«Das Gesamtbild im Auge behalten»: Gauri van Gulik bei einem Interview in Italien. © Amnesty International
«Das Gesamtbild im Auge behalten»: Gauri van Gulik bei einem Interview in Italien. © Amnesty International

Geschichten, die Mut machen Lobbyistin für das Gute

Von Carole Scheidegger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Die Holländerin Gauri van Gulik und ihr Team waren in den vergangenen Monaten für Amnesty International an den Brennpunkten der Flüchtlingsrouten. Sie ist überzeugt, dass die aktuelle Krise zu lösen ist.

Unerwartet kommt es für Gauri van Gulik wirklich nicht, dass derzeit unzählige Menschen quer durch Europa auf der Flucht sind. «Was nun geschieht, war angesichts des Kriegs in Syrien absolut voraussehbar. Amnesty International wusste, dass dies geschehen würde, und ich bin sicher, die europäischen Regierungen wussten es auch.» Dass nun Regierungen und manche Medien den Anschein erwecken, eine Art Naturkatastrophe sei über Europa hereingebrochen – Stichwort: Flüchtlingsflut, Migrantenstrom –, will die tatkräftige Holländerin nicht unwidersprochen stehen lassen. Sie betont, dass die aktuelle Krise lösbar sei. «Aber es braucht dazu den politischen Willen.» Gauri van Gulik ist stellvertretende Leiterin des Europa-Programms von Amnesty International. Sie hat ihre Funktion im vergangenen Januar angetreten. Langweilig wurde es ihr seither bestimmt nicht. Dominierend war das Thema Flüchtlinge. Anfang des Jahres beschäftigte sie sich mit einer Kampagne, die forderte, dass die EU ihre Such- und Rettungsmission im Mittelmeer ausdehnt. «Wir haben dabei einen schönen Erfolg erzielt. Aber dieses Anliegen war ja auch einfacher zu erklären. Wir konnten etwas Konkretes fordern: mehr Schiffe, die Menschen aus Seenot retten. Nun ist die Arbeit viel trockener und komplexer», erklärt sie. Amnesty International hat eine «Agenda für den Schutz von Flüchtlingen» entwickelt, die nun den Regierungen präsentiert wird. Ein wichtiger Punkt daraus: Die EU muss sichere und legale Einreisemöglichkeiten für Flüchtlinge schaffen, um weitere Todesopfer zu verhindern.

Es bleibt viel zu tun

Gauri van Gulik unterstreicht, wie viel die europäischen Staaten in den letzten Monaten schon geleistet haben. «Mir ist klar, dass es für die Behörden grosse Herausforderungen darstellt, die vielen Flüchtlinge unterzubringen. Aber es ist eine lösbare Herausforderung! », betont van Gulik. Sie und ihr Team wissen genau, wovon sie sprechen, denn sie waren in den vergangenen Monaten immer wieder an den Brennpunkten: in Griechenland, Ungarn, den Balkan-Staaten. Sie haben dort so viele Interviews mit Flüchtlingen wie möglich geführt, um zu erfahren, wie die Bedingungen auf den Fluchtrouten sind. «Der Zugang für unsere Teams war im Allgemeinen gut. Aber die Umstände gestalten sich schwierig, und nicht alle Regierungen sind wirklich erpicht darauf, uns dabeizuhaben. In Ungarn manche Flüchtlingslager hineinzukommen.» Was die Delegationen vor Ort ermitteln, wird gegengecheckt und – falls gesichert – in einem Bericht von Amnesty International veröffentlicht. Dass sich die aktuelle Lage ständig verändert, macht van Guliks Leben nicht leichter. Anspruchsvoll ist auch der Druck, immer möglichst schnell zu sein. «Ich bin total für Geschwindigkeit. Aber noch wichtiger als schnell zu sein, ist es, stets nur gesicherte Angaben zu verwerten. Jeder einzelne Satz, den Amnesty veröffentlicht, muss stimmen.»

Ein Geschäftsmann, der Mut macht

Vor ihrer Anstellung bei Amnesty International war Gauri van Gulik bereits zehn Jahre lang in der Menschenrechtsarbeit tätig, sie hat Rechtsverletzungen auf der ganzen Welt gesehen. «Dass wir nun solche Szenen in Europa sehen, erschüttert mich sehr», sagt die Europarechtlerin, und die Stimme der ansonsten bestimmt auftretenden Frau bricht für einen Moment. Sie erzählt von Begegnungen der Amnesty-Mitarbeitenden mit Flüchtlingskindern, die immer wieder gefragt haben: «Wo sind wir? Und was passiert jetzt?» Diese fehlende Orientierung habe sie auch bei vielen Erwachsenen beobachtet, erzählt van Gulik. Weil es an Kommunikation mit den Migranten und Migrantinnen mangelt, entsteht ein Gefühl des Verlorenseins. In ihrer täglichen Arbeit erlebt sie aber auch Szenen, die ihr neuen Mut geben. Etwa der Geschäftsmann, der erklärte: «Ich war früher immer jener Typ, der auf Partys gesagt hat, es gebe zu wenig Platz für all die Flüchtlinge, man müsse die Grenzen dicht machen.» Doch als er selbst mit den Flüchtlingen in Berührung kam, sah er die Not und half tagelang an einer Essensausgabe.

Amnesty wird angehört

Kraft zieht van Gulik daraus, dass die Regierungen durchaus hören wollen, was Amnesty zu sagen hat – selbst wenn sie die Ratschläge nicht immer umsetzen. In den vergangenen Monaten mussten van Gulik, ihr Team und die verschiedenen Amnesty-Sektionen allerdings die Strategie ändern: War es zum Beispiel für die Suchmissionen-Kampagne ausreichend, vor allem an Brüssel zu appellieren, so ist es heute zielführender, mit jedem einzelnen europäischen Land direkt im Dialog zu sein – was natürlich die Zahl der Gespräche multipliziert. Van Gulik betont, dass die europäischen Staaten das Gesamtbild nicht aus den Augen verlieren dürfen: «Es muss allen klar sein, wie die Dinge zusammenhängen. Es wirkt sich zum Beispiel auf die Balkanstaaten aus, wenn Spanien seine Aussengrenze stärker abriegelt oder wenn Griechenland mit den Asylgesuchen völlig überfordert ist und alleingelassen wird.» Die Lobbyistin für das Gute setzt auch immer wieder Zahlen in Perspektive. So waren Mitte November in der Schweiz 59 500 Menschen im Asylprozess. Eine auf den ersten Blick hohe Zahl, die sich aber doch relativiert, wenn man sich vor Augen führt, dass es um weniger als 1 Prozent der hiesigen Bevölkerung geht. Weitere Rechenbeispiele gefällig? Von Januar bis Anfang September 2015 wurden 700 000 neue Asylsuchende in den EU-Staaten registriert. Von den 500 Millionen EinwohnerInnen der EU-Länder sind das keine 0,2 Prozent. Selbst wenn in den nächsten Monaten 3,7 Millionen weitere Flüchtlinge eintreffen, wie Griechenland voraussagt, so steigt die Quote nicht über 1 Prozent. «Wir sollten in der Lage sein, diese Zahl zu bewältigen », betont van Gulik. «Das ist nicht unmöglich, wenn die Politiker auf all jene Menschen hören, die laut und deutlich sagen: ‹Refugees welcome›.»