Charles und Hamid – Rosa und Ileana – Kevin und Kate. © Julia Krusch.
Charles und Hamid – Rosa und Ileana – Kevin und Kate. © Julia Krusch.

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte Aus Engagement wird Freundschaft

Von Carole Scheidegger und Lynn Dudenhöefer. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2016.
Unzählige Leute setzen sich gemeinsam mit Amnesty International für andere Menschen ein. Für Menschen, die sie noch nie gesehen haben und die vielleicht Tausende Kilometer entfernt leben. Manchmal entstehen aus diesem Einsatz echte Freundschaften.
Befreundet seit 35 Jahren

«Ich hatte sie dreieinhalb Jahre im Herzen, als ich Briefe für sie schrieb. Und plötzlich stand ein Mensch aus Fleisch und Blut vor mir.» Ileana Heer erinnert sich noch genau an den Tag vor 35 Jahren, als sie Rosa* am Flughafen Zürich endlich umarmen durfte. Die gebürtige Tessinerin, die schon seit Langem in der Deutschschweiz lebt, hatte zuvor viele Briefe an die argentinische Militärjunta geschrieben. Darin forderte sie die Freilassung von Rosa, einer jungen Bolivianerin, die während Argentiniens Militärdiktatur in den 1970er-Jahren eingesperrt wurde, weil sie sich für die Menschenrechte eingesetzt hatte. «Ich war natürlich nicht allein in meinem Einsatz; meine ganze Amnesty-Gruppe schrieb Briefe. Auch die damalige Vizepräsidentin der Schweizer Amnesty-Sektion, Marta Fotsch, engagierte sich stark», erinnert sich Ileana. Endlich kam Rosa frei, und es gelang, sie in die Schweiz zu holen. Von hier aus suchte die Bolivianerin nach ihrer kleinen Tochter Tamara, die während der Gefangenschaft der Mutter verschwunden war. Schliesslich fand sie das Mädchen mit Hilfe der «Abuelas de Plaza de Mayo» in Buenos Aires – das sind jene Grossmütter, die seit Jahrzehnten nach ihren während der Militärdiktatur verschwundenen Kindern und Enkelkindern suchen. Rosa konnte ihre Tochter mit in die Schweiz nehmen. Ileana Heer nahm an dieser bewegten Geschichte stetig Anteil, war Rosas Trauzeugin und wurde viele Jahre später auch an die Hochzeit der mittlerweile erwachsenen Tamara eingeladen. Manchmal lag ein langer Weg zwischen den beiden Frauen, denn Rosa zog zuerst nach Spanien, dann nach Bolivien und wieder zurück nach Spanien. Trotzdem riss der Draht nie ab. Ileana Heer sagt: «Zwischen uns gibt es eine Verbundenheit, die nicht endet, selbst wenn wir uns länger nicht sehen.»

