«Meine Eltern hätten uns umgebracht.» Javed und seine Frau Anjali widersetzen sich der Tradition. Er ist Muslim, sie Hindu. © Carsten Stormer
«Meine Eltern hätten uns umgebracht.» Javed und seine Frau Anjali widersetzen sich der Tradition. Er ist Muslim, sie Hindu. © Carsten Stormer

Indien Verbotene Liebe

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Wer in Indien aus Zuneigung heiratet, dem drohen Verschleppung, Folter und Tod durch die eigenen Verwandten. Doch eine geheime Gruppe schützt verfolgte Paare. Sie nennt sich: Lovekommandos.

Harikisha Mohans grösster Fehler war es, seinen Sohn Vedpal zu bitten, wieder nach Hause zu kommen. Er wusste, dass sie auch in seiner Strasse tuschelten über die Schande, die der Junge über alle gebracht habe. Aber, so dachte er, die Leute würden sich schon beruhigen. Irgendwann.

Fünf Stunden dauert die Fahrt von der indischen Hauptstadt Delhi in das kleine Bauerndorf Matour, in der Provinz Haryana. Es ist eine Zeitreise in das alte Indien, das streng konservative, wo schon die Geburt über die Zukunft entscheidet, wo Klans und Kasten das Leben formen und Hindu-Frauen ihre Gesichter hinter leuchtenden Tüchern verstecken.

Harikisha Mohan, sechzig Jahre alt, sitzt auf einem Feldbett des Stalls, den er fast nie verlässt. Ganz in Weiss gekleidet, der Farbe der Trauer. Arme und Beine so dürr, dass sich die Haut über die Knochen spannt. Die Pupillen verschwinden hinter einem milchigen Schleier. Harikisha Mohan ist blind. Jedes Wort strengt ihn an, nach jedem Satz braucht er eine Pause, holt tief Luft. Seit drei Jahren vergeht kein Tag ohne Tränen.

Eines Morgens vermisste er seinen Sohn. Er war davongelaufen, im Schutze der Nacht. Niemand wusste, warum und wohin. Keiner kannte die Liebesgeschichte zwischen Vedpal, dem Sohn des Bauern Mohan, und Sonia, der schönen Tochter eines Grundbesitzers aus dem Nachbardorf. Erst als ein Beamter auftauchte, von der Provinzregierung des Punjab, wo sich das Paar versteckte, und den Eltern der beiden die Hochzeitsurkunde zeigte, unterschrieben am 22. April 2011, war das Geheimnis gelüftet. Ein Skandal.

Gefangene der Tradition

Vedpal und Sonia hatten gegen das uralte und ungeschriebene Gesetz verstossen, das Eltern in diesem Teil Indiens ihren Kindern von klein auf ins Ohr tröpfeln: Ehen werden von den Angehörigen arrangiert. Eine Liebesheirat? Völlig ausgeschlossen!

Aber Harikisha Mohan flehte seinen Sohn an, nach Hause zu kommen. Er werde die Ehe akzeptieren, versprach, ihn nicht zu verstossen, wie es die Dorfräte forderten. Sonia zögerte noch, sie hatte Angst vor ihrer Familie, fürchtete, dass sie geschlagen würde, oder – noch schrecklicher – dass sie ihren geliebten Vedpal für immer verlieren könnte. Doch Harikisha Mohan liess nicht locker, und einen Monat nach ihrer heimlichen Liebeshochzeit kehrte das Paar in ihre Dörfer zurück.

Plötzlich schweigt Harikisha Mohan, so als fehlten ihm die Worte. Er vergräbt sein Gesicht in den Handflächen, weint. «Mein Sohn, mein geliebter Sohn», bricht es aus ihm heraus. Dann erzählt er weiter, mühsam und voller Schmerz.

Zwei Tage nach der Rückkehr des Paares locken Sonias Onkel und ihre Cousins Vedpal ins Haus von Sonias Eltern. Sie prügeln mit Eisenstangen auf ihn ein, solange, bis er sich nicht mehr bewegt. Ein Dorfpolizist steht neben den Schlägern, er beobachtet den Mord, passt auf, dass niemand eingreift.Im Nebenzimmer muss Sonia mit anhören, wie ihr Ehemann getötet wird.

