Robin Cornelius, der Gründer von Switcher. © zvg
Robin Cornelius, der Gründer von Switcher. © zvg

Konzernverantwortungsinitiative Pionier der Transparenz

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Die industrielle Produktion von Textilien und eine nachhaltige Entwicklung müssen sich keineswegs widersprechen, davon ist Robin Cornelius überzeugt. Dieses Ziel soll durch die Rückverfolgbarkeit jedes Lieferanten gefördert werden. Doch wie funktioniert das? Anaïd Lindemann sprach mit dem Gründer der Firma Switcher.

AMNESTY: Was ist an Ihrer Firma Switcher besonders?

Robin Cornelius: Switcher basiert auf den sogenannten Soft Values, die noch vor dem fertigen Produkt kommen, also die sozialen Bedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter, Respekt für die Umwelt, Transparenz, Gesundheit, Sicherheit. Auf der anderen Seite stehen die Hard Facts, welche die sichtbaren Eigenschaften eines fertigen Produktes definieren: Qualität, Preis, Leistung, Komfort, Farben und so weiter. Seit dreissig Jahren stellt Switcher sehr hohe Ansprüche an ethische Werte. Die Vermittlung der Botschaft darf aber nicht zu technisch oder zu moralisierend daherkommen. Sonst wenden sich die Konsumentinnen und Konsumenten ab. Nachhaltigkeit muss attraktiv und leicht zugänglich sein.

Welchen Verhaltenskodex hat Switcher?

Er basiert auf den acht wichtigsten Standards der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO). Festgelegt und kontrolliert wird der Verhaltenskodex für die Textilindustrie von der Fair Wear Foundation (FWF), einer internationalen, nicht gewinnorientierten Organisation mit Sitz in Amsterdam, die verschiedene Interessengruppen vereinigt. Alle unsere Zulieferer müssen sich zwingend an den Verhaltenskodex der FWF halten. Ausserdem dient er bei jeder unabhängigen Überprüfung dazu, die sozialen Fortschritte der Zulieferfirma zu messen. Sind die Zustände nicht konform, werden korrigierende Massnahmen verhängt, die entlang genau definierter Prioritäten umgesetzt werden müssen.

Sie haben 2005 auch die Firma Product DNA gegründet? Was hat es damit auf sich? 

Product DNA ist eine unabhängige Plattform, auf welcher jede Produktionsetappe von Konsumgütern zurückverfolgt werden kann. Jedes Produkt wird mit einem Etikett versehen, auf dem sich ein Code befindet. Gibt man diesen auf der Website www.respect-code.org ein, lässt sich die gesamte Produktionskette abrufen, ausserdem die berücksichtigten sozialen Aspekte sowie die Ökobilanz: Wasserverbrauch, CO2-Belastung, Gütesiegel und so weiter. Man kann für jede Produktionsphase Name und Adresse aller Firmen abrufen, die daran beteiligt waren. Bei Problemen mit dem Produkt kann man direkt Kontakt mit den zuständigen Produktverantwortlichen oder mit Product DNA aufnehmen. Diese Transparenz macht es möglich, dass alle informiert sind – Konsumentinnen und Konsumenten genauso wie die Produzenten. Diese haben damit ein Instrument in der Hand, mit dem sie den Ruf des eigenen Unternehmens beeinflussen können.

Was halten Sie von der Konzernverantwortungsinitiative?

Den definitiven Wortlaut kenne ich noch nicht, aber die Initiative verlangt, dass Schweizer Multis die ökologischen und ethischen Standards auch im Ausland respektieren. Diese Sorgfaltspflicht geht in die richtige Richtung. Bislang richtet sich die Forderung nur an die multinationalen Konzerne. Meiner Meinung nach sollte die Sorgfaltspflicht auch für kleine und mittlere Unternehmen ein Thema sein.

Welche Entwicklungen konnten Sie in den letzten Jahren in der Branche beobachten?

Global gesehen verläuft die Entwicklung positiv, auch wenn es immer noch dunkle Punkte gibt. Die Kinderarbeit hat deutlich abgenommen, die Verhaltenskodizes nehmen zu, die sozialen Bedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter haben sich verbessert. Aber natürlich noch nicht genug! Früher war es viel schlimmer, und vor allem hat sich niemand dafür interessiert – diese Fragen wurden gar nicht gestellt. Ich denke, dass die Soft Values an Bedeutung gewinnen werden. Was mir dagegen Sorge bereitet, ist der Preiskampf. Ein T-Shirt für ein bis zwei Franken – das ist doch nicht normal. Besser wäre es, weniger zu besseren Konditionen zu produzieren und nicht so viel zu konsumieren.

Welchen Rat geben Sie Verbraucherinnen und Verbrauchern, die ethisch konsumieren möchten?

Der Preis sagt nicht unbedingt etwas über die Ethik eines Unternehmens aus. Manchmal ist ein Produkt zehn Mal teurer als ein anderes, ohne dass man etwas über die Produktionsbedingungen erfährt. Deshalb ist Transparenz so wichtig. Aber man darf sich auch keiner Illusion hingeben: Die Konsumentinnen und Konsumenten haben es eilig und wollen sich vorher nicht unbedingt noch über die Produktionsbedingungen informieren. Wenn eine Marke dagegen systematisch Überprüfungsmassnahmen ergreift und die Herstellungsbedingungen aller ihrer Produktlinien transparent macht, kann sie das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten gewinnen.