Die Kinder können wieder ruhig schlafen. © Wolf-Dieter Vogel
Die Kinder können wieder ruhig schlafen. © Wolf-Dieter Vogel

Geschichten, die Mut machen Das Schlachthaus hat geschlossen

Text und Fotos von Wolf-Dieter Vogel. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Willkommen in Puente Nayero, einem Viertel in der gefährlichsten Stadt Kolumbiens. Die Bevölkerung hat es geschafft, die Kriminellen aus ihrem Strassenzug zu vertreiben.

Angst? Natürlich hatte Orlando Castillo Angst. «Die bewaffneten Männer standen wie eine kleine Armee auf der Strasse», erinnert er sich. Dann zeigt er auf die freie Fläche neben seinem Holzhaus, das wie die meisten Gebäude hier auf Pfählen ins Meer gebaut ist. «Da stand das Schlachthaus», sagt der 36-Jährige. «Hier haben die Killer ihre Opfer gefoltert, bei lebendigem Leib zerstückelt und die Körperteile ins Meer geworfen.» Gleich neben seiner Türe, unter dem brüchigen Steg, der seine Hütte mit den anderen aus Holzbrettern und Wellblech gezimmerten Bauten verbindet, schwammen die Leichenteile. Das Schlachthaus kannten alle in Puente Nayero, einem Strassenzug in der südkolumbianischen Hafenstadt Buenaventura. Wer kein Schutzgeld zahlte oder sich den Kriminellen in den Weg stellte, landete dort. Niemand sprach darüber. «Wir haben uns kaum aus dem Haus getraut», erinnert sich Merci Caisero. «Man konnte nicht einmal ans Meer gehen.» Auf Schritt und Tritt terrorisierten die jungen Männer der Banden die Menschen auf der Strasse.

Würstchen statt Gewehre

Heute ist alles anders. Caisero, Mutter zweier Kinder, verkauft vor ihrem Haus wieder Würstchen mit Kartoffeln, die Fischer gehen ihrer Arbeit nach und auch der Soziologe Castillo muss nicht mehr fürchten, vor seiner Hütte von den Bewaffneten angegriffen zu werden. Denn im April letzten Jahres vertrieben die AnwohnerInnen die «Bacrims», wie viele die Verbrecherbanden nennen. Sie zerstörten das grausame Schlachthaus und erklärten das Gebiet zur Humanitären Zone. Das Tragen von Waffen war von nun an verboten. In den kleinen Kanälen, über die Kriminelle vom Meer aus eindringen könnten, bauten sie dichte Holzzäune. Wer jetzt nach Puente Nayero will, muss sich an dem grossen rot gestrichenen Tor kontrollieren lassen, das Tag und Nacht bewacht wird. Ein Transparent, das am Eingang über den Schotterweg gespannt ist, stellt klar: «Lebensraum – ausschliesslich für die Zivilbevölkerung». Rund 1400 Menschen leben in Puente Nayero. Fast alle sind Afrokolumbianer. Der Strassenzug liegt im Viertel La Playita, einer der gefährlichsten Ecken der Stadt Buenaventura, die wiederum als die gefährlichste Kolumbiens gilt. Hier kämpfen die «Urabeños», die «Aguilas Negras» und andere Banden um den Drogenmarkt und die Kontrolle des Hafens, über den unzählige illegale Waren ins Land gelangen: gefälschte Jeans, unverzollte Fernsehgeräte, Waffen.

