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Konzernverantwortungsinitiative Hank im Glück

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Bei Medikamententests läuft es wie beim Roulette: Eine neue Pille kann Kranke gesund machen oder auch kränker. In reichen Ländern wie der Schweiz will kaum ein Patient dieses Risiko eingehen. Hunderttausende Menschen in Afrika, Indien und Osteuropa schlucken daher die Testpräparate der Pharmaindustrie – oft, ohne es zu wissen.

«Ich bin einfach der grösste Glückspilz auf diesem Planeten », sagte Hank einmal. An diesem Abend bekam Hank, der Sohn eines kanadischen Schiffskapitäns, mal wieder eine Medaille für sein Lebenswerk. Henry McKinnell Jr., der sich lieber «Hank» nennen lässt, hatte sich beim US-Pharmakonzern Pfizer in 25 Jahren schon fast ganz nach oben gearbeitet. Und dann kam 1996 auch noch diese Wunderpille. Seine Forscher hatten den neu entdeckten Wirkstoff an Herzkranken getestet. Ohne Erfolg, die Patienten klagten weiter über Brustschmerzen. Doch als die Ärzte die Studie beenden wollten, weigerten sich die älteren Herren, ihre Pillen zurückzugeben. Einer brach gar ins Labor ein, um sich Nachschub zu beschaffen. Die Mediziner waren auf eine Weltsensation gestossen. Die Potenzpille Viagra liess auch Pfizers Aktienkurve steil nach oben schiessen. Als Hank fünf Jahre später mit 58 auf dem Chefsessel landete, war seine Firma bald der grösste Pharmakonzern der Erde.

Hundert kranke Kinder schluckten die neue Pfizer-Pille. Fünf starben, Dutzende sind seither blind oder geistig behindert.

Die Kinder in den Slums von Kano hatten 1996 weniger Glück. In Nordnigeria waren Zehntausende an Hirnhautentzündung erkrankt, die schlimmste Epidemie der Geschichte. Hilfsorganisationen strömten ins Land, es war die «Hölle», erinnert sich ein Nothelfer. 11 717 Tote in fünf Monaten, so die offizielle Zahl. Hanks Firma sah in der Seuche wohl auch einen Segen. Pfizer hatte ein neues Antibiotikum entwickelt. Noch ein letztes Mal musste es getestet werden, bevor es in Europa und den USA verkauft werden durfte. Und noch fehlte der Nachweis, dass Trovafloxacin auch für Kinder geeignet sei. Pfizer machte das Krisengebiet von Kano zum Versuchslabor. Als die Forscher dort landeten, griffen auch Masern und Cholera um sich. 100 kranke Kinder schluckten die neue Pfizer-Pille. Fünf starben. Dutzende sind seither blind oder geistig behindert. Eine «humanitäre Mission» nannte Pfizer das Experiment später.

«Wir dachten, die ausländischen Ärzte sind gekommen, um uns zu helfen», sagt die Mutter eines toten Kindes. Pfizers Team hatte sein Zelt neben der Station von «Ärzte ohne Grenzen» aufgeschlagen, so kam es zu dem Missverständnis. Medikamententests sind riskant, schliesslich setzt der Patient im Ernstfall sein Leben aufs Spiel. In reichen Staaten wie der Schweiz oder den USA finden sich daher kaum Freiwillige. Seit den neunziger Jahren weichen Pharmakonzerne deswegen immer häufiger in Entwicklungs- und Schwellenländer aus. Dort sind die Kontrollen lasch, die Tests billig und die Kranken verzweifelt. Auch Schweizer Unternehmen sind in den armen Weltregionen gut im Geschäft: Mehr als 6 Milliarden Franken lassen sich die Basler Hersteller Roche und Novartis jeweils ihre weltweiten Studien jährlich kosten.

Die Uhr tickt

Die Pharmaindustrie gehört zu den profitabelsten Branchen überhaupt, doch sie steht unter Innovationsdruck. Wenn ein Unternehmen einen neuen Wirkstoff auf den Markt bringt, darf es ihn nur eine Zeit lang exklusiv verkaufen. Irgendwann endet der Patentschutz. Firmen müssen daher ständig neue Medikamente entwickeln, um im Geschäft zu bleiben. Die Uhr tickt, sobald das Molekül im Labor entdeckt wurde. Jeder Tag, den das Unternehmen nun mit Studien verliert, vermindert den Profit. Um bis zu eine Million Franken pro Tag.

