Tatort Kambodscha: Der Umweltaktivist Chut Wutty kritisierte in den Medien illegale Waldrodungen. 2012 wurde er von einem Polizisten getötet. © Mathieu Young
Tatort Kambodscha: Der Umweltaktivist Chut Wutty kritisierte in den Medien illegale Waldrodungen. 2012 wurde er von einem Polizisten getötet. © Mathieu Young

Dossier Pressefreiheit Grüne Reportagen brauchen Mut

Von Julie Jeannet. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2016.
Wer in Südasien zu Umweltvergehen recherchiert, lebt gefährlich: Reporter und Journalistinnen werden zensuriert, bedroht und angegriffen, sei es von kriminellen Banden, sei es im Auftrag von Regierungen. Seit 2010 wurden weltweit zehn Medienschaffende getötet, die zu Umweltthemen recherchierten. Dennoch wagen mutige JournalistInnen den riskanten Job. Schutz finden sie am ehesten, wenn sie sich zusammenschliessen.

Indiens tödliche Themen

 «Die Freiheit darf nicht im Staub erstickt werden. Bis zum letzten Blutstropfen werden wir für unser Heimatland kämpfen.» Die letzten Facebook-Einträge des indischen Journalisten Sandeep Kothari erwiesen sich als prophetisch: Am 21. Juni 2014 wurde seine Leiche auf einem Bauernhof in der Nähe der Stadt Nagpur gefunden. Er war bei lebendigem Leib verbrannt worden. Der 40-jährige Reporter hatte seit mehreren Jahren über den mafiösen Sand- und Manganabbau im Bundesstaat Madhya Pradesh ermittelt. Fast alle Morde an UmweltjournalistInnen der letzten Jahre ereigneten sich laut Reporter ohne Grenzen in Indien und in Südostasien. Sie hatten über Umweltverschmutzung, Entwaldung oder die illegale Ausbeutung von Ressourcen recherchiert. Wer sich in Indien mit der illegalen Ressourcennutzung beschäftigt, scheint besonders gefährlich zu leben: Kurz vor der Ermordung von Sandeep Kothari war schon dessen Kollege Jagendra Singh getötet worden: Singh erlag den Brandwunden, welche ihm von Polizisten am 8. Juni 2015 im benachbarten Bundesstaat Uttar Pradesh zugefügt worden waren. Er hatte einen Minister des Bundesstaats im Zusammenhang mit illegalen Minenaktivitäten und Landkäufen der Korruption bezichtigt. S. Gopikrishna Warrier, Sekretär des Forums der indischen Umweltjournalisten, meint dazu: «Einerseits ist es heute viel einfacher als noch vor zwanzig Jahren, in Indien zu Umweltfragen zu arbeiten. Andererseits sind gewisse Themen besonders risikoreich, so der Abbau von Rohstoffen, die Waldrodungen oder der Bausektor und seine Lobbies.»

Seit dem Unglück von Bhopal von 1984, bei welchem 20 000 Menschen getötet und rund eine halbe Million Menschen durch giftige Gase verletzt worden waren, beschäftigt sich der Journalist Joydeep Gupta mit Umweltfragen. Nach Meinung dieses Umweltexperten sind lokale Mafiastrukturen die grösste Gefahr für JournalistInnen in Indien: «Für lokale Korrespondenten, die in entlegeneren Gebieten arbeiten und wohnen, ist das Risiko weit grösser als für Journalisten, die in Grossstädten arbeiten», erklärt Gupta. LokalreporterInnen würden häufig von kriminellen Banden, Industriebetrieben oder korrupten Funktionären bedroht. «Auf dem Papier behauptet der Staat zwar, Journalisten zu beschützen. Tatsächlich aber könnte er viel mehr tun», ergänzt er. «Vor seiner Ermordung hatte Sandheep Kothari die Polizei um Schutz angefragt. Nun ist es die Untersuchung seines Todes, die kaum Fortschritte macht», meint Gupta desillusioniert.

Der illegale Sandabbau durch Indiens Sand-Mafia bedroht die Wasserversorgung und die Ökosysteme der Meeresdeltas. Sandeep Kothari hätte trotz aller Gefahren weitergekämpft, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Abholzung in Kambodscha

Vier auf Umweltfragen spezialisierte Reporter wurden in Kambodscha in den Jahren 2012 bis 2014 getötet. Zwei von ihnen arbeiteten am Thema der illegalen Waldrodungen. «Unrechtmässige Abholzung und Staudämme – das sind die gefährlichsten Themen, die ich in meiner Arbeit je behandelt habe», sagt der Journalist May Titthara, der in der kambodschanischen Hauptstadt für verschiedene Medien, darunter vor allem die «Phnom Penh Post», arbeitet.

Titthara erzählt, dass er schon öfter wegen seiner Reportagen in den ländlichen Gebieten bedroht wurde. So fand er sich einmal, als er den illegalen Handel mit Rosenholz aus einem geschützten Waldgebiet aufdeckte, mit einer Pistole an der Schläfe wieder. «In die illegale Abholzung von Wald sind oft auch reiche Unternehmen und Staatsbeamte involviert. Diese wollen natürlich nicht, dass wir uns in ihr Geschäft einmischen. Zunächst bieten sie uns Geld an, damit wir unsere Rechercheergebnisse nicht veröffentlichen. Nützt das nichts, drohen sie uns mit Gewalt. Wird der Artikel dennoch veröffentlicht, werden wir mit Diffamierungsklagen eingedeckt.»

In den Jahren 2011 und 2012 wurde der Druck auf May Titthara so gross, dass er sich kaum mehr getraute, mit seinen Kindern ins Freie zu gehen. «Ich hatte wirklich grosse Angst, dass man auf mich schiesst. Also nahm ich zunächst einmal Ferien, danach arbeitete ich aber weiter», erklärt er mit bestimmter Stimme.

Straflosigkeit auf den Philippinen

Imelda Abamo gibt es zu: Sie hat bereits auf einige Reportagen verzichtet, weil sie Angst hatte. Angst um ihr Leben. Die erfahrene Journalistin gründete auf den Philippinen ein Netzwerk von UmweltjournalistInnen. Einerseits behandeln in ihrem Land immer mehr Artikel Umweltthemen, gleichzeitig würden aber immer mehr Journalistinnen und Reporter Opfer von Angriffen, wie Abamo erzählt. Nach Angaben des internationalen Komitees zum Schutz der Journalisten (Commitee to protect Journalists CPJ) wurden 2015 auf den Philippinen drei Radioreporter getötet.

«Die Probleme von Frauen, Ureinwohnern und die Umwelt – diese Themen sind oft miteinander verknüpft. Wir Umweltjournalistinnen und Umweltjournalisten stehen an vorderster Front, wenn es darum geht zu dokumentieren, was mit unserem Land und mit unseren Gemeinschaften passiert. Wenn man uns nicht tötet, so versucht man uns aufzuhalten oder droht uns mit Gewalt», erklärt Abamo.

«Wenn ich an die fehlende Unterstützung der Regierung und an die unaufgeklärten Mordfälle denke, läuft es mir kalt den Rücken runter», gesteht die Umweltspezialistin. Die Organisation CPJ führt eine Liste der Länder, in welchen Verbrechen an JournalistInnen am häufigsten ungesühnt bleiben: Die Philippinen stehen auf Platz zwei, davor ist nur noch der Irak.