vergisst er den zehntägigen Marsch durch die Hitze. Er ist zusammen mit mehr als hundert FreundInnen aus Chichigalpa in die Hauptstadt gekommen, um es ganz Nicaragua zu sagen: Im Zuckerrohranbaugebiet, nicht weit von der Pazifikküste, rafft ein Pestizid seit Jahren die Bevölkerung dahin. Und es wird immer schlimmer.

Im Bezirk Chichigalpa mit der gleichnamigen 50000-Einwohner-Stadt leiden überdurchschnittlich viele Männer und immer mehr Frauen an chronischem Nierenversagen. Gemäss Angaben der Protestbewegung ASNAAPIRC sterben täglich drei Personen, mindestens 9500 Tote zählt sie insgesamt. 8000 sind aktuell krank. Laut dem nicaraguanischen Gesundheitsministerium wurden zwischen 2008 und 2012 rund 7300 neue Fälle registriert.

Vergiftetes Umfeld

Wie Juan Rivas arbeiteten die meisten Betroffenen auf der Zuckerrohrplantage «San Antonio » der Firma «Nicaragua Sugar Estates Limited». Sie stellt den populären Rum «Flor de Caña» her und ist eine Tochter der Gruppe Pellas, des grössten Multikonzerns Nicaraguas. Der «König des Zuckers», Carlos Pellas, ist laut der Finanzzeitschrift «Bloomberg Businessweek » der «erste Milliardär Nicaraguas» mit einem Vermögen von geschätzten 1,1 Milliarden US-Dollar.

«Chichigalpa ist vergiftet. Alles, was wir konsumieren, ist verschmutzt.»

Rivas hat vier Söhne im Alter von 22, 24, 26 und 27 Jahren, die ebenfalls an chronischem Nierenversagen leiden. «Alle Mitarbeiter sind davon betroffen und immer mehr Leute, die nicht dort arbeiteten. Chichigalpa ist vergiftet. Alles, was wir konsumieren, ist verschmutzt», sagt er. Für Rivas ist klar, dass das Herbizid 2,4-D die Ursache der Krankheit ist. Verschiedene Studien der vergangenen Jahre stützen den Verdacht, dass Herbizide wie 2,4-D eine mögliche Ursache der Krankheit sein könnten. Die Studien nennen jedoch zusätzliche Gründe, wie die Arbeit in der tropischen Hitze oder Dehydration. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO geht in einem Bericht von 2013 davon aus, dass die Krankheit «anscheinend von verschiedenen Faktoren verursacht wird», dazu gehören allerdings auch «umweltschädigende Substanzen (höchstwahrscheinlich Agrochemikalien)». Die Firma «Nicaragua Sugar Estates Limited» allerdings schliesst diese Zusammenhänge unter Berufung auf eine Studie der Universität Boston aus dem Jahr 2010 aus.

Die Betroffenen protestieren seit Jahren, doch die Widerstandsbewegung ist zersplittert. Ausserdem beschuldigen sie Regierung und Polizei, als Komplizen der Firma zu agieren. Zuletzt im Januar 2014, als die Polizei eine Demonstration in Chichigalpa gewaltsam beendete und ein Ex-Mitarbeiter und ein 14-jähriger Junge getötet wurden.

Immer mehr Kranke
«Das Gift zirkuliert in unserem Blut und zerstört unsere Nieren innerhalb von vier bis fünf Monaten. Wir leben einen langsamen, schweren Tod.»

Das chronische Nierenversagen hat in der Zwischenzeit die gesamte Gesellschaft erreicht. In Chichigalpa gibt es laut ASNAAPIRC 20000 Waisen. «Mädchen arbeiten mit zwölf Jahren als Prostituierte auf der Strasse, weil ihre Väter tot sind und ihre Mütter anderswo Arbeit suchen », sagt Santo Real. Auch er ist nach Managua marschiert, um zu demonstrieren: «Es darf nicht sein, dass die Gruppe Pellas immer reicher wird und wir immer ärmer. Es darf nicht sein, dass die Regierung uns wie Hunde behandelt!» Chichigalpa leide nicht an einer Krankheit, sondern werde vergiftet: «Das Gift zirkuliert in unserem Blut und zerstört unsere Nieren innerhalb von vier bis fünf Monaten. Wir leben einen langsamen, schweren Tod», sagt Real.