Tragödien wie die von Vedpal und Sonia sind alltäglich in Indien; wo eine Jugend gefangen ist zwischen Moderne und verkrusteten Traditionen. Landesweit sterben monatlich noch immer zwischen sechzig und achtzig Menschen bei sogenannten Ehrenmorden.

«Krieger der Liebe»

Etwa zur selben Zeit, als der frisch vermählte Vedpal Mohan mit Eisenstangen aus dem Leben geprügelt wird, empört sich 300 Kilometer weiter südlich, in Delhi, der ehemalige Lokaljournalist Sanjoy Sachdev über die steigende Zahl an «Ehrenmorden» in seinem Land und dass junge Menschen nicht selbst entscheiden dürfen, mit wem sie ihr Leben verbringen.

Noch immer werden über 95 Prozent der Ehen arrangiert. Deshalb gründete Sanjoy Sachdev mit fünf Freunden eine Art Untergrundorganisation. Sie sind gestandene Männer in mittleren Jahren, alle ein bisschen unzufrieden mit ihrem Leben, alle auf der Suche nach einem neuen Sinn, einer neuen Richtung. Sie nennen sich Lovekommandos und helfen Liebespaaren in Not, organisieren die Flucht vor Verwandten, gewähren Unterschlupf, ermöglichen Hochzeiten.

In den verschachtelten Gassen eines Stadtteils irgendwo im Herzen Delhis. Am Ende einer schmalen Seitengasse führt neben einem Elektrogeschäft eine steile Betontreppe in eine Wohnung im zweiten Stock eines unscheinbaren Wohnblocks. Ein Schutzhaus der Lovekommandos. In einem Zimmer sitzen Sanjoy Sachdev und seine Mitstreiter vor einem alten Computer. Sachdev, schlohweisses Haar, weisse Kurta, weisse Pluderhose, tippt eine Statusmeldung auf die Facebookseite der Lovekommandos. Nebenbei telefoniert er mit zwei Gesprächspartnern gleichzeitig. «Lovekommandos, was kann ich für Sie tun?»

«Wir sind Krieger der Liebe», sagt Sanjoy Sachdev und drückt einen Anruf weg. Die anderen Mitglieder im Raum krümmen sich vor Lachen. Sanjoy ist ihr Sprecher, weil er so schön pathetisch reden kann. Während er spricht, kreisen seine Hände in der Luft, führen seine Finger Pirouetten aus, als würde er ein Orchester dirigieren.

Über 200 Zufluchtsorte haben die Lovekommandos landesweit eingerichtet. Tausende Freiwillige unterstützen sie.

Sie alle arbeiten ehrenamtlich, bekommen keinerlei Unterstützung. Das macht sie stolz, schafft aber auch einen Haufen Probleme: Wie die Miete bezahlen? Woher das Geld für Essen nehmen? Wer kann eine Flucht oder Hochzeit finanzieren? «Wir haben unsere Jobs gekündigt, unsere Wohnungen untervermietet, unsere Autos verkauft, um uns das leisten zu können», erzählt Sachdev. Verrückt sei er, sagen seine ehemaligen Kollegen bei der Zeitung, du spinnst, meinten seine Verwandten. Wenn du das machst, gibt es Ärger, drohte seine Frau. Seitdem schläft er nur noch selten zu Hause. Über 200 Zufluchtsorte haben die Lovekommandos landesweit eingerichtet. Tausende Freiwillige unterstützen sie.

