Die vertriebene Masika Bahondira fand mit ihren drei Kindern Zuflucht bei Fremden in dem Ort Lume im Osten der Demokratischen Republik Kongo. | © Bettina Rühl
Die vertriebene Masika Bahondira fand mit ihren drei Kindern Zuflucht bei Fremden in dem Ort Lume im Osten der Demokratischen Republik Kongo. | © Bettina Rühl

DR Kongo Gastfreundschaft der Besitzlosen

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Die Demokratische Republik Kongo kommt nicht zur Ruhe. Terror überzieht das Land und zwingt Hunderttausende zur Flucht. Die Bevölkerung nimmt die Geflohenen bei sich auf, selbst wenn sich die Gastgeber dafür selbst einschränken müssen.

Kavuatto Myvayo steht etwas gebückt auf dem Feld, mit der linken Hand stützt sie ihren Rücken. Die 60-jährige Kongolesin sät an diesem Morgen Erdnüsse aus, aber die Feldarbeit fällt ihr nicht mehr leicht. Gerade hat sie ihre Arbeit unterbrochen und schaut Jeanette Masika Kirimbo zu, die auf dem Acker Fäden spannt. «Wenn ihr in solchen geraden Reihen säht, braucht ihr viel weniger Samen», erklärt Kirimbo dabei. Die Agrarberaterin führt vor, wie man die Ernte mit ganz einfachen Mitteln verbessern kann. Bezahlt wird sie von der Deutschen Welthungerhilfe, ein gutes Dutzend Bäuerinnen und einige Bauern hören ihr zu.

Die Region Beni im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, in der Kirimbo gerade unterrichtet, wird seit vergangenem Herbst von einer regelrechten Terrorwelle überzogen. Bei Massakern wurden mindestens 300 Menschen ermordet, ein Mitarbeiter der Uno-Mission in Kongo namens Monusco schätzt die Zahl der Opfer sogar auf «Tausende». Die kongolesische Regierung macht die islamistische Miliz ADFNalu aus dem Nachbarland Uganda für die Angriffe verantwortlich, aber die Belege dafür sind dünn.

Ständig in Bewegung

Infolge der regelmässigen Angriffe Dutzender Milizen sind im Osten des Kongo Hunderttausende Menschen auf der Flucht. Viele suchten in Lume Zuflucht, dem Ort, in dem Kirimbo gerade unterrichtet. Wegen der vielen Flüchtlinge muss die Ernte diesmal für viel mehr Menschen reichen. «Die Zahl der Flüchtlinge ist schwer zu schätzen, weil die Menschen ständig in Bewegung sind», sagt Augustin Kambalo Muyisa, stellvertretender Projektleiter der Deutschen Welthungerhilfe in der Region. «Sicher ist nur, dass es hier sehr viele Vertriebene gibt.»

Zwei davon leben schon seit einigen Monaten bei der Bäuerin Kavuatto Myvayo, die gerade etwas Neues über den Anbau von Erdnüssen lernt. «Ich kannte das Ehepaar vorher nicht», sagt die Gastgeberin. «Aber sie waren in Not. Wie hätte ich sie da zurückweisen können?» Es gebe mit den beiden keine Probleme. Erst auf Nachfragen stellt sich heraus, dass Myvayos Familie auf eine der täglichen Mahlzeiten verzichten muss, seit sie die Fremden aufnahm. «Hier in der Region ist Gastfreundschaft selbstverständlich», bestätigt Muyisa. «Ausserdem war jeder schon mal auf der Flucht und auf Hilfe angewiesen. Jeder weiss also, in welcher Situation die Vertriebenen sind.»

