Balkissa Ide Siddo: «Ich habe das Gefühl, dass ich einen Unterschied im Leben der Menschen mache, wenn ich ein Lächeln auf ihre Gesichter bringe und wenn Familien durch unsere Arbeit wieder zusammenkommen.»  © AI / Vera Dudik.
Balkissa Ide Siddo: «Ich habe das Gefühl, dass ich einen Unterschied im Leben der Menschen mache, wenn ich ein Lächeln auf ihre Gesichter bringe und wenn Familien durch unsere Arbeit wieder zusammenkommen.» © AI / Vera Dudik.

Aktiv «Die Menschen stehen zwischen den Fronten»

Interview: Vera Dudik. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2016.
Balkissa Ide Siddo ist seit Februar 2015 Campaignerin im Amnesty-Büro in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Schwerpunktländer ihrer Arbeit sind Tschad, Gabun, die Republik Kongo, Kamerun und die Zentralafrikanische Republik.
Amnesty: In Kamerun beschäftigen Sie sich vor allem mit den Menschenrechtsverletzungen durch Boko Haram und die Armee. Wie hat Boko Haram die Sicherheitslage in Kamerun verändert?

Balkissa Ide Siddo: Die bewaffnete Gruppierung Boko Haram hat ihr Vorgehen deutlich verstärkt, von Juli 2015 bis Juli 2016 hat Boko Haram mehr als 200 Anschläge verübt. Sie verschleppen und töten Menschen und brennen ganze Dörfer nieder. Besonders perfide ist, dass die Gruppe bevorzugt junge Mädchen dazu benutzt, Anschläge auszuführen, weil diese leichter durch Sicherheitskontrollen kommen. Im Norden des Landes herrscht Angst, während Menschen in anderen Regionen sich relativ sicher fühlen.

Mit welchen Massnahmen hat die Regierung Kameruns auf diese Bedrohungslage reagiert?

2014 wurde ein neues Anti-Terror-Gesetz verabschiedet, das ein grosses Problem darstellt. Es fasst Terrorismus sehr weit und schränkt das Recht auf freie Meinungsäusserung ein. Du bist allein schon Terroristin oder Terrorist, wenn du die öffentliche Ordnung störst. Vor Einführung des Anti-Terror- Gesetzes stand Kamerun kurz davor, die Todesstrafe abzuschaffen. Jetzt können Menschen hingerichtet werden, nur weil sie verdächtigt werden, Mitglied von Boko Haram zu sein. Sie werden willkürlich inhaftiert und in inoffiziellen Hafteinrichtungen gefoltert.

Wie gewinnen Sie die Informationen für Ihre Berichte?

Bevor wir auf eine Ermittlungsmission gehen, beobachten wir die Situation, um abschätzen zu können, was uns erwartet. Wenn wir dort sind, treffen wir Journalistinnen, Rechtsanwälte, Aktivistinnen und Aktivisten. Entscheidend ist, lokale Netzwerke zu nutzen. Wir sprechen mit Opfern und deren Familien, wir gehen in Gefängnisse. Zurück in Dakar überprüfen wir die Informationen, auch mit anderen Amnesty- Teams, die uns zum Beispiel die Echtheit von Fotos oder Videos bestätigen. Wir stellen sicher, dass das, was in den Bericht kommt, hundertprozentig stimmt. Aber wenn wir die kamerunischen Behörden treffen, um ihnen unsere Ergebnisse mitzuteilen, sagen sie jedes Mal, dass wir sie ohne Beweise beschuldigen.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?

Sie bereichert mich. Das war nicht so, als ich noch in der Privatwirtschaft gearbeitet habe. Bei Amnesty zu arbeiten, gibt meinem Leben einen Sinn. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Fall eines Menschenrechtsverteidigers aus dem Tschad, der monatelang eingesperrt war. Wir haben sehr viel zu seinem Fall gearbeitet und die Anklagen gegen ihn wurden schliesslich tatsächlich fallen gelassen. Seine Frau rief uns danach an und war so glücklich, dass sie weinte. Ich habe das Gefühl, dass ich einen Unterschied im Leben der Menschen mache, wenn ich ein Lächeln auf ihr Gesicht bringe und wenn Familien durch unsere Arbeit wieder zusammenkommen.