Insel der Sicherheit

Für Orlando Castillo ist Puente Nayero ein Vorbild, das Schule machen soll. Aber wie, so fragt man sich, konnten die Bewohnerinnen und Bewohner ausgerechnet hier eine Insel der Sicherheit schaffen? Das sei nur mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen aus Bogotá und des örtlichen Bischofs Héctor Epalza möglich gewesen, erklärt er. Epalza hatte schon vorher zu Demonstrationen gegen die Gewalt aufgerufen und konnte Zehntausende mobilisieren. «Durch die Unterstützung des Bischofs blickte die internationale Öffentlichkeit auf uns», sagt Castillo. Einige Kriminelle seien deshalb von der Polizei festgenommen worden, andere hätten sich zurückgezogen. Bevor Castillo und seine Leute Puente Nayero zur Humanitären Zone erklärt haben, war das Konzept nur in ländlichen Regionen umgesetzt worden. In den Bundesstaaten Antioquia und Chocó gründeten Kleinbauern solche Schutzdörfer. Das Konzept sieht vor, dass keine Soldaten, Polizistinnen, Paramilitärs oder Guerilla-Gruppen das Gebiet betreten dürfen. Die Gemeinden berufen sich auf das humanitäre Völkerrecht. Demnach müssen bewaffnete Akteure alle Handlungen unterlassen, die Zivilpersonen unnötig in Gefahr bringen. Deshalb muss es eine strenge Trennung zwischen Kombattanten und ziviler Bevölkerung geben. Das Recht gilt für legale Kampfverbände ebenso wie für illegale. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission hat die Zonen anerkannt, und der ihr angegliederte Gerichtshof verpflichtete die kolumbianische Regierung schon mehrmals, Massnahmen zum Schutz der Dörfer zu ergreifen. Auch das schafft ein wenig Sicherheit.

Wirtschaftliche Interessen

Doch für die Menschen in Puente Nayero endet die Sicherheit da, wo das Tor den Schotterweg von der Strasse trennt. Jenseits des Zaunes beginnt Feindesland. Zwar ist die Anzahl der Morde etwas zurückgegangen, nachdem Präsident Juan Manuel Santos letztes Jahr mehr Polizei- und Armeekräfte geschickt hat. Doch von Frieden kann in den restlichen Vierteln Buenaventuras keine Rede sein. Auch Castillo lebt ausserhalb seines Viertels gefährlich. Immer wieder erhält er Morddrohungen. Vielleicht ist es die Hilfe seiner Familie, die ihn das alles durchstehen lässt. Seine Schwester, sein Vater, alle kämpfen für ein gewaltfreies Puente Nayero. Nur sehr zurückhaltend redet Castillo über die Momente, in denen ihm zum Heulen zumute ist. Seine vier Kinder leben schon lange nicht mehr in der Stadt. Vor drei Jahren wurde seine Lebensgefährtin getötet. Für den Aktivisten steckt hinter der Gewalt mehr als nur ein Revierkampf. Es gehe um wirtschaftliche Interessen: um den Ausbau des Hafens, der mit allen Mitteln durchgesetzt werden soll. Etwa 600 000 Container werden jährlich hier umgeschlagen. Der Hafen ist zum wichtigsten Kolumbiens geworden, und angesichts der zunehmenden Geschäfte mit asiatischen Staaten, Chile, Mexiko und den USA gewinnt er weiter an Bedeutung. Spediteure vergrössern ständig ihre Lager, auf jeder Freifläche in Meeresnähe stehen die Metallbehälter. Bischof Epalza, dessen Sitz gleich neben dem Meer liegt, sieht einen Zusammenhang zwischen dem prosperierenden Hafen und dem Terror der Banden. Der Geistliche befürchtet, dass die Angriffe auch zum Ziel haben, AnwohnerInnen zu vertreiben, die der Aufwertung des Hafens im Wege stehen.

Visionen für die Zukunft

Aktivist Castillo hat es jetzt eilig. Gleich beginnt die Versammlung der AnwohnerInnen – wie jeden Samstagnachmittag. Vor dem Haus der Castillos stellen ein paar Damen bereits Plastikstühle auf den Schotterweg. Heute soll es wieder um Sicherheitsvorkehrungen gehen. Merci Caisero geht nicht zur Versammlung, weil sie ihre Würste nicht allein lassen kann. Wenn es gut läuft, verdient sie mit dem Laden etwa sechs Euro am Tag. Das reicht knapp, um die Kinder über die Runden zu bringen. Sie hätte nichts dagegen, wenn die Hafenpromenade gebaut würde. Dann könnte sie dort ihre Würste mit Kartoffeln verkaufen. Und vielleicht sogar den Traum ihrer Tochter erfüllen: Die Dreizehnjährige will Ärztin werden. Auch für Buenaventura hat Caisero eine Vision: «Wenn wir es schaffen würden, dass alle Arbeit haben oder lernen können, wäre Schluss mit der Gewalt. Denn dann hätten alle etwas, von dem sie leben könnten.»