Gajar, 16, Feldarbeiterin, wurde für sieben Monate verschleppt. Sie wurde zwangsverheiratet, ihr Sohn Isa stammt von ihrem Peiniger. © Andy Spyra / Suhrkamp Verlag
Gajar, 16, Feldarbeiterin, wurde für sieben Monate verschleppt. Sie wurde zwangsverheiratet, ihr Sohn Isa stammt von ihrem Peiniger. © Andy Spyra / Suhrkamp Verlag

Buch Der Wald des Schreckens

Von Boris Bögli. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2016.
Die islamistische Terrormiliz Boko Haram hat in Nigeria Tausende Mädchen und Frauen entführt. Wolfgang Bauer sprach mit einigen, denen die Flucht gelungen ist. Sie berichten von ihrem Leben vor der Entführung und von ihren grausamen Erfahrungen während der Gefangenschaft.

Die 38-jährige Bäckerin Sadiya und ihre 14-jährige Tochter Talatu wurden im Juni 2014 aus ihrem Dorf im Nordosten Nigerias entführt und in den Sambisa-Wald verschleppt. Dort wurden sie an Boko-Haram-Kämpfer zwangsverheiratet und mussten ihnen sexuell und als Arbeitssklavin zu Diensten sein. Nach neunmonatigem Martyrium gelang Talatu und Sadiya, die inzwischen schwanger war, während eines Luftangriffs der Armee die Flucht. Der schwer zugängliche Sambisa-Wald ist das Rückzugsgebiet von Boko Haram. Es wird vermutet, dass dort mehrere hundert Frauen festgehalten werden, darunter auch die Schülerinnen von Chibok, deren Entführung 2014 international Schlagzeilen gemacht hatte.

Mehr als 60 Frauen und Mädchen interviewte der «Zeit»-Journalist Wolfgang Bauer unter höchster Geheimhaltung. Zu Wort kommen in seinem Buch acht Frauen sowie ein Mann, denen die Flucht vor Boko Haram gelungen ist. Weitere ehemalige Entführte stellt der Fotograf Andy Spyra in Schwarzweiss-Porträts vor. Trotz des Leidens und der wiederkehrenden Gewalt gelingt es Bauer, die sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten der Frauen herauszuarbeiten. Er lässt sie von ihren Lebensumständen vor der Entführung erzählen, sei es vom Bohnenkochen, von der Schule oder von der meist wechselhaften Familiengeschichte.

Zwischen den Gesprächsprotokollen bringt Wolfgang Bauer den LeserInnen den Aufstieg Boko Harams näher, die sich binnen weniger Jahre von einer kleinen Gruppe religiöser Eiferer zu einer mächtigen Miliz entwickelt hat. Er nennt aber auch die Übergriffe des nigerianischen Staates und sogenannter Dorfmilizen beim Namen und verweigert sich damit einer simplen Einteilung in Gut und Böse. Bauer weist darauf hin, dass Menschenraub und Versklavung in der Region seit der präkolonialen Zeit an der Tagesordnung sind. Überall scheint durch, dass die Gesellschaft in Nigerias Nordosten ethnisch und religiös vielschichtig, aber vor allem zutiefst patriarchalisch ist.

«Die geraubten Mädchen» ist keine leichte Kost. Die Erzählungen von Enthauptungen, Bombardierungen oder Folter sind schwer zu ertragen. Dass trotzdem nicht Hoffnungslosigkeit das dominierende Gefühl ist, hat mit dem Humor der porträtierten Frauen zu tun. Doch ist ein Buch über ein derartiges Thema nicht Voyeurismus? Bauer verweist auf die 16-jährige Clara, die trotz grosser Hemmungen «ihre Geschichte erzählen» wollte. Der Autor scheint die Grenzen gut gespürt zu haben; seine Formulierungen sind oft feinfühlig. Das macht den pathetischen Klappentext, den etwas fragmentarischen Einstieg und den abrupten Schluss des Buches wett.