Hunderttausende Menschen haben am 300. Nationalfeiertag Kataloniens im September 2014 in Barcelona für einen eigenen Staat demonstriert. © Pandreu / Shutterstock
Hunderttausende Menschen haben am 300. Nationalfeiertag Kataloniens im September 2014 in Barcelona für einen eigenen Staat demonstriert. © Pandreu / Shutterstock

Buch Die neue Weltunordnung

Von Boris Bögli. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2016.
15 Reporter und Reporterinnen aus aller Welt gehen separatistischen Bewegungen auf den Grund. Es entsteht eine farbige Collage der meist zähen Unabhängigkeits-Bemühungen.

Das Unabhängigkeits-Referendum in Schottland, katalanische Grossdemonstrationen, das selbst ernannte «Neurussland» in der Ostukraine, der Kampf der KurdInnen um einen eigenen Staat, das Lavieren Taiwans in seinem Verhältnis zu China, der neue Staat Südsudan: Separatistische Entwicklungen haben in den letzten Jahren oft die Schlagzeilen geprägt. Manche auch nicht: Die De-Facto-Unabhängigkeit von Somaliland im Osten Afrikas oder die Mitbestimmungsrechte der Samen in Skandinavien werden selten thematisiert.

Im Buch «Unabhängigkeit! Separatisten verändern die Welt» versuchen KorrespondentInnen des freien Journalismus- Netzwerks weltreporter.net einige Unabhängigkeitsbewegungen etwas näher zu beleuchten. Der Erkenntnisgewinn ist bei einer solchen Vielfalt naturgemäss unterschiedlich. Die grosse Stärke der Beiträge ist ihre Authentizität. Meinungsmacherinnen, Vertreter von Grassroot-Bewegungen und NormalbürgerInnen kommen zu Wort.

Das zeichnet in den meisten der rund 15-seitigen Reportagen ein stimmiges Bild über die Kraft oder eben die Schwächen der jeweiligen separatistischen Bewegung. Dass die Texte auf den Ist-Zustand ausgerichtet sind und auf langfädige historische Belehrungen verzichtet wird, ist ebenfalls ein Gewinn. Einigen Beiträgen hätte allerdings gut getan, wenn sie weniger «Kriegsberichterstattung» enthielten, dafür die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen «Mutterland» und separatistischer Region etwas gründlicher analysiert worden wären.

Herausgeber Marc Engelhardt macht eine Krise der «alten» Nationalstaaten aus und spricht von einer «neuen Weltunordnung ». Den Separatismus-Begriff legt er weit aus. So kommt auch der Palästina- Konflikt im Buch vor, obwohl hier nicht von Separatismus im eigentlichen Wortsinn gesprochen werden kann. In einem Vor- und Nachwort geht Engelhardt, selbst Korrespondent bei der Uno in Genf, auf den völkerrechtlichen Rahmen der Staatenbildung ein. Er betont die zentrale Bedeutung des «Selbstbestimmungsrechts der Völker» gemäss Uno-Charta, verschweigt aber nicht, dass die Entfaltung dieses Rechts oft behindert wird – sowohl durch autoritäre wie auch durch demokratische Regimes. Sie berufen sich wahlweise auf den «Krieg gegen den Terror», gewichten Wirtschaftsinteressen höher oder bestreiten rundweg, dass es sich bei der sezessionistischen Gruppe um ein eigenständiges Volk handle.

Nicht eingelöst wird in dem Buch das Versprechen, dass die Kapitel inhaltlich aufeinander aufbauen. Mehr als etwas künstlich wirkende Überleitungen sind nicht zu finden. Der Aktualitätsbezug hat zudem zur Folge, dass das Verfallsdatum des einen oder anderen Beitrages bald ablaufen könnte. Wen dies nicht stört, der trifft auf interessant geschriebene Texte, die Lust auf Vertiefung machen.