Bei Pfizer musste es in den Neunzigern besonders schnell gehen. Wegen auslaufender Patente drohte der Jahresumsatz des Konzerns um ein Drittel zu schrumpfen. «Ich fühlte mich damals wie der Kapitän eines Segelboots, das in voller Fahrt auf Gewitterwolken zusteuert», erinnerte sich Hank McKinnell, der einst als Schiffsjunge in Kanadas Gewässern sein erstes Geld verdiente. Neue Verkaufsschlager mussten her – und neue Testpersonen. Im Seuchengebiet von Kano liessen sich letztere besonders schnell und unbürokratisch finden.

In armen Ländern ködern Konzerne meist die besonders Armen für ihre Experimente, wie die New Yorker Journalistin Sonia Shah beispielsweise in Indien recherchierte. Bäuerinnen, die Ärzten blind vertrauen. Arbeitslose, die sich nach dem Test weder das Medikament noch einen Anwalt werden leisten können. Kranke, die für eine Behandlung fast alles in Kauf nehmen.

Menschen wie die Obdachlosen der Stadt Grudziadz. Drei polnische Ärzte und sechs Krankenschwestern verloren ihre Berufszulassung und wurden im vergangenen Jahr zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. Für den Basler Konzern Novartis haben sie 2007 einen Impfstoff gegen Geflügelpest an 350 Obdachlosen ohne deren Wissen getestet. Testergebnis? 21 tote Obdachlose.

Medikamententests sind ein Glücksspiel. Die einen gewinnen Milliarden, die anderen verlieren ihr Leben.

Der Fall schaffte es in die Zeitung. Wohl nicht, weil er so einzigartig wäre. Jede zweite klinische Studie wird heute bereits in ärmeren Staaten wie Rumänien, Thailand oder Malawi durchgeführt. Allein in Indien starben dabei zwischen 2007 und 2010 mindestens 1725 Menschen. Jedes Jahr deutlich mehr als im Vorjahr, weil auch die Zahl der Medikamententests rasant stieg. An die Öffentlichkeit dringt wenig. Konzerne behandeln Menschenversuche als Geschäftsgeheimnis.

Auch von den toten Kindern in Kano wüsste die Welt wohl nichts, hätte «Ärzte ohne Grenzen» Pfizers Experimente 2001 nicht publik gemacht. Erst dann kam die Sache ins Rollen. In Chicago hörte ein junger Anwalt davon und machte den Fall zu seiner Lebensaufgabe. Der Jurist Babatunde Irukera hatte sein Geburtsland Nigeria im Jahr der Epidemie verlassen. Jahrelang stapelte er Akten, Fotos und Zeugenaussagen. Als Pfizer 2007 verklagt wurde, vertrat er Nigeria und den Bundesstaat Kano als Kläger.

Nürnberger Kodex

Natürlich bestreitet niemand, dass Medikamententests wichtig sind. Tabletten, Tropfen und Tinkturen sind keine kandierten Früchte. Wer ein neues Molekül verkaufen will, muss es vorher ausprobieren. Erst an Tieren. Irgendwann am Menschen. Weil so etwas heikel ist, existieren klare Regeln. Eine besonders wichtige hört jeder Mediziner im Studium: «Die freiwillige Zustimmung einer Versuchsperson ist unbedingt erforderlich.» Es ist der erste Satz des Nürnberger Kodex, auf den sich die Welt 1947 geeinigt hat. Kurz zuvor hatte ein US-Militärgericht sieben deutsche Ärzte hängen lassen. In den Todeslagern der Nazis hatten die Männer ihren Eid auf Hitler über den Eid des Hippokrates gestellt. Mit Experimenten an KZ-Häftlingen wollten sie dem medizinischen Fortschritt dienen. Dass man daraus gelernt hatte, gelobte der Weltärztebund 1964 aufs Neue in der «Deklaration von Helsinki»: Versuchspersonen müssen über alle Risiken aufgeklärt werden. Sie dürfen jederzeit aussteigen. Besonders verletzliche Patientinnen und Patienten müssen Ärzte besonders schützen.