Sanjoy schüttelt sich eine Zigarette aus dem Paket, Marke Gold Leaf, zieht den Rauch in die Lunge. «Allein dass junge Menschen sich gegen die Vorstellungen ihrer Eltern wehren und die Medien berichten, ist ein Erfolg», sagt Sachdev, während er den Rauch ausbläst. «Indien ist zu einem Land verkommen, in dem die Liebe getötet wird.» Er tippt ein paar Wörter in die Suchmaschine, klickt eine Website an. «Da!», sagt er und zeigt auf den Monitor. Im vergangenen September erschlugen Verwandte eine junge Frau vor den Augen ihres Ehemannes, danach hackten sie ihm Hände, Beine und Kopf ab. Im Januar ordnete ein Dorfrat im Nordosten Indiens als Strafe für eine Liebesheirat die Gruppenvergewaltigung einer zwanzigjährigen Frau an. Und Ende April verbrannte eine Familie ihre Tochter, weil sie sich in einen Mann aus einer niedrigeren Kaste verliebt hatte.

Handys verboten!

Das Schutzhaus ist eine Zwischenwelt für die Verliebten, Verzweifelten, Ausgestossenen und heimlich Verheirateten. Ein Warteraum vor der Fahrt in eine ungewisse Zukunft. Sie wurden geschlagen, bedroht, eingesperrt. Liefen davon, ihre Familien im Nacken. In ihr altes Leben können sie nicht mehr zurück. Ihr neues Leben ist vorerst auf das Notwendigste geschrumpft: Eine Matratze, ein Waschbecken, drei einfache Mahlzeiten.

«Nichts kann uns trennen», sagt ein junger Mann und wiederholt den Satz wie ein Mantra. Javed Saifi, 23 Jahre alt, schmale Figur, hockt im Schneidersitz auf einer Matratze. Neben ihm seine Frau Anjali, eine zwanzigjährige Schönheit mit flinken Augen. Sie sind, wie fast alle hier, Kinder der Mitteklasse, Collegeabschluss, in Städten aufgewachsen, weltoffen. Er Muslim, sie Hindu.

Drei Monate planten Anjali und Javed die Flucht, rangen mit ihren Gefühlen, lagen nachts wach, weinten, sprachen sich Mut zu. Dann riefen sie die Hotline der Lovekommandos an.

«Meine Eltern hätten uns umgebracht, wenn sie erfahren hätten, dass ich mit Javed zusammen bin. Sie hätten einen Muslim niemals akzeptiert.» Dass ihre Furcht nicht unbegründet war, wusste sie. Vor Jahren fand die Familie heraus, dass Anjalis Tante einen Liebhaber hatte, daraufhin goss ihr Onkel Benzin über sie und zündete sie an. Ein anderer Onkel erschoss ihre Cousine, weil diese sich weigerte, einer Zwangsheirat zuzustimmen. Drei Monate planten Anjali und Javed die Flucht, rangen mit ihren Gefühlen, lagen nachts wach, weinten, sprachen sich Mut zu. Dann riefen sie die Hotline der Lovekommandos an. «Zwei Tage später kamen wir im Schutzhaus an und heirateten noch am selben Tag.»

Die Biografien gleichen sich in diesem Mikrokosmos der verbotenen Liebe. Es ist eine Notgemeinschaft, in der jeder für sich allein ist; mit der Angst, der Verzweiflung, der ständigen Sorge, was die Zukunft bringt, mit der Langeweile. Ein Leben komprimiert auf Kochen, Abwaschen, Kreuzworträtsellösen, Nachdenken. Ohne Raum für Zärtlichkeit oder Privatsphäre. Dafür brodeln aufgestaute Gefühle, Hormone und sexueller Frust. Kleine Reibereien gehören zum Tagesablauf; wer kocht, wer wäscht ab, wer putzt. Die Wohnung dürfen sie aus Sicherheitsgründen nicht verlassen. Facebook, Computer, Mobiltelefone, die Werkzeuge der modernen Welt, um zu kommunizieren: verboten. Zum eigenen Schutz, sagt Sanjoy Sachdev der, wie ein übervorsichtiger Vater seine Kinder vor sich selbst beschützen will. Und natürlich vor Eltern, die immer wieder versuchen, ihre Söhne und Töchter mit Versprechen nach Hause zu locken, um sie dann umgehend zu brechen. «Wir wollen ihr Leben schützen, das ist das Wichtigste.»

Von Carsten Stormer