Gibt scheinbaren Halt und Orientierung: Der zum Islam konvertierte deutsche Prediger Pierre Vogel, auch Abu Hamza genannt, an einer Kundgebung in Frankfurt am Main, 2011.  © Stephan Morgenstern/laif
Gibt scheinbaren Halt und Orientierung: Der zum Islam konvertierte deutsche Prediger Pierre Vogel, auch Abu Hamza genannt, an einer Kundgebung in Frankfurt am Main, 2011. © Stephan Morgenstern/laif

Hand in Hand – Freundschaft, Solidarität und Menschenrechte Gefährliche Freundschaften

Von Uta von Schrenk. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2016.
Freundschaft ist nicht immer im Sinne der Menschenrechte. So bieten sich Islamisten Jugendlichen als vermeintliche Freunde an, um diese für ihre menschenverachtenden Ideen zu benutzen.

Ob Deso Dogg tot ist, weiss man nicht so genau. Im Netz kursieren Gerüchte. Das Pentagon erklärte den deutschen Rapper 2015 für tot, die Propagandaabteilung der Terrormiliz IS im April 2016 für lebendig, die deutschen Sicherheitskräfte im Juni dann für möglicherweise verletzt, ein syrischer Journalist im Juli wiederum für tot. Wie auch immer. Seiner Legendenbildung ist das Hin und Her sicherlich dienlich. Schliesslich geht es darum, Anhänger zu finden und zu binden.

Ein Rapper wie Deso Dogg hatte oder hat eine besondere Strahlkraft. Seine Songs bedienen das gerade bei sozial abgehängten Jugendlichen beliebte Underdog-Image, seine maximal provokanten Botschaften wie «Wir wollen euer Blut, es schmeckt so wunderbar» sind für den IS videotauglich, und seine Biografie als ehemals deutscher Gangsta-Rapper, der als Vorkämpfer eines islamischen «Gottesstaates» zu sterben bereit ist, bietet der Szene den grösstmöglichen Phönix-Effekt – den Aufstieg aus der Asche der Ungläubigen.

Junge Szene

Islamismus beziehungsweise Salafismus findet sich in Westeuropa vor allem in der Jugendszene sowie bei jungen Erwachsenen, heisst es bei der Beratungsstelle Radikalisierung des deutschen Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. «Im Schnitt sind die Jugendlichen, die sich radikalen Salafisten anschliessen, 18 bis 19 Jahre alt. In etwas mehr als einem Viertel der Fälle sind es Mädchen, auch hier ist die Tendenz steigend.» Die ExpertInnen der Beratungsstelle betonen, dass es sich hier um ein «gesamtgesellschaftliches Phänomen» handele – muslimische Familien sind ebenso betroffen wie christliche, Akademikerfamilien ebenso wie sozial schwache.

Ganz offensichtlich füllen die IslamistInnen mit ihren Angeboten eine Lücke.

Es ist eine bittere Erkenntnis: Ganz offensichtlich füllen die IslamistInnen mit ihren Angeboten eine Lücke. Sie bieten sich Jugendlichen an, die auf der Suche nach Halt und Orientierung sind. Eine gefährliche Freundschaft, die auf recht unterschiedlichen Wegen angebahnt wird.

Islam in 30 Sekunden

In der islamistischen Szene Deutschlands gibt es regelrechte Stars wie den tot geglaubten Deso Dogg oder den Ex-Boxer Pierre Vogel. Die Anziehungskraft der Szene versucht Jochen Müller von ufuq.de, einer Beratungsstelle zu Islam in Jugendkulturen und politischer Bildung, so zu erklären: «Jugendliche sind auf der Suche – und dann kommt ein Pierre Vogel und rappt ihnen den Islam in 30 Sekunden. Das hat dann nichts mit Manipulation zu tun, Pierre Vogel bedient in diesem Moment auf sehr einfache Weise bestimmte Bedürfnisse nach Orientierung und Gemeinschaft.»

Die Ansprache erfolgt überall dort, wo Jugendliche sind: auf der Strasse, in Shisha-Bars und vor allem über das Internet. «Das Internet erreicht viel mehr Jugendliche als eine Moschee oder eine Kirche. Die Eltern haben oft keine Ahnung in religiösen Fragen oder sie sind zu traditionell beziehungsweise herkunftsbezogen für ihre hier geborenen Kinder. Und der Imam in der Moschee fällt auch oft aus, weil er sich in den Lebenswelten der Jugendlichen auf Facebook oder in Shoppingmalls nicht auskennt. Was machen die Jugendlichen? Sie suchen im Internet nach Antworten – wo sie mit grosser Wahrscheinlichkeit auch auf Prediger wie Pierre Vogel stossen.» Letzterer hat auf Facebook immerhin mehr als 200 000 Likes gesammelt. Und «Dabiq», das Online-Magazin der Terrormiliz IS mit Links zu ihren martialischen Propagandavideos, erscheint inzwischen auch auf Englisch und Deutsch – Zielgruppe Westeuropas Jugend.

