Zuerst rannte sie um eine Medaille, dann rannte sie um ihr Leben: Samia Yusuf Omar. © Reinhard Kleist / Carlsen
Zuerst rannte sie um eine Medaille, dann rannte sie um ihr Leben: Samia Yusuf Omar. © Reinhard Kleist / Carlsen

Buch Tod einer Läuferin

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Reinhard Kleist zeichnet und erzählt die tragische Geschichte der somalischen Läuferin Samia Yusuf Omar. Ihr Traum von Olympia endete an den Grenzen der Festung Europa.

Bei den Olympischen Spielen in Peking im Jahr 2008 ist sie dabei: Die Somalierin Samia Yusuf Omar startet mit einer «Wildcard» – einer Freikarte des IOC für Sportler kleinerer Nationen – über die Sprintdistanz von 200 Metern, wird in ihrem Vorlauf Letzte, hofft aber, unter besseren Trainingsbedingungen ihre Leistung bis zu den Spielen in London 2012 zu steigern. Sie will alles daran setzen, dieses Ziel zu erreichen, und sie wird dieses Streben mit ihrem Leben bezahlen.

Der Traum von Olympia

Reinhard Kleist, mehrfach prämierter freiberuflicher Comiczeichner und Illustrator, verarbeitet die Lebensgeschichte Samias in seiner neuen Graphic Novel: «Der Traum von Olympia». Die Story ist tragisch, weil Samia, wie so viele Flüchtlinge in den vergangenen Jahren, irgendwo im Mittelmeer ertrinkt – unweit von Malta, soweit wir wissen. Und sie ist im antiken Sinne tragisch, weil die aus Mogadischu stammende Sportlerin von vornherein nur die Wahl zwischen zwei Übeln hatte.

«Der Traum von Olympia» ist erzählerisch und zeichnerisch ein Meisterwerk.

Die islamistischen al-Shabaab-Milizen, die schon ihren Vater töteten, bedrohen auch sie mit dem Tod, weil sie sich bei ihren Wettkämpfen nicht der Scharia gemäss verhüllt und als Frau ohnehin am besten gar nicht rennen soll. Samia verlässt ihr Heimatland, um sich einem Team somalischer Leistungssportler in Äthiopien anzuschliessen, wird dort aber nicht genommen, weil sie kein Bestechungsgeld zahlen kann. Vor die Wahl gestellt, nach Mogadischu zurückzukehren und auf den Leistungssport zu verzichten oder die mehr als tausend Kilometer lange und gefährliche Reise nach Europa auf sich zu nehmen, entscheidet sie sich im Jahr 2011 für die Flucht.

Ein Beispiel für viele

Kleist schreibt im Vorwort, seine Recherchen zum Thema hätten ihn zutiefst erschüttert: «Es reichte vom Versagen der Staaten bis zu regelrechter Sklaverei, der wir im restlichen Teil Europas unter anderem auch unser preiswertes Obst- und Gemüseangebot zu verdanken haben.» Im Nachwort betont Elias Bierdel, Vorstand der Flüchtlingshilfsorganisation «Borderline Europe – Menschenrechte ohne Grenzen», dass täglich «junge Menschen wie Samia voller Hoffnung» aufbrächen und es an «uns Europäern liege, ob wir ihnen eine andere Perspektive als den Tod vor den Festungsmauern zugestehen».

Der Autor passt ein Einzelschicksal so in das Schicksal von vielen ein, dass Samias Vita und ihre Entscheidung für die Flucht nachvollziehbar werden. Auf ihrem Weg über den Sudan und Libyen nach Europa ist sie aber nur ein Flüchtling unter Tausenden; ihr Hunger und Durst gleichen der Erschöpfung und Erniedrigung anderer. Die feinen Striche Kleists entfalten ihre Wirkung wiederum dort am besten, wo sie auf grobschlächtige Verhältnisse treffen – sei es in Mogadischu, bei korrupten Beamten, auf der Reise durch das bürgerkriegszerrüttete Libyen oder am Meer, wo Schlepper untaugliche Boote bereitstellen. «Der Traum von Olympia» ist erzählerisch und zeichnerisch ein Meisterwerk.

Von Maik Söhler

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar. Carlsen, Hamburg, 2015. 152 Seiten, Fr. 26.90.