Kaua’i: Versuchslabor für Gentech-Firmen. © Steffi Sawyer/shutterstock
Kaua’i: Versuchslabor für Gentech-Firmen. © Steffi Sawyer/shutterstock

Konzernverantwortungsinitiative Vergiftetes Paradies

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Sonne, Palmen, Sandstrände – Hawaiis tropisches Klima ist nicht nur bei TouristInnen beliebt. Auch die Gentech-Industrie hat sich auf der Inselkette im pazifischen Ozean breitgemacht – mit fatalen Folgen für die Bevölkerung.

Auf der Waymea Canyon Middle School herrscht Aufregung. SchülerInnen und Lehrpersonen strömen ins Krankenzimmer. Die Kinder werden von Übelkeit, Atembeschwerden und heftigem Erbrechen geschüttelt. Das war 2006. Zwei Jahre später das Gleiche: Zwölf Kinder müssen ins Spital eingeliefert werden. Und wieder passiert dies, nachdem die weniger als hundert Meter entfernten Maisfelder mit Chemikalien besprüht wurden. Doch auch dieses Mal weist Syngenta, die Betreiberin der Plantage, den Vorwurf zurück, dass das Herbizid Atrazin die Symptome verursache. Das in Europa verbotene Pflanzenschutzmittel wird hier, auf der Hawaii-Insel Kaua’i, breit verwendet. Schuld an der Übelkeit der Kinder sei vielmehr das Stinkkraut, ein Unkraut, das in Hawaii oft vorkommt, behauptet der Schweizer Konzern. Immerhin hebt Syngenta die Felder neben der Waymea Canyon Middle School auf. Die Gemeinde glaubt Syngenta trotzdem nicht. Es kommt zu Demonstrationen und Klagen. Ärzte sprechen von einer Häufung von Geburtsfehlern und Krebserkrankungen auf Kaua’i und verlangen unabhängige Untersuchungen. Auch für ein gehäuftes Seeigelsterben an der Küste werden die Pestizide verdächtigt.

Stinkkraut oder Teufelszeug?

Syngentas Plantagen auf Kaua’i sind keine gewöhnlichen Felder, sondern Testfelder für gentechnisch manipulierte Pflanzen. Die Hawaii- Inseln sind klimatisch ideal für diese Feldversuche. Hier kann drei- bis viermal pro Jahr gesät und geerntet werden. Dies verkürzt die Testzeit von neu entwickeltem Saatgut und spart somit viel Geld. Kaua’i wurde zu einem Zentrum der Feldversuche der Firmen Monsanto, BASK, Dow, DuPont Pioneer und: Syngenta. Auf mehr als 1200 Hektaren pflanzt hier der Basler Konzern Gen-Mais und Gen-Soja an. Der Ruf der Schweizer Firma ist aber nicht gerade der beste. Dabei war das Klima zunächst auch politisch perfekt. Viele PolitikerInnen und auch BürgerInnen stellen sich hinter die Unternehmen. Es geht um Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Die traditionelle Landwirtschaft Kaua’is, insbesondere der Zuckerrohranbau, war wegen gesunkener Weltmarktpreise zusammengebrochen, die Gentech-Felder hatten ihren Platz eingenommen. Doch wird nun Kritik laut, nicht nur von Gentech- GegnerInnen. Insbesondere der Gemeinderat Gary Hooser hat sich den Kampf gegen Syngenta auf die Fahne geschrieben und eine Gesetzesvorlage eingereicht, die von Firmen Auskunft über eingesetzte Pflanzenschutzmittel verlangt. Ausserdem müsse es Pufferzonen zwischen den Feldern und Schulen sowie Spitälern geben. Es geht dabei nicht nur um Atrazin, auch weitere Pestizide werden auf den Gentech- Feldern in hohen Dosen eingesetzt. Hoosers Vorstoss wird vom Bürgerrat angenommen. Seither kämpft Syngenta mit allen Mitteln gegen das neue Gesetz.

Multis verklagen eine Insel

Kaum wird die Vorlage angenommen, verklagen die drei grössten Agrarkonzerne die Inselbehörden. Auch die PR-Maschinerie läuft seitdem mit TV- und Radiospots auf Hochtouren. Syngenta betont, dass es kein besser erforschtes Pestizid als Atrazin gebe. Dass auf Kaua’i höhere Mengen an Pestiziden eingesetzt werden als in anderen US-Bundesstaaten, erkläre sich aus der Tatsache, dass auf der Insel drei- bis viermal pro Jahr angepflanzt wird.

Vorläufig siegt Syngenta: Der Bundesrichter von Hawaii entscheidet, dass ein Gemeindegesetz über den Einsatz von Pestiziden und Gen-Pflanzen unrechtmässig sei, da dies Sache des Bundesstaates sei.

Von Manuela Reimann Graf