Es wäre zum Beispiel keine gute Idee, einen neu entdeckten Pneumokokken-Impfstoff an HIV-infizierten Babys zu testen. Die Firma GlaxoSmithKline habe das so gemacht, sagen die Menschen in einem argentinischen Armenviertel. Der grösste Pharmakonzern Grossbritanniens liess zwischen 2007 und 2011 in den drei ärmsten Provinzen Argentiniens das gerade entwickelte Medikament Synflorix testen. 14 000 Säuglinge bekamen den Impfstoff, 14 starben. Eine Mutter sagte später aus, das Klinikpersonal habe damit gedroht, ihr das Kind wegzunehmen, sollte sie einer Impfung nicht zustimmen. Der Konzern kam mit einer Geldbusse von 93 000 US-Dollar davon.

350 US-Dollar pro Säugling – so viel hatte GlaxoSmithKline offenbar jedem argentinischen Arzt versprochen, der Babys für den Test anwarb. Klinische Studien sind lukrativ, nicht nur für Pharmakonzerne. Die entwicklungspolitische Organisation «Erklärung von Bern», die seit Jahren zum Thema arbeitet, hat das in Argentinien, Indien, Russland und der Ukraine recherchiert. Weniger als 200 Franken verdienen manche Ärzte in russischen Provinzkrankenhäusern. Leiten sie nebenbei die Studie eines Konzerns, können bis zu 4500 Franken für sie rausspringen – pro Patient. Versuchspersonen rekrutiert man in der Sprechstunde.

Dass der neue Wirkstoff Trovafloxacin für die Toten in Kano verantwortlich war, konnte nie nachgewiesen werden. So etwas ist bei Medikamententests stets schwierig, schliesslich sind die Testpersonen ohnehin krank. Fakt ist: Pfizer verabreichte einer Kontrollgruppe, die ebenfalls aus 100 kranken Kindern bestand, das zugelassene Roche-Präparat Rocephin. Auch sechs dieser Säuglinge starben. Fakt ist auch: Trovafloxacin wurde für Kinder nie zugelassen, später verschwand das Mittel ganz vom Markt. Zu stark schlug es auf die Leber. Aber nicht nur darüber wurde vor Gericht verhandelt. Ein Augenzeuge sagte aus: Pfizers Forscher entnahmen einem Kleinkind zu viel Hirnflüssigkeit, binnen einer Stunde war es tot. Einem Mädchen, das später auch starb, sollen die Ärzte eine weitere Dosis Trovafloxacin verabreicht haben, obwohl sie den Test aus medizinischer Sicht längst hätten abbrechen müssen.

Medikamententests in ärmeren Ländern können gefährlich sein. Auch für Schweizer Patientinnen und Patienten, die das Medikament später in ihrer Apotheke beziehen. Die Europäische Arzneimittelbehörde forderte Anfang dieses Jahres einen Verkaufsstopp für rund 700 Medikamente, die in Indien getestet worden waren, darunter Bluthochdruckmittel, Cholesterinsenker und Antiallergika. Die Studien basierten auf gefälschten EKG-Daten, wie die Behörde herausfand. Solche Schummeleien könnten System haben, die wenigsten Studien werden unabhängig nachgeprüft. Schweizer Patientinnen und Patienten können übrigens nicht zurückverfolgen, wo ihre Medikamente getestet wurden. In der Europäischen Union ist das anders.

Pfizer klärte die Sache 2009 aussergerichtlich. 175 000 US-Dollar versprach der Konzern jeder betroffenen Familie. Seinen Anwälten hätte Pfizer wohl mehr zahlen müssen, wäre der Prozess weitergelaufen. Als WikiLeaks ein Jahr später 250 000 Geheimdepeschen des US-Aussenministeriums veröffentlichte, fand sich darin auch eine Aktennotiz zu Kano: Pfizer habe während des Prozesses Privatdetektive auf den nigerianischen Generalstaatsanwalt angesetzt, um ihn unter Druck zu setzen, die Anklage fallen zu lassen. Pfizers Nigeria-Chef Enrico Liggeri habe das einem US-Diplomaten verraten, heisst es in dem vertraulichen Dokument.

An Hank McKinnell blieb das alles nicht hängen. Er hatte Pfizer rechtzeitig verlassen. Die ehrwürdige Smithsonian Institution hatte ihm zuvor noch einen Orden umgehängt – für seinen humanitären Einsatz im «In- und Ausland». Und am Ende hatte Viagra auch noch sein Privatvermögen anschwellen lassen: 188 Millionen US-Dollar Abfindung zahlte Pfizer dem 63-Jährigen, als dieser 2006 den Chefposten räumte. Medikamententests sind ein Glücksspiel. Hank knackte den Jackpot.

Von Ramin M. Nowzad