Manumbe N’Diaye fand im Haus der Migranten Unterschlupf. © Bettina Rühl.
Manumbe N’Diaye fand im Haus der Migranten Unterschlupf. © Bettina Rühl.

Migration Gefangen in der Sahara

Von Bettina Rühl. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2016.
Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa werden in West- und Nordafrika häufig gekidnappt und misshandelt. Ein Besuch in Mali und Libyen.

Der Mann, der durch die Tür kommt, geht sehr langsam. Er hält sich dicht an der Wand, als fürchte er, zu stürzen. «Viele Flüchtlinge kommen hier derart entkräftet an, dass sie sich kaum auf den Beinen halten können», sagt Eric Alain Kamdem. Kamdem arbeitet im «Haus der Migranten» in Gao, einer Stadt im Norden von Mali, die zu einem der wichtigsten Knotenpunkte für Migrantinnen und Migranten wurde. Der Senegalese Manumbe N’Diaye, der gerade hereinkommt, war vorgestern schon hier. «Weil er kaum ansprechbar war, hatten wir ihn als Erstes ins Krankenhaus gebracht», erklärt Kamden. Von dort wurde der junge Mann gerade entlassen. Kamdem lässt N’Diaye zu einer Matratze in einem der Mehrbettzimmer bringen.

Geschäft mit der Flucht

Das «Haus der Migranten» ist eine Anlaufstelle für Menschen, die nach Europa wollen oder nach ihrem Scheitern auf dem Rückweg sind. Im «Haus der Migranten », das die Pfarrei von Gao vor zehn Jahren eröffnete, bekommen Durchreisende Wasser, Essen und eine Unterkunft. Wer krank ist, wird auf Kosten der Pfarrei behandelt. Vor allem aber kriegen die Reisenden Zuspruch, Rat und Hilfe bei den Formalitäten, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren wollen. Im vergangenen Jahr seien rund 2000 MigrantInnen durch Gao gekommen. Die Zahlen erheben die Mitarbeiter des Hauses bei den Schleppern in der Stadt. Allein in den vergangenen vier Monaten habe das Zentrum gut 200 Menschen betreut, sagt Kamdem, rund 30 mehr als im gleichen Zeitraum davor. Die meisten seien auf dem Rückweg. «Auf dem Hinweg meiden sie uns oder werden von Fluchthelfern in Massenunterkünften festgehalten, in denen die Menschen immer öfter misshandelt werden.»

Das kriminelle Geschäftsmodell der Entführung rentiert auch in Libyen.

Einen wichtigen Grund dafür sieht Kamdem in der steigenden Zahl bewaffneter Konflikte in der Region. Häufig sind Milizen in das Geschäft mit der Flucht involviert. Mali kommt seit einem Militärputsch 2012 nicht zur Ruhe. Im benachbarten Niger beherrschen bewaffnete Islamisten, die zum Teil mit Drogenkartellen kooperieren, viele Gebiete. Besonders schlimm ist die Lage in Libyen. Seit dem Sturz von Muammar al- Gaddafi 2011 gibt es keine Regierung, die das gesamte Staatsgebiet kontrolliert. Stattdessen ist Libyen ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Herrschaftsbereichen. Vom staatlichen Vakuum profitieren unterschiedlichste bewaffnete Gruppen und kriminelle Banden, darunter Netzwerke von Menschenschmugglern und -händlerInnen.

Gefährliche Route

Die in Kenia basierte Forschungs- und Entwicklungsorganisation Sahan hat Anfang Jahr einen Bericht vorgelegt, in dem sie massive Menschenrechtsverletzungen entlang der wichtigsten Migrationsrouten durch den Osten und Norden Afrikas beschreibt. Seit dem Sturz Gaddafis nahmen die Aktivitäten der Menschenschmuggler und Menschenhändlerinnen deutlich zu, und immer mehr MigrantInnen versuchten, Europa via Libyen zu erreichen. Dabei ist keine andere Route auf dem afrikanischen Kontinent so gefährlich wie diese, abgesehen von jener über die ägyptische Sinai-Halbinsel. Dort betreiben Beduinen regelrechte Foltercamps, in welchen sie gekidnappte Flüchtlinge quälen, um von deren Verwandten Lösegeld zu erpressen. Seit Israel die Grenze zu Ägypten mit einer massiven Grenzanlage 2012 faktisch geschlossen hat, scheinen die Entführung und die Misshandlung von MigrantInnen in Libyen zuzunehmen – als sei das kriminelle «Geschäftsmodell» einfach verlagert worden. Die Organisation Sahan berichtet von Gefängnissen in mehreren Orten und Städten im Süden Libyens und an der Küste, in denen die unterschiedlichen regionalen Machthaber Flüchtlinge zum Teil über Monate festhalten und mancherorts misshandeln. Freigelassen werden sie demnach häufig erst nach der Zahlung von Lösegeld durch ihre Verwandten. «Manche dieser Haftzentren werden betrieben wie Warenlager für menschliches Handelsgut (vor allem in Ajdabiya)», heisst es im Bericht von Sahan. Auch der selbsternannte Islamische Staat hält demnach MigrantInnen gefangen.

