© Riad Sattouf / Knaus Verlag
© Riad Sattouf / Knaus Verlag

Kultur_Buch Als Kind in der arabischen Welt von gestern

Von Manuela Reimann Graf. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Eine Kindheit zwischen arabischer und westlicher Kultur. Riad Sattoufs Comic wirft einen humorvollen,aber auch äusserst kritischen Blick auf die beiden Welten.

Witz und Tiefgang. Autobiografie und Geschichtsführer zugleich. Dem in Frankreich geborenen Zeichner und Filmemacher Riad Sattouf – Sohn eines Syrers und einer Französin – gelingt es, all dies zusammenzubringen, und das erst noch in einem Comic. Für «Der Araber von morgen» erhielt der Autor, der zehn Jahre für «Charlie Hebdo» gearbeitet hatte, viele Auszeichnungen.

Spannend an Sattoufs Geschichte ist die doppelte Erzählebene: In den Bildern lässt er uns die Welt mit den Augen des kleinen strohblonden Jungen – also sich selbst – sehen. Zugleich liefert er zahlreiche Informationen über die historischen und politischen Entwicklungen der arabischen Welt – gepaart mit viel zynischem Humor. Wobei das Lachen oft im Halse steckenbleibt. Denn der Alltag zunächst in Libyen, dann in Syrien ist hart. So gibt es Szenen von roher Gewalt – unter Kindern, gegen Tiere. Es ist eine arabische Welt, die von einem panarabischen Weg in die Moderne träumt, aber tief in Traditionalismus und Despotie verhaftet ist. Doch auch der Westen wird mit feiner Ironie kritisiert: Der Rassismus gegenüber Arabern verhindert beinahe, dass sich die Eltern in Frankreich kennenlernen, und die bretonische Grossmutter ist ebenso abergläubisch wie ihr syrisches Pendant.

Die Rolle der Mutter, die als Europäerin in einer sehr traditionellen Gesellschaft leben muss, wird leider kaum thematisiert. Spannend ist die Entwicklung, die der Vater durchläuft. Der promovierte Historiker, der sich für ein Exempel des modernen, gebildeten Arabers hält, verteidigt die sozialen und politischen Gegebenheiten zunehmend. Für den kleinen Riad, der seinen Vater bewundert und liebt, wird dessen Verhalten zunehmend unverständlich.

Der Schluss kommt etwas abrupt. Die letzten Worte im Buch, der Aufruf des Vaters an den Sohn, fangen nochmals die ganze Ironie im Leben dieser Figur ein: «Der Araber von morgen geht zur Schule! » So also soll der Anschluss an die Welt gelingen. Wo doch gerade der Vater ein Beispiel dafür ist, dass Bildung nicht automatisch zu Aufgeklärtheit führt. Man ist gespannt, wie die Geschichte weitergeht.