Jugendliche erfahren plötzlich ein – scheinbares – Freundschaftsangebot.

Die Motivation, sich dem Salafismus zuzuwenden oder zu konvertieren, ist nach der Erfahrung der ufuq-MitarbeiterInnen, die an Schulen und in Jugendeinrichtungen Beratungs-arbeit leisten, ähnlich gelagert wie etwa bei der Zuwendung zum Rechtsextremismus. «Da ist die Suche nach Gerechtigkeit, Zugehörigkeit und Anerkennung, nach Identität, wenn man so will. Oft spielen Familiengeschichten eine Rolle. Sehr oft auch das Gefühl, als Muslim diskriminiert oder benachteiligt zu werden. Salafisten können da andocken und sagen: ‹Sie werden euch immer diskriminieren. Bei uns gehört ihr dazu, gemeinsam sind wir stark› », so Müller.

Jugendliche, die sich in Familie, Schule oder Freizeit als abgehängt oder unterlegen empfinden, erfahren plötzlich ein – scheinbares – Freundschaftsangebot. Und Aufmerksamkeit – endlich nimmt sie jemand wahr, endlich sind sie wer. «Das weist letztlich alles auf ganz normale Bedürfnisse von jungen Menschen hin, die offenbar woanders unbefriedigt oder unbeantwortet bleiben», sagt Müller.

Dein Freund – der Dschihadist

Dem Düsseldorfer Islamwissenschaftler Michael Kiefer zufolge ist die gezielte Ansprache «das wichtigste Rekrutierungsformat, das auch in den sozialen Netzwerken läuft». Da berichten ausgereiste Frauen über ihre Whats-App-Gruppen von ihrem Allah- gefälligen Leben beim IS. Oder Syrien-RückkehrerInnen sprechen gezielt Jugendliche an, von denen sie vermuten, dass sie rekrutierbar sind. Auf Facebook lächelt der IS-Kämpfer vom Foto und ermuntert, Fragen zu stellen – dein Freund, der Dschihadist.

Das Einschwören auf die salafistische Gruppe erfolgt dann über die Abwertung anderer Menschen, über antipluralistische und freiheitsfeindliche Positionen. Stattdessen gibt es einen so süffigen wie gefährlichen Cocktail aus absolutem Wahrheitsanspruch, klaren Orientierungen, einfachen Weltund Feindbildern, aus vermeintlichem «Wissen» über die Religion. Dennoch warnt Müller davor, das Vorgehen der SalafistInnen als Propaganda, Brainwashing oder Manipulation abzutun. «Wenn es die unbefriedigten Bedürfnisse von Jugendlichen nicht gäbe, könnten die Antworten der Salafisten nicht auf fruchtbaren Boden fallen.»

«Wenn ich die gefährlichen Freunde nicht will, muss ich selbst ein guter Freund sein.»

Am Ende dieser gefährlichen Freundschaft zwischen orientierungssuchenden Jugendlichen und sendungsbewussten SalafistInnen steht im Extremfall die Radikalisierung. Dennoch betont Müller, dass es nur einige sind, die in den Dschihad, in den «Heiligen Krieg», ziehen oder bereit sind, anderswo Menschen für ihre Ideologie zu töten. Rund 800 radikale IslamistInnen aus Deutschland seien bislang in das Kampfgebiet nach Syrien und in den Irak ausgereist – ein Drittel von ihnen ist jedoch inzwischen wieder zurückgekehrt.

Angesichts von Millionen Menschen, die ihren muslimischen Glauben in Deutschland friedlich ausüben, erscheint Müller die Angst vor Terror und Gewalt trotz aller Risiken im öffentlichen Diskurs überdimensional. «Das Extreme finden einige Jugendliche cool – den allermeisten muslimischen Jugendlichen ist einer wie Vogel voll peinlich.» Wer nicht wolle, dass sich Jugendliche radikalisieren, müsse ihre Suche nach Orientierung und Identität ernst nehmen – und demokratische Alternativen bieten. «Wenn ich die gefährlichen Freunde nicht will, muss ich selbst ein guter Freund sein», so Müller.