Die Bewegung für LGBTI-Rechte in Uganda hat ein Gesicht: Es ist dasjenige von Kasha Jacqueline Nabagesera. © Frédéric Noy /Cosmos /Agentur Focus
Die Bewegung für LGBTI-Rechte in Uganda hat ein Gesicht: Es ist dasjenige von Kasha Jacqueline Nabagesera. © Frédéric Noy /Cosmos /Agentur Focus

Geschichten, die Mut machen Sie trotzt Hetze und Gewalt

Von Cigdem Akyol. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
In Uganda ist Homosexualität verboten, Schwule und Lesben werden geächtet und müssen Gewaltfürchten. Doch es regt sich Widerstand. Die lesbische Aktivistin Kasha Nabagesera kämpft seit Jahrenfür Toleranz und sexuelle Vielfalt. Nun erhält sie den «Alternativen Nobelpreis».

Aus Angst Uganda verlassen? «Das ist mir noch nie in den Sinn gekommen», sagt Kasha Jacqueline Nabagesera. Weil jeder ihr Gesicht kennt, meidet sie zwar öffentliche Plätze. Ausserdem sind für die Uganderin Hassanrufe aufs Mobiltelefon, Priester, die sie für den Teufel halten, und Bedrohungen in sozialen Netzwerken schon Alltag. «Doch die Bewegung braucht ein Gesicht. Und das Gesicht unserer Gemeinschaft bin ich», sagt die lesbische Menschenrechtsaktivistin, die für ihr Engagement nun den schwedischen «Right Livelihood Award» (Preis für richtige Lebensführung) erhält, den man auch «Alternativen Nobelpreis» nennt.

Wissen vermitteln statt provozieren

Die zierliche, energische 35-Jährige kämpft seit Jahren für die Freiheit der sexuellen Vielfalt in ihrer Heimat. «Ich war nie gut darin, nur dazusitzen und zuzusehen, wenn die Dinge in einer Gemeinschaft nicht gut laufen», erzählt Nabagesera. Der Entschluss, sich für das Recht auf Liebe einzusetzen, fiel schon in jungen Jahren, deswegen gründete sie den Menschenrechtsverein «Freedom and Roam Uganda» und wagte es sogar, im nationalen Fernsehen über ihre eigene Sexualität zu sprechen. Nabagesera ist auch Chefredakteurin und Herausgeberin von «Bombastic», dem ersten von Homosexuellen und Transgender gemachten Hochglanzmagazin in Uganda, das sich vor allem an Heterosexuelle richtet. «Wir möchten nicht provozieren, sondern eine Wissenslücke füllen», sagt die Aktivistin in einem Café in der Hauptstadt Kampala. «Wir wollen aufklären, dass wir nicht psychisch gestört sind, wie immer behauptet wird.»

Eine der mutigsten Menschenrechtsaktivistinnen in Afrika.

Ihre schmalen Arme zieren Armbänder in den Regenbogenfarben, dem Symbol der schwul-lesbischen Community. Im Editorial des Magazins ist ein Foto von ihr abgedruckt. Die mediale Aufmerksamkeit gebe ihr auch einen gewissen Schutz. Ihre Freundinnen und Freunde und ihre Familie wüssten schon seit Langem von ihrer sexuellen Orientierung. Es sind die hasserfüllten Homophoben, vor denen sie sich verstecken muss. Ihr schulterlanges, schwarzes Haar verbirgt sie in der Öffentlichkeit meist unter einer Sportkappe. Nabagesera meidet Menschenmengen, wechselt regelmässig ihren Aufenthaltsort. «Auch ich bin schon verfolgt und geschlagen worden. Ich kann es nicht mehr zählen.» Die schwedische Stiftung, die den Preis vergibt, nennt sie zu Recht eine der «mutigsten Menschenrechtsaktivistinnen in Afrika».

