«Konzerne nehmen Kritik ernster als vor 10 oder 20 Jahren», sagt Ökonom Markus Mugglin. © Daniel Rihs
«Konzerne nehmen Kritik ernster als vor 10 oder 20 Jahren», sagt Ökonom Markus Mugglin. © Daniel Rihs

Buch «Die Globalisierungskritiker haben sich globalisiert»

Interview: Carole Scheidegger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2016.
Unternehmen hören heute besser zu, wenn sie wegen Missachtung von Menschenrechten und Umwelt kritisiert werden. Weshalb das so ist, erklärt der Journalist Markus Mugglin im Interview. In seinem neuen Buch setzt er sich mit Unternehmen und NGOs auseinander.

Amnesty: Was hat Sie motiviert, ein Buch über Konzerne und NGO-Kampagnen zu schreiben?
Markus Mugglin: In den letzten Jahren gab es viele Skandale und  Berichte darüber, aber keinen Überblick über die Entwicklung. Mich hat interessiert, ob sich Veränderungen feststellen lassen: Gehen Konzerne auf Kritik ein oder nicht?

Welche Veränderungen sehen Sie?
Konzerne nehmen Kritik ernster als vor 10 oder 20 Jahren. Auch die NGOs haben sich verändert:  Indem sich die Globalisierungskritiker selber globalisiert haben, vermögen sie die Konzerne jetzt viel stärker unter Druck zu setzen. Dazu kommt eine plakative Verpackung der Kritik, beispielsweise durch die Kopie der  Methoden von Ratingagenturen. Komplexe Zusammenhänge werden über klare Botschaften effektvoll publik gemacht.  

Was hat Sie am meisten überrascht?
Am meisten hat mich überrascht, dass Nestlé von manchen NGOs auch Lob bekommt. Auch von NGOs, die nun wirklich nicht als brav gelten. Im Ranking «Behind the Brands» von Oxfam rangiert Nestlé bei den Lebensmittelkonzernen hinter Unilever auf dem zweiten Platz. Natürlich gibt es auch weiterhin viel Kritik, zum Beispiel bei Kinderarbeit – dort ist Nestlé auf dem Weg zu Verbesserungen, aber noch nicht am Ziel.

Sind solche Entwicklungen bei  Nestlé und anderen Konzernen nur Imagepflege oder ernstgemeinte Bemühungen?
Image ist ja nicht nur ein rein äusserliches Bild. Ein schlechtes Image kann zu Umsatzeinbussen oder teuren Klagen führen. Wenn ein Unternehmen nicht nur auf das nächste Quartal schaut, sondern mittel- und längerfristig denkt, muss es auf Kritik eingehen.  

In welchen Branchen hat sich in den letzten Jahren die grösste Veränderung gezeigt?
Generelle Aussagen sind schwierig. Was sich sagen lässt: Die Rohstoffbranche ist der Nachzügler. Sie hat sich sehr lange nicht für die Meinung der Öffentlichkeit interessiert. Im Buch schildere ich, wie ich 2007 eine dürre Absage von Glencore erhielt, als ich den Chairman interviewen wollte. Mittlerweile reden auch Rohstoffunternehmen von Menschenrechten und Nachhaltigkeit. Aber  sie sind noch nicht sehr weit. Das zeigt das neuste Beispiel von «Dirty Diesel». Die Rohstoffunternehmen verteidigen den Verkauf von stark schwefelhaltigen Treibstoffen in Westafrika legalistisch, als ob die dadurch gefährdete Gesundheit von vielen Menschen mit der Einhaltung von Gesetzen zu rechtfertigen wäre.

Schmälert es automatisch den Profit, wenn Unternehmen die Menschenrechte respektieren?
Kurzfristig kann das tatsächlich den Profit schmälern. Wenn ein Bergbauunternehmen darauf schaut, dass Umsiedlungen fair verlaufen und die Leute weiterhin sauberes Trinkwasser haben, sind diese Investitionen mit Kosten verbunden. Aber auf Dauer lässt sich bei fairen Bedingungen auch gut wirtschaften, manchmal sogar besser.

Ist für NGOs Konfrontation oder Kooperation gegenüber Unternehmen die bessere Strategie?
Die  Erfolgsaussichten sind am grössten, wenn eine Organisation beide Strategien beherrscht. In den 1980er-Jahren setzten nicht zuletzt  kirchliche Hilfswerke nicht selten einseitig  auf Dialog. Damit  erzielten sie wenig Resultate.  

Wie sehen Sie die Rolle der Schweizer Regierung, wenn es um die Verantwortung von Konzernen geht?
Sie ist sehr zurückhaltend. Zwei Beispiele: Erstens hat der Bundesrat schon für Ende 2014 einen Bericht zur Umsetzung der Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte versprochen. Seither wurde er  immer wieder verschoben. Bis heute liegt er nicht vor (Anm. der. Red.: bei Redaktionsschluss Mitte November). Das zweite Beispiel: Die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen wurden nur schwach umgesetzt, mit einer sehr passiven Beschwerdeinstanz. Sie beschränkte sich bis vor kurzem auf die Rolle eines Mediators zwischen kritisierten Unternehmen und klagenden NGOs oder Gewerkschaften. In mehreren anderen Ländern greifen die Beschwerdeinstanzen aktiv ein und fordern mit gerichtsähnlichen Urteile Verbesserungen.

In Ihrem Buch interviewen Sie Danièle Gosteli-Hauser von Amnesty International. Warum haben Sie gerade diese Fachfrau für Wirtschaft und Menschenrechte ausgewählt?
Danièle Gosteli-Hauser ist seit 20 Jahren in diesem Bereich tätig. Sie war eine Akteurin in den Veränderungen und kann aus eigener Erfahrung über eine lange Periode berichten. Aus dem gleichen Grund wünschte  ich mir auf Konzernseite  ein Gespräch mit Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck-Letmathe.

Im Oktober wurde die Konzernverantwortungsinitiative eingereicht. Mit welchen Argumenten sollten die dahinterstehenden NGOs die Stimmbevölkerung von diesem Anliegen überzeugen?
Die Initiative scheint laut einer Umfrage mit der Zustimmung von 89 Prozent unglaublich grosse Sympathien zu geniessen.  Dennoch wird es Ängste geben, Ängste vor Bürokratisierung oder einer Schwächung der Wirtschaft. Die Initianten müssen diesen Ängsten etwas entgegensetzen können und aufzeigen, dass neue Regulierungen unbürokratisch umsetzbar sind.