Der Briefmarathon findet dieses Jahr vom 25. November - 13. Dezember statt © Amnesty International
Der Briefmarathon findet dieses Jahr vom 25. November - 13. Dezember statt © Amnesty International

Geschichten, die Mut machen «Wir hatten so viel Spass»

Interview: Andreas Koob. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Witek Hebanowski gehört zu den Gründern des Amnesty-Briefmarathons in Polen. Dank seiner Initiative wurde aus einer Idee ein globaler Erfolg. Im Interview erzählt er, welchen Hintergedanken er vor 14 Jahren beim Start der Aktion hatte.
AMNESTY: Wie entstand die Idee, Briefe für und an Menschen zu schreiben, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden?

Witek Hebanowski: Auf einem Filmfestival traf ich eine hübsche Frau, und sie erzählte von einer Aktion in einem afrikanischen Land, bei der über wenige Stunden hinweg möglichst viele Protestbriefe gegen Menschenrechtsverletzungen geschrieben worden waren. Das fand ich eine super Idee, auch, weil ich die Frau unbedingt wiedersehen wollte. Wir diskutierten in unserer Warschauer Amnesty-Gruppe und legten los. Wir waren zu fünft und hatten drei Regeln: Wir wollten Briefe schreiben in wirklich gravierenden und dringenden Fällen von Menschenrechtsverletzungen, und zwar über 24 Stunden hinweg – als eine extreme Art, den Samstagabend zu verbringen. Anschliessend zählten wir genau aus, wer landesweit wie viele Briefe gesammelt hat.

Schon ein Jahr später machten Menschen auf der ganzen Welt mit …

Die Sache sollte globaler werden: Dafür nutzten wir Kontakte oder griffen einfach auf das Amnesty-Adressbuch zurück. Wir teilten uns als Team auf die fünf Kontinente auf und schrieben Mails an Amnesty-Gruppen überall auf der Welt. Wir trafen uns nie persönlich, aber hatten eine wirklich starke und persönliche Bindung zu Leuten in Mexiko oder auf den Bermudainseln. Eine Gruppe aus der Nähe von Boston spendete uns 300 US-Dollar, mit denen wir unsere Telefon- und Internetrechnung zahlen konnten. Es zeigte sich uns eine Kultur der Solidarität über Grenzen hinweg – dabei gab es Facebook noch gar nicht, als wir damals in unserem im Keller gelegenen Büro sassen und versuchten, uns zu vernetzen.

Die Liste der Erfolge ist lang: Viele Menschen kamen frei, bei anderen verbesserten sich die Haftbedingungen. Habt ihr das für möglich gehalten?

Das war unglaublich – so viel Spass zu haben und dabei Leuten zu helfen. Wir widmeten uns der Sache, wir kämpften, wir zogen alle am selben Strang. Es schien erst nicht machbar, aber wenn du dich gut organisierst, kannst du etwas verändern auf der Welt.

Jahr für Jahr nehmen mehr Menschen teil. Im vergangenen Jahr kamen weltweit mehr als drei Millionen Appelle zusammen. Wann war euch klar, dass sich der Briefmarathon wie ein Lauffeuer verbreiten würde?

Wir alle wussten, dass wir in globalen Strukturen engagiert sind, aber mit dem Briefmarathon konnten wir es auch erstmals spüren. Ich fühlte, dass wir die Werte, für die wir einstehen, wirklich universell teilen. Zugleich überstieg der weltweite Erfolg meine kühnste Fantasie – und ich habe eine wirklich grosse Fantasie. _

Warum eigentlich Briefe?

Briefe schienen uns das wirkmächtigste Instrument zu sein. Wir wollten kein Copy-Paste, sondern die individuelle Nachricht.

Schreibst du ausserhalb des Marathons auch gerne Briefe per Hand?

Nein, nur während des Briefmarathons. Aber es ist ein schönes Gefühl, wenn deine Hände einfach nicht mehr können.

Andreas Koob ist Volontär beim Journal der deutschen Sektion von Amnesty International.