Die andere Seite der Geschichte

Mit ihrer Arbeit will sie ein Land mit 35 Millionen Einwohnern aufrütteln. Und das in einem Staat, in dem gleichgeschlechtliche Liebe mit Haft bestraft wird. Hier predigen fundamentalistische ChristInnen und Muslime ungeniert, dass Schwule schuld am Holocaust seien. Unterstützt werden sie dabei von der Regierung, die im Jahr 2009 erwog, die Todesstrafe für Homosexuelle einzuführen. Ein Gesetz sollte Homosexualität mit Strafen bis hin zu lebenslanger Haft belegen. Nachdem es 2014 Realität wurde, zog Nabagesera dagegen vor das Verfassungsgericht – und gewann. Doch Präsident Yoweri Museveni wird nicht müde zu betonen, es seien strenge Regeln erforderlich, «um die Kultur unseres Landes zu verteidigen». Zusätzlich angeheizt wird der Hass durch mediale Hetzkampagnen. So veröffentlichte im Herbst 2010 die Boulevardzeitung «Rolling Stone» in Uganda Fotos von hundert angeblich Homosexuellen. «Hängt sie», forderte das Blatt auf dem Titel. Auch Nabagesera und ihr Freund, David Kato, waren auf dem Cover. 2011 wurde der Aktivist in seiner Wohnung ermordet. Genau dieser Hetze wollte Nabagesera etwas entgegensetzen. «Die Leute können jetzt von uns die andere Seite der Geschichte hören», sagt sie – nicht nur die hasserfüllten Töne mancher Politiker.

Bombastisches Geschenk an die Regierung

Die Idee zu «Bombastic» entstand 2013; der Name ist angelehnt an einen Song des jamaikanischen Reggae-Musikers Shaggy. Auf Facebook suchte man nach AutorInnen; innerhalb kürzester Zeit seien mehr als 1000 Geschichten eingegangen, die dann von acht AktivistInnen ausgewertet wurden. Über eine Plattform für Crowdfunding konnte die Produktion des Hefts finanziert werden. Ende des vergangenen Jahres erschien das Magazin. «Unser Weihnachtsgeschenk an die Regierung », sagt Nabagesera. Das Cover der Zeitschrift zeigt ein Männergesicht mit einer schillernden Maske und violetten Federn, darunter ein Regenbogen und der Schriftzug: «Unsere Stimmen, unsere Geschichten, unsere Leben.» «Bombastic» ist ein Magazin über die Liebe, die Furcht, die Würde und das Unrecht. Homo-, Bi- und Transsexuelle berichten meist anonym von ihren Erfahrungen. In Uganda homosexuell zu sein, schreibt eine lesbische Frau, fühle sich an, «wie ständig im Todestrakt zu sitzen, weil du nicht weisst, wann du getötet wirst». Ein schwuler Mann schildert, wie er gegen sein Begehren ankämpfte, weil er als Katholik die Isolierung der Gemeinde fürchtete. Doch alles Beten habe nichts genützt, «als 20-Jähriger gab ich auf und folgte meinem Herzen », schreibt er. Insgesamt 15 000 «Bombastic»-Exemplare wurden in weiten Teilen des Landes meist nachts ausgelegt. Eine Sicherheitsregel lautete, dass niemand in der Region seiner Familien das Magazin auslege, um deren Gefährdung zu vermeiden. Wenn Nabagesera von der Verteilung spricht, redet sie immer vom «Field» – so bezeichnen auch KriegsberichterstatterInnen ihre Einsatzorte.

Manchmal antwortet sie den homophoben Schreibern sogar.

Zusätzliche zwei Millionen Mal ist «Bombastic» inzwischen aus dem Internet heruntergeladen worden. Für eine zweite Ausgabe werden momentan wieder Spenden gesammelt. 99 Prozent der Kommentare auf der Website des Magazins seien Hassmails, Männer drohen ihr mit Vergewaltigungen. Manchmal antworte sie den homophoben Schreibern sogar, «weil sie es brauchen», sagt sie. Der ugandische Minister für Ethik und Anstand, Simon Lokodo, hat sie zu einem Gespräch gebeten – sie lehnte ab. Denn die Veröffentlichung «homosexueller Propaganda» wird mit bis zu sieben Jahren Haft bestraft. Ausserdem hatte Lokodo den Machern von «Bombastic» zuvor mit einer Klage gedroht.

Der Sender im Wohnzimmer

Zur selben Zeit als «Bombastic» erschien, nahm der Internet-Sender «Kuchu Times Radio» den Betrieb auf. «Kuchu» bedeutet in der Lokalsprache Schwuler oder Tunte. Der Grossteil des Programms besteht aus Musik. Dazu liefern AktivistInnen aus ganz Subsahara-Afrika Beiträge, sagt Nabagesera, in deren Wohnzimmer der Sender stationiert ist. Zum ersten Mal überhaupt vergibt die Stockholmer Stiftung einen Preis an eine Kämpferin für die Rechte von Homosexuellen. «Wir waren unglaublich beeindruckt, als wir von ihrer Arbeit erfahren haben», sagte Ole von Uexküll, Leiter der Right Livelihood Award Foundation. «Wir hoffen natürlich, dass der Preis dazu beiträgt, dass sich der politische Wille mehr auf die Seite unserer Preisträger schlägt.»

 

Cigdem Akyol ist Auslandskorrespondentin und lebt in Istanbul.