Leben im Loch: Die Welt ist auf sechs Quadratmeter Beton zusammengeschrumpft. © Dabarti CGI/shutterstock.com
Leben im Loch: Die Welt ist auf sechs Quadratmeter Beton zusammengeschrumpft. © Dabarti CGI/shutterstock.com

USA Box aus Zement

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Wie zivilisiert eine Gesellschaft ist, behauptete einmal Dostojewski, lasse sich daran ablesen, wie sie mit ihren Gefangenen umgeht. In den USA werden Zehntausende in Isolationshaft gehalten: auf engstem Raum, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Es ist Folter, sagen Experten.

Stellen Sie sich einmal vor, jemand würde Sie in eine Toilette einsperren! Sechs Quadratmeter gross, vier kalte Wände aus aschgrauem Beton. Wenn Sie einen Schritt nach links oder rechts machen, stossen Sie schon an. Kein Handy, kein Tageslicht, kein Mensch. Nur Sie und Ihr Gehirn. Sie werden hier nicht verhungern, denn ein Plastiktablett mit Essen wird regelmässig durch eine Klappe geschoben. Stunden vergehen, Tage, Nächte, Wochen. Das Zeitgefühl verlieren Sie schnell. Wie lange dauert es wohl, bis Sie den Verstand verlieren?

Zehn Jahre waren es beim US-Amerikaner Jay Powers. Dann biss er sich zwei Finger ab. Und schnitt sich ein Ohrläppchen ab. Und seinen Hodensack. Später bohrte er sich noch mit einer Batterie ein Loch in den Schädel. «Es dauerte zwei Tage, dann erreichte ich mein Gehirn», erinnert er sich. Jay Powers ist kein US-Marine, der im Irak von blutberauschten Gotteskriegern in ein dunkles Erdverliess verschleppt wurde. Der heute 52-Jährige, verurteilt wegen Bankraubs, ist ein gewöhnlicher Häftling im Strafvollzug der USA. Zwölf Jahre verbrachte er in Isolationshaft.

«Box aus Zement» nennt Jay Powers seine ehemalige Zelle im ADX Supermax-Gefängnis in Florence, Colorado. «Das Loch» nennen sie die Wärter. Mehr als 80000 Gefangene werden in den USA in solchen Löchern gehalten. In einer Zelle, oft nicht viel grösser als ein King-Size-Bett. Sie leben in diesen Betonsärgen, schlafen dort, grübeln, essen, verrichten ihre Notdurft. Manche ein paar Tage. Andere schon mehr als vierzig Jahre. Isolationshaft wurde ursprünglich für Häftlinge konzipiert, die als besonders gefährlich gelten. Doch in der Praxis reicht oft schon ein Verstoss gegen die Gefängnisregeln, um im Loch zu verschwinden.

«Wie ein fremder Planet, so weit ist die Welt da draussen entfernt.»

Wer Glück hat, bekommt dreimal die Woche Ausgang – eine Stunde lang, meist in einem Gitterkäfig, nicht viel grösser als die Zelle. Alleine, die Hände zusammengekettet, umgeben von Beton. Andere dürfen ihren Raum überhaupt nicht verlassen. «Wie ein fremder Planet, so weit ist die Welt da draussen entfernt», notierte Jay Powers einmal in seiner Zelle. Da hatte er bereits seit Monaten kein Lebewesen mehr berührt, keine Sonnenstrahlen auf seiner Haut gespürt.

Schon mehr als 15 Tage in Isolation können «schwere psychische Schäden verursachen», sagt Juan Méndez. Der argentinische Rechtswissenschaftler arbeitet für die UNO als Sonderberichterstatter für Folter. Er hat sich intensiv mit den Haftbedingungen in US-Isolationsgefängnissen beschäftigt. Isolationshaft ist Folter, so sein Urteil. Viele Experten fürs Völkerrecht pflichten ihm bei. CIA und Pentagon wissen es übrigens längst: Im «Krieg gegen den Terror» versuchten sie, mit Isolationshaft den Willen von Gefangenen zu brechen.

Verlust der Persönlichkeit
«Manche Isolationshäftlinge beginnen, an ihrer eigenen Existenz zu zweifeln»

Der Mensch, behauptete Aristoteles, sei ein soziales Wesen. Die moderne Wissenschaft gibt dem alten Meisterdenker recht. Der Austausch mit anderen ist für uns fast so wichtig wie die Nahrung oder die Luft zum Atmen. Denn unsere Mitmenschen sind wie ein Spiegel, durch den wir überhaupt erst erfahren, wer wir sind. «Manche Isolationshäftlinge beginnen, an ihrer eigenen Existenz zu zweifeln», sagt Craig Haney. Der US-Psychiater untersucht an der University of California in Santa Cruz, was Isolationshaft mit der menschlichen Psyche anstellt. Diese Häftlinge stumpfen nicht nur emotional und intellektuell ab, so Haney, sie verlieren ihre Persönlichkeit. Deswegen sei es nicht selten, dass sie sich selbst verletzen. «Sie tun sich das Unglaublichste an, nur damit sie für einen Moment wieder spüren, dass es sie noch gibt.»

