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Film Kein Paradies

Von Nina Astfalck. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2016.
Mit seinem Film «Paradise» inszeniert Sina Ataeian Dena die Spannung zwischen den gesellschaftlichen Normen und dem Wunsch nach weiblicher Selbstbestimmung. Schon der Filmtitel spielt mit diesem Gegensatz: Was der Regisseur uns zeigt, ist kein Paradies.

Die 25-jährige Primarlehrerin Hanieh ist ledig und lebt bei ihrer schwangeren Schwester in Teheran. Ihr Weg zur  Arbeit in einer Mädchenschule ist mit  langem, ermüdendem Pendeln verbunden. Zuhause rauben die familiären Pflichten Haniehs letzte freie Zeit, die  verniedlichenden Worte ihres Freundes  fressen den Rest ihrer Energie. Ihr Zivilstand verlangt nach kontinuierlicher  Rechtfertigung. Das Gesuch um eine  Versetzung in eine innerstädtische Schule  bleibt fast in den endlosen Mühlen der  Bürokratie hängen. Ein Dialog zwischen Hanieh und einer  Mitarbeiterin der Schulbehörde, den  man zu Beginn des Filmes aus dem Off  hört, zeigt Haniehs mangelnde Kenntnisse  der Kleidervorschriften und Sittenregeln. Genau diese sollte sie aber als  Lehrerin durchsetzen.

Hanieh versucht ihrer Realität zu entfliehen  und einen eigenen Weg zu finden.  Mit eindrücklichen, kurzen Dialogen und  aussagekräftigen Bildern veranschaulicht  der iranische Regisseur Sina Ataeian  Dena die unsichtbaren Grenzen und die  Unmöglichkeit dieses Vorhabens: Hanieh rasiert sich den Kopf, aber der Millimeterschnitt  wird vom Kopftuch verdeckt.

Auch Haniehs Schülerinnen kämpfen mit dem Rollenbild, dass ihnen übergestülpt  wird. Während der Pausen unterbrechen ständig schrille Ermahnungen der Aufseherin das Spiel. In Reih und Glied aufgereiht müssen sie politisch-religiöse Lieder singen und Gymnastikübungen  machen. Als jedoch ein Fussball auf dem Pausenplatz landet, spielen die Mädchen  ausgelassen und ignorieren die Aufforderungen  zum Aufhören. Als zwei Schülerinnen spurlos verschwinden, verwickeln sich die Schicksale von Hanieh und ihren Schülerinnen. Erfährt man zunächst  anhand Haniehs Alltag die unsichtbare, strukturelle Gewalt der Gesellschaft  gegenüber Frauen, kommt es nun  zu einer realen und lebensgefährdenden Bedrohung.

«Paradise» ruft ein beklemmendes Gefühl hervor, weil er aufzeigt, dass es in der iranischen Gesellschaft keinen Raum  gibt, wo Mädchen und Frauen sich selbst  sein können. Gesetze und Moralvorstellungen  regulieren alle Lebensbereiche.

Wie durchdringend die staatliche Kontrolle  und Unterdrückung sind, zeigt sich  letztlich auch darin, dass der Regisseur  den Film illegal drehen musste und seine  Veröffentlichung von offizieller Seite fast verhindert wurde. Ein sehenswerter Film,  der zum Nachdenken anregt