Nähe und Distanz: Jessica und ihre Mutter Val, die sich jahrelang nicht gesehen haben. | © Filmcoopi
Nähe und Distanz: Jessica und ihre Mutter Val, die sich jahrelang nicht gesehen haben. | © Filmcoopi

Film Von zweiten Müttern und zweiten Chancen

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Mit «The Second Mother» ist der brasilianischen Regisseurin Anna Muylaert eine subtile und facettenreiche Sozialstudie gelungen. Der Film spielt in Brasilien, doch seine Themen sind universell: die Liebe und die Schwierigkeit, den eigenen Weg in der Gesellschaft zu finden.

Die Haushälterin Val lebt seit Jahren bei einer reichen Familie in São Paulo. Neben Kochen, Waschen und Putzen kümmert sich Val auch um Fabinho, den Sohn der Familie, zu dem sie ein inniges Verhältnis entwickelt hat. Für Fabinho nimmt Val eine Mutterrolle ein; ihre leibliche Tochter, Jessica, hat sie hingegen schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Dies ändert sich, als Jessica bei ihr einzieht, um sich in der grössten Stadt Brasiliens auf die Aufnahmeprüfungen für ihr Studium vorzubereiten. Nicht nur die Beziehung zwischen Jessica und Val gestaltet sich zu Anfang schwierig, auch die eingespielten Zustände in der Familie werden durch die Ankunft der Tochter durcheinandergebracht. Jessica will sich nicht an die implizit und explizit geltenden Regeln halten, nach denen Val ihr Dasein so lange ausgerichtet hat, und stellt mit ihrem Verhalten die gesellschaftlichen Verhältnisse in Frage.

«The Second Mother» hat im Februar an der Berlinale den Panorama-Publikumspreis gewonnen. Zu Recht: Die Stärke des Films liegt in seinen aussagekräftigen Bildern und dem unaufgeregten Erzählton, welcher den einzelnen Figuren viel Raum für ihre Persönlichkeitsentwicklung lässt. Die Charaktere sind realitätsnah und glaubhaft gezeichnet und die Dialoge subtil genug, um zu berühren. Insbesondere die beiden Hauptdarstellerinnen schaffen es, eine nicht immer einfache, aber liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Tochter abzubilden, ohne dabei plakativ zu werden. Regina Casé, welche die Hauptfigur Val verkörpert, ist in Brasilien mit Komödien berühmt geworden. Ihr gelingt es, dem Film Situationskomik zu verleihen, ohne ihn dadurch in seiner Aussagekraft zu schmälern. Für ihre schauspielerischen Leistungen haben Regina Casé sowie Camila Mardila, die Vals Tochter Jessica spielt, am diesjährigen Sundance Film Festival eine Auszeichnung der Jury erhalten.

Ungleiche Gesellschaft

Der Film der Regisseurin Anna Muylaert zeigt ein Stück brasilianischen Alltags. Spannend ist dabei der Vergleich zwischen Figuren wie der Haushälterin Val und ihrer Arbeitgeberin Barbara sowie Vals Tochter Jessica und Barbaras Sohn Fabinho, deren Leben sich doch so grundsätzlich voneinander unterscheiden. Diese Charaktere illustrieren die Gegensätzlichkeit der Lebenswelten unterschiedlicher Schichten in Brasilien auf eindrückliche Weise. Wie die Regisseurin selbst sagt, darf der Film durchaus als Sozialkritik verstanden werden. Ihr geht es aber nicht darum, ihre Figuren zu verurteilen, sondern darum, die unterschiedlichen Ausgangslagen abzubilden und gesellschaftliche Veränderungen zu thematisieren. Es gelingt ihr: Der Film regt zum Nachdenken an.

Von Astrid Herrmann