Befreit aus der Todeszelle

Wie ein Kind vor Weihnachten: So fühlte sich Charles Perroud in den Tagen, bevor er endlich Hamid Ghassemi-Shall persönlich treffen konnte. Hamid war eben erst nach Kanada zurückgekehrt. Davor hatte er fünf Jahre lang im berüchtigten Evin-Gefängnis in Irans Hauptstadt Teheran gesessen. Der kanadisch-iranische Doppelbürger war im Mai 2008 festgenommen worden, als er gerade seine Mutter im Iran besuchte. Auch sein älterer Bruder wurde verhaftet. In einem unfairen Verfahren verurteilte ein Gericht beide Männer wegen «Spionage» zum Tod. Hamids Bruder Alborz starb im Januar 2010 im Gefängnis. Die Todesursache ist unklar. Antonella Mega, die in Kanada lebende Frau von Hamid Ghassemi- Shall, hörte eineinhalb Jahre lang nichts von ihrem Mann, der in Einzelhaft sass. Irgendwann erhielt sie die Nachricht von einer drohenden Hinrichtung. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich im Februar 2011 an Amnesty International Kanada. So lernte sie Charles Perroud kennen. Er war damals als Aktivismus-Koordinator angestellt, nebenbei war er auch als ehrenamtlicher Fachmann für das Thema Todesstrafe und für Aktionen zum Iran bei Amnesty tätig. Charles organisierte diverse Aktionen zum Fall Ghassemi-Shall, eine davon in Montreals Innenstadt: Amnesty-Mitglieder bauten aus Holz eine Gefängniszelle nach, in der Charles 24 Stunden lang trotz kanadischem Winterwetter ausharrte. Die Aktionen zeigten Wirkung, die Medien und die Politik begannen sich schliesslich für Hamid zu interessieren. «Ich habe mich schon für viele Gefangene eingesetzt, aber so berührt wie dieser hat mich kein Fall», sagt Charles. Als schliesslich 2013 die erlösende Nachricht von Hamids Freilassung kam, übte er zuerst Zurückhaltung. «Ich wollte sicher sein, dass die Sache stimmt – schliesslich wäre es nicht die erste Falschmeldung aus dem Iran.» Aber doch, es war wahr und Hamid kehrte am 10. Oktober 2013 nach Kanada zurück. Drei Wochen später konnte Charles den Mann, für den er sich so intensiv eingesetzt hatte, endlich in die Arme schliessen. Noch heute haben die beiden Kontakt. Da 600 Kilometer zwischen Charles’ Wohnort in Trois-Rivières in Quebec und Hamids und Antonellas Daheim in Toronto liegen, sehen sie sich nicht so oft, wie sie das gern hätten. Aber die Verbindung bleibt. Auch mit Antonella ist Charles befreundet. Schliesslich arbeiteten sie so lange Seite an Seite für Hamids Freilassung – eine prägende Erfahrung.

Die Hoffnung bleibt

Kevin Cooper wurde 1985 wegen vierfachen Mordes zum Tode verurteilt. Mehr als 30 Jahre später sitzt er immer noch in der Todeszelle im Gefängnis San Quentin in Kalifornien. Er hat stets betont, dass er unschuldig sei. Kate Orange ist Allgemeinärztin und langjährige Amnesty-Unterstützerin. Sie lebt in Upper Hutt in Neuseeland. Zwischen den beiden Leben liegen über 10 000 Kilometer. Dennoch unterhalten sie eine einmalige Freundschaft. Kate hörte erstmals von Kevin, als sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Kalifornien lebte. Das war 1992. Sie begann, ihm Briefe zu schreiben. Aus Briefen wurden Besuche. Kate beschreibt Kevin als starke Persönlichkeit. Er lese und informiere sich über die «Welt draussen». Deshalb schickt die Ärztin dem Gefangenen regelmässig Fotos. Er hat in seiner Zelle keinen Stuhl oder Schreibtisch. Wenn er schreibt, sitzt er auf einem Eimer. Trotz zahlreicher Besuche im San-Quentin-Gefängnis kann sich Kate nicht an die Umgebung gewöhnen, in der Kevin seine Tage verbringt. Mehr als 700 Männer leben in käfigähnlichen Zellen. Kate sagt: «Es ist schwer zu beschreiben, was ich nach einem Gefängnisbesuch fühle. Ich bekomme meinen Pass zurück und es wird mir ‹ein schöner Tag› gewünscht. Ich bringe jeweils keine Antwort heraus, ich kann nur nicken.» Im Februar 2004 wäre Kevin beinahe hingerichtet worden. Nur gerade vier Stunden vor der Hinrichtung wurde diese aufgeschoben. Kate kann diesen Tag nicht vergessen: «Wie soll man verstehen, dass einem Freund ein Termin gesetzt wurde, an dem er sterben soll?» Heute haben Kate und Kevin die Hoffnung, dass sein Todesurteil in eine Haftstrafe umgewandelt werden könnte. «Als Kevin kurz vor der Hinrichtung stand, wollte er, dass seine Asche in Neuseeland verstreut wird, weil er auf meinen Fotos gesehen hat, wie es hier aussieht», sagt Kate. «Zum Glück kam es nie so weit. Jetzt sprechen wir darüber, dass seine Asche nach Neuseeland geschickt wird, wenn er als alter Mann stirbt – hoffentlich in Freiheit.»