Diana Fonseca an der Generalversammlung von Amnesty Schweiz. © Marcel Hagmann / AI
Diana Fonseca an der Generalversammlung von Amnesty Schweiz. © Marcel Hagmann / AI

Konzernverantwortungs-Initiative «Wir müssen unser Dorf verlassen»

Interview: Manuela Reimann Graf. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Diana Fonseca leidet an Atemwegsbeschwerden – wie fast alle in El Hatillo. Das Dorf im Nordosten Kolumbiens ist von Kohleminen im Tagebau umgeben. Die Bevölkerung soll umgesiedelt werden, doch die Verhandlungen mit den drei Grosskonzernen, welche die Minen betreiben, kommen nicht vom Fleck. Einer der drei Minenbetreiber ist das in der Schweiz ansässige Unternehmen Glencore. Interview mit einer Betroffenen.

 

AMNESTY: Wie hat sich El Hatillo in den letzten dreissig Jahren verändert?

Diana Fonseca: Als ich noch ein Kind war, lebten wir in einer gesunden Umwelt, ernährten uns von den Fischen aus unserem Fluss, von der Jagd, von Ackerbau und Viehzucht. Heute haben wir nur noch ein ausgetrocknetes Rinnsal, weil Glencore den Fluss umgeleitet hat. Wir können auch nicht mehr jagen, weil wir kaum mehr Land haben; das ganze Gebiet um unser Dorf ist nun in Privatbesitz, unser Dorf ist von den Kohleminen umzingelt.

Vor allem aber ist unsere Gesundheit angegriffen. Die Minengesellschaften behaupten, dass ihr Kohlestaub die Gesundheit nicht belasten würde. Doch im Dorf haben 95 Prozent der Leute Atemwegsbeschwerden, Haut- oder Augenprobleme. Es gibt immer mehr Frühgeburten sowie Babys, die schon krank auf die Welt kommen.

Wovon lebt die Bevölkerung ihres Dorfes?

Es gibt für uns kaum Arbeit, auch in den Minen nicht. Der Boden bringt nichts mehr hervor, auch die Tiere sind krank. 2013 brach eine Nahrungsmittelkrise aus, die bis heute andauert. Wir sind seither auf Lebensmittellieferungen angewiesen, die wir uns aber auch erst erstreiten mussten. Wir bekommen kein frisches Gemüse, kein Geflügel, Milch gibt es nur in Pulverform. Wir können nicht einmal mehr selber bestimmen, was wir essen!

Sie sehen also keine Zukunft für El Hatillo?

Nein. Wir müssen gehen, unser Dorf verlassen. Wir wollen zwar nicht, aber es bleibt nichts anderes übrig. Das Umweltministerium hat schon 2010 angeordnet, dass wir wegen der Gesundheitsgefährdung umgesiedelt werden müssen.

Was erwarten Sie von Glencore?

Wir brauchen endlich eine gerechte Vereinbarung mit den drei Unternehmen. Sie haben von der Regierung die Verantwortung für die Umsiedlung erhalten, sind sich aber untereinander nicht einig, wie der Prozess vonstattengehen soll. So verschleppt sich der Umsiedlungsprozess seit Jahren. Glencore- Chef Glasenberg hat unsere Gemeinde vor Kurzem besucht und versprochen, dass es nun vorwärts gehe. Ich erwarte, dass seine Firma endlich Verantwortung für die Probleme übernimmt, die wir ohne die Minen so nicht hätten. Die Beteiligung Glencores für die Umsiedlung meines Dorfes liegt zwar bei weniger als 10 Prozent. Zu sagen, dass es an den anderen beiden Firmen und an uns läge, dass die Planung nicht vom Fleck kommt, empfinde ich aber als Ausrede. Denn während die Firmenvertreter streiten, werden wir immer kränker.

Sie vertreten die Gemeinschaft El Hatillo in den Gesprächen mit den Firmenvertretern. Wie erleben Sie diese Verhandlungen?

Wir sind neun Männer und sechs Frauen, die sich monatlich mit den Unternehmensvertretern treffen. Es ist für uns DorfvertreterInnen sehr schwierig, mit diesen bestausgebildeten Anwälten zu verhandeln. Aber wir haben viel dazugelernt. Zuletzt wollte uns der Anwalt von Glencore nicht einmal mehr als bäuerliche Gesellschaft anerkennen. Damit hätten die Bestimmungen für umzusiedelnde bäuerliche Gesellschaften für uns nicht mehr gegolten.

Man wirft Ihrer Seite vor, zu viel zu verlangen, von der Umsiedlung profitieren zu wollen.

Wir müssen doch für unsere Leute gewährleisten, dass die Gemeinde eine Zukunft hat. Am Beispiel des angeblich «erfolgreich » umgesiedelten Dorfes Plan Bonito sehen wir, dass die neuen Häuser und Lebensbedingungen den grundlegenden Bedürfnissen der Bevölkerung nicht gerecht werden. Manche Umgesiedelten verarmten und müssen ihre Häuser schon wieder verkaufen. Wir möchten nicht dieselben Erfahrungen machen. Wir möchten Bäuerinnen und Bauern bleiben, selber bestimmen, wie wir leben. Auch wenn das ein bescheidenes Leben sein wird. Aber ein würdevolles und gesundes Leben.