Natürlich gab es in der Menschheitsgeschichte stets Despoten, die missliebige Untertanen in dunkle Verliesse steckten. Doch im modernen Strafvollzug wurde die Isolationshaft erstmals in den USA eingesetzt. Es begann um das Jahr 1820 als religiöses Projekt: Die frommen Quäker in Philadelphia hofften, dass Verbrecher in der totalen Einsamkeit ihre Sünden bereuen und zu Gott finden würden. Doch das Menschenexperiment endete im Desaster. «Diese absolute Einsamkeit kann niemand aushalten», schrieb der französische Denker Alexis de Tocqueville, nachdem er 1831 ein Gefängnis in Auburn, New York, besucht hatte. Die Isolation hatte dort einige Gefangene in den Selbstmord getrieben, andere waren dem Wahnsinn anheimgefallen. «Die Einsamkeit frisst den Kriminellen auf», stellte Tocqueville fest. «Sie bessert ihn nicht, sie tötet ihn.» Ende des 19. Jahrhunderts schaffte man die Isolationshaft in den USA wieder ab.

Seit rund dreissig Jahren ist der Spuk wieder da. Schuld war die konservative Wende unter Roland Reagan, der sich Law and Order auf die Fahnen geschrieben hatte. In den acht Jahren seiner Präsidentschaft wuchs in den USA die Zahl der Gefangenen im Eiltempo, von weniger als 500000 auf eineinhalb Millionen. Gefängnisse waren überfüllt, die Haftbedingungen miserabel. In vielen Haftanstalten eskalierte die Gewalt. In den meisten US-Bundesstaaten wurden nun wieder Isolationsgefängnisse hochgezogen. Dieses Mal nicht im Zeichen der Busse, sondern der Sicherheit. «Super-Maximum Security» taufte man die Anstalten, als sei maximale Sicherheit nicht maximal genug.

Jeder dritte isolierte Gefangene ist psychisch krank, schätzt die Menschenrechtsorganisation Solitary Watch.

Die «Schlimmsten der Schlimmen» sollten in der Isolationszelle landen. Männer wie Jay Powers, der versucht hatte, aus dem Gefängnis auszubrechen. Doch wer in das Loch gesteckt wird und wie lange er dort bleiben muss, darüber entscheiden für gewöhnlich nicht Gerichte oder Gutachter, sondern Gefängnisdirektoren. Häufig landen Häftlinge in der Zelle, weil sie psychisch krank sind und sich nicht in den Gefängnisalltag integrieren können, wie Psychiater Haney herausfand. Die Isolationshaft treibt diese Menschen erst recht in Depressionen und Psychosen. Ein Grund, sie weiter zu isolieren. Andere kommen gesund in die Zelle und drehen in der einbetonierten Einsamkeit durch. Sie schreien nächtelang wie hungrige Babys oder beschmieren sich und die Zellwände mit Fäkalien – und werden dafür erneut mit Isolation bestraft. Jeder dritte isolierte Gefangene ist psychisch krank, schätzt die Menschenrechtsorganisation Solitary Watch, die in den USA gegen die Isolationshaft kämpft und auch Jay Powers’ Fall publik gemacht hat.

Zurück ins Leben gespuckt

Die Gesellschaft wird mit den Folgen der Isolationshaft in der Regel erst konfrontiert, wenn die psychischen Wracks ohne Betreuung wieder ins Leben gespuckt werden. Es ist statistisch erwiesen: Wer lange in Isolationshaft sass, wird eher wieder ein gewaltsames Verbrechen begehen als andere Häftlinge. «Es reicht schon, dass ein anderer Gefangener hinter mir steht, und ich raste aus», sagt Jay Powers, der inzwischen aus der Isolationshaft entlassen wurde, aber seine Haftstrafe weiter absitzt. Ein paar Mal versuchte er, sich umzubringen, aber es klappte nicht. «Die anderen Insassen spüren, dass ich beschädigt bin.» Einmal habe ihm ein Häftling aus Mitleid zwei Zuckerplätzchen zugeschoben. Er versteckte sie in seiner Socke. Als er die Plätzchen in der Zelle heimlich auspackte, wurde ihm plötzlich wieder klar, dass er gegen die Regeln des Gefängnisses verstiess. Er biss in den Keks. Und fürchtete, man könnte ihn dafür wieder hineinschmeissen – in diese Box aus Zement.

Von Ramin M. Nowzad