Dass die Situation schlimmer wird, bestätigen auf Anfrage nicaraguanische Politiker. Edgardo García ist Mitglied der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN), der Regierungspartei von Präsident Daniel Ortega. García ist derzeit stellvertretendes Mitglied in der Nationalversammlung. Parlamentarier der FSLN äussern sich selten zu kritischen Themen, weil sie mit Repression rechnen müssen. García ist aber gleichzeitig Präsident der nicaraguanischen Gewerkschaft «Asociación de Trabajadores del Campo» (ATC) und spricht in diesem Fall Klartext: «Es gibt immer mehr Arbeiter, die an der Krankheit leiden. Seit dem Jahr 2014 sind es vermehrt junge Menschen zwischen 20 und 25 Jahren. Der Schaden wird immer grösser.»

Die Firma versuche mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich die Arbeiterinnen und Arbeiter mit den Gewerkschaften verbinden. Gleichzeitig spiele sie eine Offenheit gegenüber der ATC vor und gebe sich verantwortungsbewusst. Als ihre «Waffe» bezeichnet García zudem das Argument der Arbeitsplätze und der Mechanisierung. «Weil es in Chichigalpa ausserhalb des Zuckersektors praktisch keine Arbeit gibt, droht das Unternehmen damit, die Arbeiter und Arbeiterinnen durch Mähdrescher zu ersetzen », sagt García.

Gesetz wird zu spät kommen

Eine Lösung auf politischem Weg ist nicht in Sicht. Seit mehreren Jahren ist ein Gesetz hängig, welches das chronische Nierenversagen als Arbeitskrankheit anerkennen würde, damit die Betroffenen Anrecht auf staatliche Hilfe hätten. Im August 2014 reichte die Bewegung von Juan Rivas mit Hilfe eines Parlamentariers erneut eine Initiative ein. Sie verlangt, dass «im Bezirk Chichigalpa der Gesundheitsnotstand ausgerufen wird und sofort ein Plan für Prävention und medizinische Behandlung ausgearbeitet wird».

Zurzeit berät die Arbeitskommission der Nationalversammlung über die Initiative. Der oppositionelle Kommissionspräsident, Alberto Lacayo, verspricht zwar auf Anfrage, dass er sich dafür starkmachen will, dass es 2015 vorwärts geht. Gleichzeitig sagt er: «Ich glaube nicht, dass diese Regierung dazu bereit ist, die Firma zu sanktionieren.»

Edgardo García glaubt nicht an die Kommission: «Sie muss zu einer Mehrheit kommen, bevor die Versammlung darüber abstimmt.» Sie besteht aus zwölf Mitgliedern, wovon acht der Regierungspartei angehören. Ausserdem, so García, passierten manchmal abstruse Dinge. Es könne sein, dass das Gesetz aufgrund der Interessen der Kommissionsmitglieder so abgeändert werde, dass das Kleingedruckte die Betroffenen in Ketten legt. «Deshalb glaube ich nicht, dass das Gesetz kurzfristig umgesetzt wird. Frühestens in drei Jahren», so García.

Bis dahin sind Juan Rivas, Santos Real und viele andere womöglich tot. Obwohl sie kämpferisch auftreten, lässt sich ihren Gesichtern Resignation ablesen. An die internationale Unterstützung glauben sie nicht mehr. «Die Agrokonzerne boykottieren alles. Selbst Journalisten, die nach Chichigalpa kommen, werden von der Firma gekauft. Was sie mitnehmen, sind Bilder unseres Leids, und dann hören wir nichts mehr», sagt Santo Real. Damit verabschiedet er sich.

Von Andrea Müller

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion