In Tschetschenien haben Männer über Jahrzehnte Krieg geführt und Frauen die Trümmer beiseite geräumt. © Cineworx
In Tschetschenien haben Männer über Jahrzehnte Krieg geführt und Frauen die Trümmer beiseite geräumt. © Cineworx

Film Wolkenkratzer und Bluesclub

Von Astrid Herrmann. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2016.
Im Dokumentarfilm «Grozny Blues» des italienisch-schweizerischen Regisseurs Nicola Bellucci erzählen Menschen in Tschetschenien von ihren Ängsten und Träumen. Sie suchen in einer gespaltenen Gesellschaft den eigenen Platz im Leben.

Ein komplexes Geflecht aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmt das Leben in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Gekonnt verwischt der in Basel wohnhafte Filmemacher Nicola Bellucci die Grenzen zwischen Gestern und Heute, indem er eindrückliches Archivmaterial und aktuelle Aufnahmen zu einem Ganzen fügt. Die Archivbilder stammen von vier im Film porträtierten Menschenrechtsaktivistinnen, die während der beiden Tschetschenienkriege ihr Leben der Aufgabe widmeten, die allgegenwärtige Zerstörung und Verzweiflung auf bewegten Bildern festzuhalten. Ihre Hoffnung war, dass das Filmmaterial einen internationalen Aufschrei und umfassenden Protest bewirkt.

Tatsächlich aber ereigneten sich die beiden Kriege im Nordkaukasus grösstenteils im Schatten der globalen Aufmerksamkeit. Der erste Tschetschenienkrieg, von 1994 bis 1996, endete mit einem Waffenstillstandsabkommen und dem Rückzug der russischen Truppen. Kaum drei Jahre später dann der erneute Einmarsch der russischen Armee: Dieses Mal sollten die Gewalt und die Zerstörung über Jahre andauern. Erst im April 2009 erklärte Russland den Krieg offiziell für beendet. Insgesamt forderten die beiden Kriege etwa 160'000 Todesopfer, Tausende Personen sind unter fragwürdigen Umständen verschwunden und gelten als vermisst. Den russischen wie den tschetschenischen Streitkräften werden gravierende Menschenrechtsverletzungen wie Tötungen, Folter und Entführungen vorgeworfen.

Seit 2007 wird Tschetschenien als Teilrepublik Russlands vom prorussischen Autokraten Ramsan Kadyrow regiert. Aber wie Belluccis Dokumentation auf eindringliche Weise zeigt: Auch der forcierte Personenkult um Kadyrow und die glänzenden Wolkenkratzer in Grosny können nicht über die fehlende Demokratie, die zweifelhafte Menschenrechtslage und die von einer patriarchalischen Auslegung des Islams geprägte Frauenrechtssituation hinwegtäuschen. Vor diesem Hintergrund porträtiert Bellucci Menschen mit ihren Ängsten und Träumen: Neben den eingangs erwähnten Aktivistinnen, die seit dem Ende der gewaltsamen Konflikte Angehörige bei der Suche nach verschwundenen Personen unterstützen, kommen eine Gruppe junger Musiker, der Besitzer eines kleines Bluesclubs und eine junge Sängerin zu Wort. Sie alle leben in dieser gespaltenen Gesellschaft, die von staatlicher Unterdrückung, einer beschleunigten Islamisierung und archaischen Strukturen auf der einen und von einer fortschreitenden Modernisierung, internationaler Vernetzung und beeindruckendem persönlichem Engagement auf der anderen Seite bestimmt wird.