«Bitte holen Sie uns hier raus»

Eins von vielen dieser «Ausschaffungsgefängnisse » befindet sich rund 30 Kilometer östlich der zentrallibyschen Stadt  Misrata. «In der Hochsaison der Migration haben wir hier um die 1000 Menschen », sagt Gefängnisleiter Salah Abed Abous. Zurzeit seien hier nur 350 Migranten, «so wenige wie noch nie.» Aber schon diese 350 liegen in mehreren Räumen so eng auf ihren Matratzen zusammen, dass man sich gar nicht vorstellen will, unter welchen Umständen die dreifache Anzahl von Menschen hier überleben soll. Immerhin scheint die Gefängnisleitung bemüht, die Bedingungen für die Menschen so erträglich wie möglich zu gestalten. Mit Hilfe der Flüchtlinge baut sie eine ehemalige Schule auf dem Nachbargrundstück um, in der die Gefangenen mehr Platz haben sollen.

Freiwild der Milizen

«Bitte holen Sie uns hier raus», fleht der 30-jährige Nigerianer Jose Frank Amo. «Ich werde seit acht Monaten hier festgehalten. Wir sitzen den ganzen Tag auf unseren Matratzen, werden häufig geschlagen – es ist furchtbar.» Er habe bis zu seiner Verhaftung drei Jahre lang auf Baustellen in Libyen gearbeitet und gutes Geld verdient, das er nach Hause schickte. Bis zum Sturz Gaddafis war die nordafrikanische Erdölnation ein Anziehungspunkt für Arbeitsmigranten vom ganzen Kontinent. Seit die libysche Regierung gestürzt wurde, sind die ausländischen Arbeiter zum Freiwild der verschiedenen Milizen geworden.

Grausames Vorbild

Kamdem hört immer öfter davon, dass islamistische Gruppen nun auch im Norden Malis MigrantInnen kidnappen und in Geiselhaft nehmen. Sie quälen ihre Opfer und zwingen sie, ihre Verwandten anzurufen. Diesen wird am Telefon gedroht: Entweder werde ein bestimmtes Lösegeld bezahlt oder der Gefangene werde umgebracht. Als Lösegeld würden dann beispielsweise umgerechnet 45 Franken gefordert. Eine vergleichsweise bescheidene Summe. Die Folterer auf dem Sinai verlangten nach Aussage von Überlebenden teilweise mehr als 30 000 US-Dollar pro Person. Obwohl die Summen in Mali niedriger sind, scheinen die kopierten Praktiken vom Sinai und aus Libyen auch hier zu wirken. Selbst wer nicht in die Hände solcher Banden gerät, wird von Schleppern misshandelt und geradezu fahrlässig zu Tode gebracht. «Man hört so viel von den Toten im Mittelmeer», kritisiert Kamdem, «während über die Toten in der Wüste kaum jemand spricht.» Nur hin und wieder macht das Sterben auf dem Weg nach Norden international Schlagzeilen, zum Beispiel Mitte Juni 2016. Im Norden Nigers waren die Leichen von 34 MigrantInnen gefunden worden, darunter die sterblichen Überreste von 20 Kindern. Nach Angaben des nigrischen Innenministers waren die Reisenden von ihren Schleppern in der Wüste ausgesetzt worden.

Nur noch nach Hause

Manumbe N’Diaye hat sein Leben immerhin retten können, wurde aber unterwegs von Bewaffneten angehalten und ausgeraubt. Er sah in der Wüste Tote, sah Menschen sterben und um ihr Überleben kämpften. Nachdem auch er in der Wüste zurückgelassen worden war, hätte er es selbst fast nicht geschafft. Dann erreichte er doch noch eine Siedlung und fand jemanden, der ihm Wasser gab und einen Becher mit Milch. Jetzt will N’Diaye nur noch nach Hause. «Da ging es mir eigentlich nicht schlecht, ich handelte mit gebrauchter Kleidung und hatte mein Auskommen», sagt er. «Aber ich war nicht zufrieden, wollte einfach mal etwas anderes versuchen. Jetzt erst weiss ich zu schätzen, wie gut es zu Hause war.»