Schluss mit den Stereotypen! Die Journalisten Andreas und Frank Sieren wagen einen neuen Blick auf Afrika. © Hanser
Schluss mit den Stereotypen! Die Journalisten Andreas und Frank Sieren wagen einen neuen Blick auf Afrika. © Hanser

Buch Optimistischer Blick auf Afrika

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
In ihrem Buch «Der Afrika-Boom» werfen die deutschen Brüder Andreas und Frank Sieren einen etwas anderen, zukunftsfrohen Blick auf Afrika. Leider wandeln sie zu oft auf den Pfaden des Neoliberalismus.

«Afrika ist fast so gross wie der Mond» – so beginnt das in flottem Stil verfasste 300-Seiten-Werk. Der Vergleich trifft den Nagel in dreifacher Hinsicht auf den Kopf: Die Bedeutung Afrikas wird vom Westen unterschätzt, der Kontinent ist in unseren Köpfen zu weit weg und er ist ein unbekanntes Gefilde. Das wollen die beiden vor allem im Wirtschaftsjournalismus tätigen Autoren ändern. Sie zeichnen ein hoffnungsvolles statt resigniertes Bild des Kontinents. Dazu haben sie umfangreiches Datenmaterial über das Wirtschafts- und Investitionswachstum, das Heranwachsen einer konsumierenden Mittelschicht und Beispiele innovativer kleiner und mittlerer Unternehmen etwa im E-Finance-Bereich zusammengetragen.

Trotz einiger Schwächen ist «Der Afrika- Boom» ein nützliches Buch, auch Menschenrechtsaktivisten. Denn es deutet mögliche Entwicklungen des Kontinents an, sollte dieser den «chinesischen Weg» einschlagen.

Andreas Sieren lebt seit 15 Jahren in Afrika. Sein Bruder Frank, der in China wohnt, berichtet von der starken Rolle Chinas als Investor in Afrika und weist darauf hin, dass China als Vorbild für viele afrikanische Länder beim Weg aus der Armut dient. Ihr Background erlaubt den Sieren-Brüdern, eine «südliche» Perspektive einzunehmen. Das ist im deutschen Sprachraum eigentlich eine gute, weil überfällige Sicht auf Afrika – wenn es nicht eine einseitige Konzern- und Regierungsperspektive wäre. Afrikanische Nichtregierungsorganisationen kommen nicht vor, die Zivilgesellschaft nur dort, wo sie die (unbewiesene) These untermauern soll, mit einer wachsenden Mittelschicht steige auch der Druck auf die Regierungen, demokratischer und «sauberer» zu werden. Im Verlauf des Buches reduzieren sich die 300 Millionen afrikanischen Angehörigen der «Mittelschicht», von denen die Autoren zunächst sprechen, de facto auf 150 Millionen, weil die andere Hälfte mit Einnahmen zwischen 2 und 4 Dollar ums tägliche Überleben kämpfen muss.

Sehr kritisch gehen die Autoren mit dem Westen um. Bemühungen westlicher Partner um «Good Governance» verurteilen sie als paternalistisch, die Entwicklungszusammenarbeit wird als weitgehend nutzlos dargestellt. Die Menschenrechtsfrage wird kaum thematisiert. Dass sie im Kapitel «Die EU und Afrika» die entwicklungshemmenden europäischen Agrarexport-Subventionen aber nicht einmal erwähnen, zeigt, dass sie sich nicht vertieft mit der Entwicklungsdiskussion beschäftigt haben.

Trotz dieser Schwächen ist «Der Afrika- Boom» ein nützliches Buch, auch für Entwicklungs- und MenschenrechtsaktivistInnen. Denn es deutet mögliche Entwicklungen des Kontinents an, sollte dieser den «chinesischen Weg» einschlagen. Das sollte Motivation genug sein, sich verstärkt mit Afrika zu beschäftigen, damit in Zukunft keine «Mond»-Vergleiche mehr nötig sind.

Von Boris Bögli

Andreas Sieren, Frank Sieren: Der Afrika-Boom. Hanser-Verlag, München 2015. 300 Seiten, Fr. 29.90.