Geteiltes Leid

Im Osten des Kongo ringen verschiedene bewaffnete Gruppen seit mehr als zwanzig Jahren um Rohstoffe, Macht und Land. Vor den Kämpfen müssen die Menschen immer wieder fliehen. In der Region sind 2,6 Millionen Kongolesinnen und Kongolesen auf der Flucht, hinzu kommen einige Zehntausend Flüchtlinge aus Burundi und anderen Nachbarländern. Es gibt nur wenige Flüchtlingslager, die meisten Flüchtlinge werden von der Bevölkerung aufgenommen. Dabei hatten die BewohnerInnen der Gegend schon vor dem Krieg nur das Nötigste, und weil sie jetzt das Wenige noch teilen, sind viele Menschen mangelernährt. Manche hungern sogar, sagt Muyisa. Betroffen sind – wie so oft – vor allem die Kinder.

Häufig bleiben die Vertriebenen viel länger, als sie sich ursprünglich vorstellen konnten. Acht Monate sind es schon bei der 30-jährigen Masika Bahondira. Als Bewaffnete das Nachbardorf überfielen, sei sie «in Panik losgerannt». Ihren Mann verlor sie während der Flucht aus den Augen, aber ihre drei Kinder behielt sie im Blick. In dem Dorf Lume fanden sie Unterschlupf bei einer Familie, die sie bis dahin nicht kannten. «Ich hätte nie gedacht, dass uns wildfremde Leute aufnehmen würden», sagt Bahondira. «Ich bin überrascht und vor allem sehr glücklich.» Ihre Gastgeber seien immer noch freundlich. Bahondira weiss aber, dass sie und ihre Kinder eine Last sind. Doch nach Hause wagt sie sich nicht, denn in den Dörfern rund um Beni hält die Terrorwelle immer noch an.

Frauen wehren sich

«Die Menschen werden hier zu Hunderten massakriert, und es gibt keine Untersuchungskommission, keine Ermittlungen – nichts!», schimpft Elisabeth Mbusa Kavuo. «Wie kann die Regierung einfach nur zugucken?» Kavuo ist Mitbegründerin einer Hilfsorganisation namens Fepsi, «Frauen für die Förderung ganzheitlicher Gesundheit». Die kongolesische Die vertriebene Masika Bahondira fand mit ihren drei Kindern Zuflucht bei Fremden in dem Ort Lume im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Organisation unterstützt Überlebende sexueller Gewalt, von denen es im Osten der Demokratischen Republik Kongo viele gibt. «Wir wollten der Not der Überlebenden nicht länger tatenlos zusehen», erklärt die Krankenschwester Marie-Dolorose Masika Kafanya, eine der Mitbegründerinnen. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der Opfer auf 25 000 im Jahr. Die meisten Täter gehören zu einer der Milizen oder zur kongolesischen Armee.

Wilde Gerüchte

Die Terrorattacken der vergangenen Monate wirken wie eine gezielte Kampagne, um in der Bevölkerung Panik auszulösen. Die wildesten Gerüchte machen inzwischen die Runde. Aber eine lebendige Zivilgesellschaft versucht, sich diesen Gerüchten zu widersetzen, weil diese den Hass und das Misstrauen weiter schüren.

Moise Kambere Kayitavubya ist Präsident des Dachverbandes von Menschenrechtsorganisationen namens Gadhop in Butembo. Auch Gadhop fordert endlich einen Untersuchungsbericht der Regierung. «Gleichzeitig versuchen wir, selbst vor Ort zu ermitteln», erklärt Kayitavubya. Ein gefährliches und schwieriges Unterfangen. Trotz aller Gewalt sieht der Menschenrechtsaktivist aber auch positive Entwicklungen. Derzeit organisieren die AktivistInnen friedliche Proteste: gegen die Monusco, weil die Blauhelm-Truppe die Bevölkerung trotz ihres robusten Mandats nicht schützt. Gegen die kongolesische Regierung, die den hundertfachen Mord an Zivilisten tatenlos zur Kenntnis nimmt. «Die Bevölkerung stellt jetzt politische Forderungen», betont Kambere Kayitavubya. «Wir wollen keine weitere Gewalt, wir sind der vielen Kriege müde.»

Von Bettina Rühl